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National Hunt - Der Rückblick auf die Feiertage

Der Flemensfirth-Sohn Lostintranslation springt zu Neujahr zum Sieg auf Gr. II-Ebene in Cheltenham. Foto: offiziell

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 550 vom Freitag, 11.01.2019

Die Weihnachtsgans ist verspeist und die Feiertage nur noch eine vage Erinnerung; in England und Irland wurden in den vergangenen Wochen  traditionsgemäß eine Vielzahl hochklassiger Prüfungen ausgetragen, die eines kurzen Rückblicks wert sind.

Absolutes Highlight der „festive season“ ist natürlich die King George VI Chase zu Kempton, eine der Topprüfungen der Saison. Die 2018er Austragung versprach ein besonderer Leckerbissen zu werden, einigen jungen Stars und frischen Siegern stellten sich mit Thistlecrack und Coneygree zwei ältere Publikumslieblinge in den Weg. Durch den frühen Sturz zweier Favoriten war das Rennen dann leider früh eines Großteils seiner Attraktivität beraubt:  der Sieger Clan des Obeaux (Paul Nicholls/ Jockey Harry Cobden), der mit sehenswertem Endspurt Thistlecrack (Colin Tizzard/Tom Scudamore) und den amtierenden Gold Cup-Sieger Native River in Schach hielt, kann durchaus als Überraschung  bezeichnet werden. Es war Nicholls´ rekordverdächtiger zehnter Erfolg in dieser Prüfung, allein fünf Mal hatte der unvergessene Kauto Star hier gesiegt.

Unter dem Stichwort „Überraschung“ lässt sich eine Vielzahl der Ergebnisse zusammenfassen, tatsächlich kam es in diversen großen Prüfungen Englands und Irlands zu ausgesprochenen Schock-Resultaten, die auch die Wettmärkte für das Cheltenham-Festival arg durcheinander brachten. Vor dem King George waren bereits zwei Gr. 1 –Rennen zur Austragung gekommen: in der zu Ehren von eben Kauto Star benannten Novices´ Chase (Gr.1, 3m) schlug endlich die große Stunde der Stute La Bague Au Roi, von der Trainer Warren Greatrex schon lange Lobeslieder singt. Endlich sahen wir, was er schon seit Jahren auf seiner Trainingsbahn beobachten kann, und die Art und Weise, mit der die als 8-1 „Außenseiterin“ gestartete Doctor Dino-Tochter höher gehandelte Gegner wie Topofthegame und vor allem dem Favoriten Santini eine deutliche Niederlage beibrachte, war mehr als sehenswert.

Mit Richard Johnson, eigentlich Stalljockey für Philip Hobbs, aber mehr und mehr der „go-to“ Jockey einer Vielzahl „kleinerer“ Trainer, hat La Bague Au Roi einen Spitzenmann im Sattel, mit dem sie sich zudem blendend versteht: sieben ihrer bisher 13 Siege erlief sie unter Johnson, bei nur acht Ritten. Ausrechnet beim 2018er Cheltenham-Festival hatte es für die beiden eine krachende Niederlage gegeben; Trainer Greatrex ist seitdem sicher, dass die Stute flache Bahnen bevorzugt.  Obwohl also die Kauto Star Chase  eine wichtige Vorprüfung für Cheltenhams  RSA Chase, den Gold Cup für Nachwuchs-Chaser, ist, will sich Greatrex auf einen weiteren Start der Stute dort nicht festlegen.

Auch in der nachfolgenden December Hurdle (Gr.1, 2m), eine Art Aufgalopp für die Champion Hurdle, kam es zu einem überraschenden Ergebnis. Der als unverlierbar geltende, zweifache Champion Hurdle Sieger Buveur d´Air, Anfang Dezember bei seinem Sieg gegen Samcro so beeindruckend, war in der auf dem Papier einfachen Prüfung nie richtig bei der Sache, sah dem Vernehmen nach schon im Führring nicht glänzend aus. Ein grober Fehler drei Hürden vor Schluss besiegelte seine Niederlage gegen die Stallgefährtin Verdana Blue, die nach offiziellem Rating rund 20 Pfund „schlechter“ ist, und auf der Hendersons Stalljockey Nico de Boinville den knappen Sieg trotz offensichtlich defensiver Reitweise nicht „verhindern“ konnte. Nicht, dass die 7j. Getaway-Tochter kein Talent hat; die Stute ist nun achtfache Siegerin und hat dem Vernehmen nach den Melbourne Cup als großes Saison-Ziel, doch keine ihrer Vorleistungen schien eine Gefahr für den in zuvor 11 Rennen ungeschlagenen Buveur d´Air darzustellen. Aber Pferderennen sind eben kein Wunschkonzert.

Das waren sie auch in Irland nicht, zum Leidwesen besonders von Ruby Walsh. Der hatte sich - trotz großer Bonanza in Leopardstown – extra gen Limerick aufgemacht,  aber der Favoritenfluch machte auch vor Getabird nicht halt. Ein schwerer Fehler am letzen Sprung nahm Willie Mullins´ Schützling alle Chancen, so reichte es für den von Gordon Elliott für – na, wen schon? – Gigginstown House  Stud trainierten Hardline. Michael O´Leary´s weinrote Rennfarben sind in irischen Gruppe-Rennen allgegenwärtig, zum Teil stellen seine Starter dreiviertel des gesamten Starterfelds. Nach wie vor wird eine Vielzahl irischer Trainer außer Willie Mullins bedacht, noch ist der Streit über die Trainingskosten nicht beigelegt.

Doch auch hier lief über die Festtage nicht alles nach Plan, der so hocheingeschätzte Mengli Khan versagte ebenso wie Samcro nach Strich und Faden. In der Savills – vielen besser unter dem Namen Lexus- bekannt-  Chase sprang bei fünf Startern nur Platz Drei heraus,  für die hochgehandelte Shattered Love war es ein „off-day“, weiterhin verlor Gigginstown den talentierten Disko, dessen Sturz am letzten Sprung leider tödlich war. Verlass war immerhin auf die famose Apple´s Jade, die in der irischen Christmas Hurdle (Gr.1, 3m) ihr Können auch auf diesem weiten Weg unter Beweis stellte und ihren Gegnern – Opfern trifft es besser – eine satte 26(!) Längen-Niederlage beibrachte.

Überschattet wurde dieses Rennen vom Sturz, dem allerersten seiner Laufbahn, des großen Faugheen. Unter Ruby Walsh ging der inzwischen 11j. (zum Zeitpunkt des Rennens war er offiziell noch zehn) Germany-Sohn in Apple´s Jades Fahrwasser durchaus ansprechend, als diese an der vorletzten Hürde zögerlich sprang und so den routinierten Faugheen zum verfrühten Absprung veranlasste. Ein kollektives Stöhnen ging durch die Menge, die entsetzt den dramatischen Sturz verfolgte, auch der Rennkommentator hatte Mühe, bei der Sache zu bleiben. Längst strebte Apple´s Jade dem Ziel entgegen, da lag Faugheen noch immer regungslos auf dem Geläuf, ein kniender Ruby Walsh an seiner Seite. Jubel brandete auf, als sich der Wallach langsam und etwas wackelig aufrappelte, und das mit Abstand beste Ergebnis des Tages war das Bild eines erschütterten, aber offensichtlich unverletzten Faugheen, der von Walsh Richtung Stall geführt wurde. Der Rennsport sorgt sich um seine Helden.

Der Favoritenfluch machte auch vor dem hochtalentierten Foodpad nicht halt, ein weiteres absolutes Schockergebnis. All diese Ergebnisse haben natürlich auch eine Haben-Seite: verdiente, unterschätze Sieger, die zu ihren ganz eigenen Höhen aufliefen. Der beinahe 12j. Simply Ned rechtfertige die Entscheidung seines Trainers Nicky Richards, die weite Anreise gen Irland aus Cumbria anzutreten, mit seinem brillanten Sieg in Gr.1 „Sugar Paddy“ Chase (2m1f), als er eben den für unschlagbar gehaltenen Foodpad, einem der Banker für das Cheltenham Festival, nach einem Traumritt von Mark Walsh (nicht verwandt) genau auf der Linie abfing. Willie Mullins´ Kemboy gewann die Savills Chase mit verblüffender Leichtigkeit und katapultierte sich an die Spitze des Wettmarkts für den Cheltenham Gold Cup. 

Ein „deutscher“ Einlauf in der Future Champion Novice Hurdle (Gr.1, 2m): hier schlug der Ex-Röttgener Aramon, ein Sohn des großen Monsun, die ebenfalls aus deutschen Wurzeln stammende Sancta Simona (Saddex), der Sieger steht für zwei Prüfungen in Cheltenham unter Order.  Immer mehr macht Jospeh O`Brien auch im Hindernissport von sich reden, vor allem für Besitzer JP McManus hat er bereits einige große Sieger trainiert. Le Richebourg untermauerte seine Stellung im Wettmarkt für die Arkle Chase mit einem glatten Erfolg in der Racing Post Novice Chase (Gr.1, 2m1f). O´Brien, der in der Saison 2018 ja u.a. dem irischen Derbysieger (Latrobe) trainiert hat, ist somit auf dem Weg, einer der besten Dual-Purpose Trainer des Landes zu werden, und das mit gerade einmal 25 Jahren. Die guten Gene vererben sich eben auch bei den Zweibeinern.

Nach dem Schrecken um Faugheen konnte auch Besitzer Rich Ricci mit seinem Sharjah einen schönen Sieger vom Geläuf holen. Der junge Wallach, wie La Bague Au Roi ein Nachkomme von Doctor Dino, ließ über 2m in der Ryanair Hurdle den Hype um Samcro mehr als nachdrücklich platzen;  Sharjah selber nimmt nun einen prominenten Platz im Wettmarkt der Champion Hurdle ein. Samcro, einer der absoluten Stars der letzten Saison, lief das schlechteste Rennen seiner Laufbahn, konnte nur einen Gegner hinter sich lassen und wird vermutlich in dieser Saison gar nicht mehr an den Start kommen. Eingehende Untersuchungen haben nun ergeben, dass der Germany-Sohn unter einem Lungen-Infekt gelitten hat.  Ein weiterer Start in dieser Saison ist zwar nicht unmöglich, aber zumindest fraglich Nach der bereits erwähnten Niederlage von Buveur d'Air ist der Wettmarkt für die Champion Hurdle nun besonders offen.

Von all dem nicht beeindrucken ließen sich vor allem zwei Pferde: Der unvergleichliche Altior beehrte die Rennbahn von Kempton und zeigte erneut, warum er über 2m (3200m) als absolute Maß aller Dinge ist. In der Desert Orchid Chase (Gr.2, 2m) brillierte der High Chaparral-Sohn wieder einmal mit seinem fehlerlosen Springen und mühelosen Tempowechseln, dies war sein 16(!). Erfolg in Folge, über Jagdsprünge ist der Wallach selbstredend ungeschlagen. In Irland ist der 6j. Delta Work (Trainer Gordon Elliot) schon lange kein Geheimtipp mehr, sein glatter Erfolg in der Nevill Hotel Novices Chase (Gr.1, 3m), in dem sein Besitzer Gigginstown fünf der sieben Starter stellte, war der dritte volle Erfolg des Network-Sohns in dieser Saison, bei ebenso vielen Starts.

Das Duell Gordon Elliott vs. Willie Mullins beheizt die irische Szene nach wie vor, und selbst etablierten Trainern wie Henry de Bromhead, der zur Zeit in guter Form agiert, oder Noel Meade, der mit Stalljockey Sean Flanagan durchaus eine Renaissance erlebt, haben Mühe, da den Anschluß zu halten. Mehr als 5 Millionen (!) Euro haben Elliott und Mullins alleine in der laufenden Saison an Preisgeldern abgeräumt, viel bleibt kaum über für den Rest. Seinen ersten britischen Starter hatte Mullins vor Wochenfrist, als die hochgehandelte Laurina, die von Spanish Moon aus der Alkalde-Mutter Lamboghina stammt und beim 2018 der Banker das Meetings war, in Sandown antrat. Leider wurde aus dem Vier-Pferde-Rennen am Renntag selber ein Match-Rennen; der Sieg gegen eine hoffnungslos überforderte Gegnerin war reine Formsache. Laurina selber bleibt nach wie vor für verschiedene Rennen im Cheltenham im Gespräch, ihr Talent ist unbestritten, nur brachte der Start in Sandown leider keinerlei neue Erkenntnisse.

Cheltenhams Renntag am Neujahrestag bot eher soliden als spektakulären Sport, bemerkenswert jedoch, dass beide Hauptrennen von weiblichen Trainern gewonnen wurden. Aso bestätigte die feine Form seiner Trainerin Venetia Williams, wie eigentlich immer um diese Jahreszeit. Mit Jockey Charlie Deutsch, der nach einer Gefängnisstrafe wg. Fahrerflucht neues Vertrauen aufbauen muss, hat Williams einen talentierten und nun besonders loyalen Nachwuchsreiter an ihrer Seite. „Wir machen alle Fehler und ich würde mir in den eigenen Fuß schießen, wenn ich ihm nun keine Chancen geben würde“ umschrieb sie die Situation kürzlich.  Die Relkeel Hurdle (Gr2,  2m4.5f) - benannt nach dem talentierten und fragilen Hürdenpferd gleichen Namens, der in diesem Rennen immer zu Höchstformen auflief - gewann Sue Smith´ talentierter Midnight Shadow. Smith, Ehefrau von Springreiterlegende Harvey, trainiert im hohen Norden der Insel, so dass ihr Schützling schon bei der Anreise Stehvermögen beweisen musste; doch sind ihre Pferde bekannt dafür, besonders abgehärtet zu sein. Bei fünf Siegen hat der aktuell 6j. Wallach bereits zweifacher Gruppe-Sieger und könnte die Stayers Hurdle in Cheltenham ansteuern.

A propos Cheltenham: Die englische Racing Post hat einem Thema in den vergangenen Tagen besondere Aufmerksamkeit gewidmet, namentlich der Weigerung der prominenten Besitzer Paul und Clare Rooney, ihre Pferde aufgrund des erhöhten Verletzungsrisikos  im Mekka des Hindernissports starten zu lassen. Vor Jahren Stammbesitzer bei Donald McCain, verteilt sich ihr kopfstarkes Lot nunmehr auf diverse Trainer in England und Irland, diese wurden per Brief entsprechend instruiert. Im Dezember 2017 hatten die Rooneys, deren Racing Manager Ex-Jockey Jason Maguire ist, dort den hochtalentierten Starchitect verloren, als dieser zwischen den Hindernissen auf der Flachen zu Fall kam und sich tödlich verletzte, zuletzt hatte die Rennbahn durch eine ungenügende Aussteckung der einzelnen Geläufe von sich reden gemacht;  Sechs Pferde starben während der vier Renntage des 2018er Festivals. Kritik an der Rennbahn von Cheltenham, dem Flaggschiff der Hindernisbahnen schlechthin, ist niemals gerne gesehen, auch die Racing Post war in den vergangenen Jahren, wenn es um die bei Weitem nicht immer perfekten Bodenverhältnisse ging, erstaunlich passiv. Nun wählte ein neuer Chefredakteur dieses Thema zu einer Schlagzeile, auch wenn dem Feuer noch ein wenig die Luft zum Anheizen fehlt. Weder Paul noch Clare Rooney haben sich nach Bekanntwerden dieser Nachricht weiterführend öffentlich geäußert.

Catrin Nack 

 

 

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