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Ein dunkler Tag in Cheltenham

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 453 vom Donnerstag, 02.02.2017

Sie kamen, um in Cheltenham, dem Mekka des Hindernissports, einen spannenden Renntag zu erleben. Spitzenpferde und Jockeys bei Höchstleistungen zu bewundern,  Siege und Sieger zu feiern. Sie verließen die Bahn und weinten um einen Champion.

Der Trails-Day am vergangenen Samstag ist seit Jahren ein etablierter Termin, der stetig an Bedeutung wächst. In diesem Jahr sogar mit einer Mammutkarte von neun Rennen, da die vor 14 Tagen aufgrund des Wetters ausgefallene Clarence House Chase (2m, Gr.1) mit ins Programm aufgenommen wurde;  somit kamen insgesamt sechs Gruppe-Rennen zur Austragung. Vier hochklassige Rennen waren bereits gelaufen, als das mit sieben Pferden kleine, aber feine Feld der Cotswold Chase, des Aufgalopps für den Cheltenham Gold Cup Mitte März, das Geläuf betrat: der Star-Chaser der bisherigen Saison, Thistlecrack,  sollte hier weitere Match-Praxis erlangen, mit Many Clouds, Smad Place, Silviniaco Conti und Kylemore Lough stellen sich ihm zumindest gestandene Gruppe-Pferde in den Weg.

Um 2:15 Ortszeit hoben sich die Starbänder, der Schimmel Smad Place, seines Zeichens Vorjahrssieger dieser Prüfung und Sieger der renommierten Hennessy Chase, setzte erwartungsgemäß einen flotten Takt, der dunkelbraune Many Clouds, ebenfalls vor Jahren Sieger der Hennessy Chase und als Grand National Sieger in den berühmten weiß-gelb-grünen Farben von Trevor Hemmings einer der Stars des Tages, ließ den heißen Favoriten der Prüfung (und des Cheltenham Gold Cups selber) Thistlecrack nicht aus den Augen, diese drei Pferde drückten dem Rennen schnell ihren Stempel auf.

Winzige Fehler schlichten sich bei Thistlecrack ein, ein Stolperer kostete wertvolle Meter, aber voller Schwung und Elan, hart am Gebiss, kam der braune Wallach unter seinem ständigen Reiter Tom Scudamore in die Gerade, nun schien ein weiterer Sieg des seit nunmehr neun Rennen ungeschlagenen Chasers eine Formalität. Doch unter den Anfeuerungsrufen der brodelnden Menge – und was ist besser als ein atemberaubendes Duell zweier hochklassiger Pferde? -  raffte sich Many Clouds zu einem letzten Angriff auf, Kopf an Kopf, Schulter an Schulter schoben sich die mächtigen Körper der Pferde über die Hindernisse, den berühmt-berüchtigten Cheltenham Hill hinauf dem Ziel entgegen; mal schien Thistlecrack, dann der dunkle Kopf von Many Clouds in Front, ehe dieser unter Aufbietung aller Kräfte genau auf der Ziellinie an eben diesem Vorteil festhalten konnte. Dann legte sich Dunkelheit über die Rennbahn am Prestbury Park.

Leighton Aspell, bei allen 27 Starts der ständige und einzige Jockey von Many Clouds, beschrieb die nun folgende Tragödie so: „Es war so schrecklich. Trotz unserer Siege im Hennessy und im Grand National waren diese 30 bis 40 Sekunden die glücklichsten, die ich mit Clouds hatte. Ich war so stolz auf ihn, dies war seine mit Abstand beste Leistung, und ich konnte es nicht erwarten,  Olli Bell [Moderator für die Live-Übertragung des TV-Senders ITV] und allen Zuschauern zu sagen, wie stolz wir auf Clouds waren und wie viel er uns bedeutete, und wie sehr wir ihn alle lieben.“

„Er würde diesen wunderbar lauten Empfang haben, den er so sehr verdiente, und dann auf einmal schien es, als würde ein Stecker gezogen. Es war grauenhaft.“  Entsetzte Rennbahnbesucher musste mit ansehen, wie Many Clouds, der eben noch mit gespitzten Ohren und ruhiger Atmung („Er begann bereits mit der Erholungsphase“ so Aspell) plötzlich die Hinterbeine , dann ganz den Halt verlor, und mitten im Zieleinlauf zu Boden fiel. Hastig errichtete Schutzwände schirmten das Pferd von der totenstillen Menge ab, Tierärzte waren binnen Minuten zur Stelle, doch kam jede Hilfe zu spät.

Pferde, und besonders Rennpferde, sind fragile Wesen. Seit Jahrhunderten für die Leistungsprüfungen Pferderennen gezüchtet und geformt, sind sie hochklassige Athleten, die zu wundersamen Leistungen fähig sind. Sie begeistern uns durch ihren Einsatzwillen und Kampfgeist, ihr Herz und ihren Charakter. Ungefragt ihrer Bestimmung übergeben, werden sie in den Rennställen der Welt zum überwiegenden Teil geliebt, gehegt und gepflegt. Engagierte Pferdepfleger leben und leiden mit ihren Schützlingen, mit Pferden zu arbeiten ist niemals nur Dienst nach Vorschrift.  In jeder Disziplin des Pferdesports kommt es zu Unfällen, und es ist in der Natur des Rennsports, mit den hier geforderten hohen Geschwindigkeiten, dass Stürze zwar nicht zum Alltag gehören, aber doch wohl unvermeidbar sind.

Gerade der Hindernissport mit seinen so öffentlich sichtbaren und häufig dramatisch anmutenden Unfällen steht dabei nicht nur hierzulande in der Kritik. Es ist, so bekannte mehr als nur englischer Rennsport-Journalist, immer auch ein Pakt mit dem Teufel. Der Sport formt die Pferde, macht sie zu den Athleten, die wir bewundern; sie sind Stars, weil sie sich dem Risiko aussetzen müssen, weil wir sie Gefahren aussetzten, weil sie uns mit ihrem unglaublichen Leistungsvermögen in ihren Bann ziehen. Ohne diese Prüfungen, so banal und beinahe lächerlich es auch klingt, wären sie eben „nur“ ein Pferd in einem Feld, wenn es sie denn überhaupt geben würde. In fast allen Belangen des Lebens ist die Kreatur „Tier“ der Ausbeutung durch den Menschen ausgesetzt; und ganz sicher hat der Rennsport gerade im Spitzensport eine hohe Achtung vor dem Lebewesen Pferd, welches zudem  inzwischen auch hohe monetäre Werte darstellt. Es ist völlig falsch zu vermuten, dass man Todesstütze der Pferde billigend in Kauf nimmt, auch wenn die bittere Wahrheit bleibt, dass zuweilen ein Tier für unser „Vergnügen“ mit dem Leben bezahlen muss.

Many Clouds war ein Spitzen-Rennpferd, ein zwölffacher Sieger, der seinem Besitzer fast eine Million Pfund an Preisgeld eingaloppierte, der hochklassigste Sieger des Grand National seit Red Rum in den 1970er Jahren.  Es war bekannt, dass er mehrfach nach seinen Rennen an Überhitzung litt, hier musste er sofort mit kaltem Wasser behandelt werden. Die BHA, die British Horseracing Authority, führt dem Vernehmen nach eine Liste, auf der entsprechend auffällige Pferde verzeichnet sind, so dass entsprechende Hilfe noch besser koordiniert werden kann. Zu Beginn dieser Saison war der Wallach zudem einer Operation an den Gaumensegeln unterzogen worden, er war, so sein Pfleger „seitdem ein ganz anderes Pferd.  Er fühlte sich so viel besser an, ich war so sicher, dass wir vor einer tollen Saison stehen würden.“

 „Es fühle sich anders an als zuvor“ so ein tieftrauriger Aspell, „wenn er überhitzt war, wurden seine Schritte sofort nach dem Anhalten unsicher, das war am Samstag überhaupt nicht der Fall. Es ist so selten, dass Können, Talent und solch unglaublicher Einsatzwillen  in einem einzigen Pferd zusammenkommen. Manche wollen, aber können nicht, und viele haben Talent, aber nicht das Herz und den Mut. Many Clouds hatte alles, und jeder Jockey auf der Rennbahn wollte ihn reiten. Er war ein Traum.“

Die eilig durchgeführte Autopsie ergab, dass Many Clouds massiven inneren Blutungen erlag, ein auch im Rennsport seltener Vorfall. Andere unterschwellige Krankheiten oder gar Anomalitäten am Herzen konnten ausgeschlossen werden.

Sein so öffentlicher und im Angesicht des zuvor errungenen Sieges umso tragischerer Tod rief in den sozialen Netzwerken eine enorme Welle vom Beileidsbekundungen, Erinnerungsphotos und sogar eigens erstellten Videos hervor, aber auch im so rennsportaffinen England durchaus Kritik. Der Tod von Many Clouds war Schlagzeile einiger Tabloits, dubiose Pferdeschutzorganisationen versuchten, auf Kosten des Pferde billige Schlagzeilen zu produzieren.  Weder Trainer Oliver Sherwood („Ich habe immer gesagt, dass er alles für uns geben würde, wirklich alles. Er war das Pferd meines Lebens, mein Gott, er war das Pferd unserer aller Leben“) noch seine Pfleger waren in der Lage, am nächsten Tag eine Rennbahn zu besuchen. Es war ein wahrhaft schwarzer Tag für den Rennsport.

Angesichts dieser tragischen Vorfälle rückten die sportlichen Höhepunkte des Tages gleichsam in den Hintergrund, auch wenn es derer genügend gab.  JP McManus Defi Du Seuil (Trainer: Philip Hobbs Jockey; Barry Geraghty)  unterstrich seine Ambitionen auf die Triumph Hurdle, auch wenn der Besitzer mit Charli Parcs ein weiteren aussichtsreichen Kandidaten eben für dieses Rennen hat.

Die Clarence House Chase wurde leichte Beute für Willie Mullins´ Un de Sceaux (Jockey: Ruby Walsh), der einem zugegeben recht übersichtlichen Feld sehr leicht seine Hufe zeigte. Der aus einer fast 700tägigen Verletzungspause kommende Uxizandre lief in der Niederlage ein großes Rennen und kam für den zweiten Platz wieder stark auf, dahinter machte das Rennen, normalerweise ein Pointer für die Champion Chase, eher die gähnende Leere englischer Pferde in dieser Sphäre deutlich;  Un de Sceaux selber soll beim Festival die längere Ryanair Chase ansteuern, da Stall Mullins mit Douvan sowieso den Star der Zwei-Meiler betreut. 

Das Bild der World Hurdle war auch vor diesem Renntag durchaus klar, JP McManus´ Unowhatimeanharry (Trainer: Harry Fry, Jockey: Barry Geraghty) stärkte mit seinem Sieg in der Cleeve Hurdle seine uneingeschränkte Favoritenstellung dieses Rennen, in dem der Cole Harden, der 2015er Sieger der World Hurdle, endlich wieder einen Formansatz zeigte und für den zweiten Platz lange und hart kämpfte.

Unbedingt erwähnen muss man auch den absoluten Bahnspezialisten Wholestone (Trainer: Nigel Twiston Davies, Jockey: Daryl Jacob), dessen letzte vier Rennen alle in Cheltenham waren, der dabei drei Siege und einen 2. Platz erzielte und nun als hochgehandeltes Pferd zum Festival reist, auch wenn sein Ziel noch nicht endgültig feststeht.

Im nordenglischen Doncaster trat Vroum Vroum Mag (Trainer: Willie Mullins, Jockey Paul Townend)  in die Fuß (Huf!) Stapfen keiner geringeren als Annie Power; auch wenn „Mags“ in der Gruppe 2 Prüfung über 3300m viel härter als erwartet kämpfen musste. Die so ungemein vielseitige Stute hat dem Vernehmen nach sechs Nennungen für das Cheltenham Festival und Optionen für ein jedes Hauptrennen der vier Tage. Kaum ein Trainer lässt sich gerne in die Karten schauen, und Mullins ist besonders unwillig, frühzeitig genaue Ziele seiner Schützlinge zu definieren. Nach dem Ausfall von Annie Power konnte nun auch Faugheen sein Engagement am vergangenen Wochenende vorerst nicht wahrnehmen, unklar ist der wahre Grund bzw. die Schwere der Verletzung, die dies nötig machte. Zumindest die Champion Hurdle, die Mullins in den letzen sechs Jahren vier Mal gewann, dürfte ihm somit noch einiges Kopfzerbrechen bereiten. 

Catrin Nack

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