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Torquator Tasso who, René Piechulek who, Marcel Weiß who? .... WOW!

Hallo, ich habe gerade den Arc gewonnen .... ©Dr. Jens Fuchs

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 689 vom Freitag, 08.10.2021

Der Arc ruft, wir kommen. Nicht irgendein Arc, die 100. Austragung des prestigereichen Rennens, des besten Rennens Europas, wenn nicht gar der Welt. Der 100. Prix de l'Arc de Triomphe. Mit deutscher Beteiligung. Spannend, aber nicht ausschlaggebend. Am ersten Sonntag im Oktober in Paris zu sein, ist Pflicht und Kür zugleich.

In der langen Geschichte hat das Rennen viel erlebt. Erstmals tatsächlich auch genau an einem 03. Oktober ausgetragen – 1920, so viel Mathematik muss sein – konnte es in den Jahren 1939 und 1940 aufgrund der Kriegsgeschehen gar nicht ausgetragen werden, in den Jahren 1943 und 1944 auf einer kürzeren Distanz. Die Rennbahn war im Bombenhagel beschädigt worden. Die alten, verwinkelten, liebgewonnenen Tribünen mussten Mitte der 2010er Jahre einem modernen Neubau weichen, in den Jahren 2016 und 2017 wurde der Arc darum gar auf einer anderen Rennbahn, in Chantilly vor den Toren von Paris, ausgetragen. 2018 war Enable das erste Pferd, das den Arc auf zwei unterschiedlichen Rennbahnen gewinnen konnte. Anders ausgedrückt: Sie war die erste Siegerin des Rennens im „neuen“ Longchamp. Anfang 2020 nahm Covid-19 die Welt in seinen Würgegriff, die 99. Austragung des Prix de l’Arc de Triomphes, vor gerade einmal 1000 Zuschauern, war wohlmöglich die denkwürdigste Austragung des Rennens, aus all den falschen Gründen. 

Doch wir schreiben das Jahr 2021. ParisLongchamp ruft, und alle kommen. England schickt vier Starter, vor allem seinen amtierenden Derbysieger in Form von Adayar (Frankel), und seinen aktuellen St. Leger-Sieger in Form von Hurricane Lane (Frankel). Irland, gewöhnlich „Aidan O'Brien-Land“, vertraut in diesem Jahr vor allem auf Tarnawa (Shamardal), im Training bei Alt-Meister Dermot Weld. O‘Brien selber ist mit „nur“ zwei Startern vertreten, von denen man vor allem der dreijährigen zweifachen Oaks-Siegerin Snowfall (Deep Impact) einige Chancen einräumt. Team Frankreich scheint in diesem Jahr ein rechter Crack zu fehlen. Star-Trainer André Fabre ist nicht vertreten, die Quoten der vier einheimischen Starter lassen kaum Raum für Optimismus (später werden wir lernen, dass lange Quoten natürlich nicht vor Siegen schützen). Seit rund 50 Jahren versucht Japan, den Arc zu gewinnen. Ein stolzes Land mit einer stolzen Vollblutzucht, sogar besagte Snowfall hat ein japanisches Suffix. Eine Rennsportnation, deren Fans in „normalen“ Jahren in Scharen auf die Rennbahn einfallen, Rennprogramme und Souvenirs (und die Quoten für ihr gemeintes Pferd!) gleichsam einsaugen. Große Hoffnungen, die bei jedem Versuch mit großen Enttäuschungen einhergingen. Der Sieg von Deep Bond im Prix Foy, einer der Generalproben für den Arc, machte Hoffnung auf mehr. Hoffnungen, die Rennen selber erneut enttäuscht wurden.  

Und dann ist da noch Torquator Tasso (Adlerflug). Ein Pferd, dem ganz Deutschland zu Füßen liegt. Ganz Deutschland? Nein. Ganz Rennsport-Deutschland? Sehr wohl! Ein englischer Journalist wird später fragen, ob es denn Zufall sei, dass die Rennfarben des Hengstes die deutsche Flagge darstellen. Ein anderer wird gar schreiben, dass „Deutschland, Deutschland ueber alles“ über der Rennbahn erklang. Oh dear ....

Geschichte wiederholt sich: Danedream mit Andrasch Starke und Betreuerin Cynthia Atasoy nach dem Sieg im 90. Qatar Prix de l'Arc de Triomphe vor zehn Jahren. ©Galoppfoto - Frank SorgeGeschichte wiederholt sich: Danedream mit Andrasch Starke und Betreuerin Cynthia Atasoy nach dem Sieg im 90. Qatar Prix de l'Arc de Triomphe vor zehn Jahren. ©Galoppfoto - Frank SorgeZehn Jahre nach Danedreams so wunderbarem Erfolg in eben diesem Rennen ist Rennsport-Deutschland das kleine „gallische“ (teutonische?) Dorf in der globalen Rennsportwelt geblieben. „Blut ist der Saft, der Wunder schafft“ erkannte der legendäre Oberlandstallmeister Graf Georg von Lehndorff bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts und ließ eben diesen Satz in die Stallgasse des ebenso legendären Gestüts Graditz schreiben. Deutsches Voll-Blut ist gefragt, nichts desto trotz muss das Land um sein Ansehen in der Szene gleichsam kämpfen. „Ich habe noch kein klassisches Rennen gewonnen. Doch, in Deutschland, aber das zählt ja nicht“ wurde der englischen Trainer Mick Channon vor gar nicht allzu langer Zeit zitiert; eine Meinung, die vor allem die englische Presse nur zu gerne übernimmt. Natürlich: Namen wie LandoSilvanoNovellist, besagter Danedream wird Respekt gezollt. Nur wenigen ist bewusst, aus welch kleiner Quelle diese Pferde tatsächlich stammen. 

Rund 15.000 Zuschauer mögen sich an „diesem ersten Sonntag im Oktober“ in ParisLongchamp eingefunden haben. Kein Vergleich zu den Hoch-Zeiten, vor allem denen auf den alten Tribünen, als 40- bis 60.000 Fans keine Seltenheit waren. Massen und Massen aus England und Irland, die ausländischen Busse parkten bis weit um den Schlussbogen.  Noch ist das weltweite Reisen nur ein Wind, kein Sturm; die aktuellen Regularien machten vor allem eine Anreise aus Japan sehr schwierig. Nicht, dass Engländer und Iren sich in großen Scharen außer Landes trauten. Zumal die ersten Austragungen im neuen Layout der Tribüne vor allem britische Fans vergraulet hatten. 

Der Moment, von dem jeder träumt: Peter-Michael Endres mit seinem Arc-Sieger Torquator Tasso. ©Dr. Jens FuchsDer Moment, von dem jeder träumt: Peter-Michael Endres mit seinem Arc-Sieger Torquator Tasso. ©Dr. Jens FuchsAb Freitag fiel der Regen. Erst stetig, ab Samstag abend dann satt. Ein Blick aus dem Hotelfenster bestätigte einen überfluteten Parkplatz, Luftlinie zur Rennbahn rund 1000 Meter. Regen- Musik in den Ohren von Trainer Marcel Weiß. Auch wenn sein Schützling zuvor erst einmal auf offiziell schwerem Boden gelaufen war (und sich in München einer gewissen Sunny Queen hatte geschlagen geben müssen) – Weiß selber hatte im Vorfeld stets betont, dass Torquator Tasso auf eben diesem Boden zu ganz besonderen Leistungen fähig sein würde. Es hieße Eulen nach Athen tragen, die Herkunft und Rennlaufbahn des Fuchses an dieser Stelle noch einmal zu beleuchten. Und doch. Geboren für einen Züchter, dessen einzige Stute seinerzeit nur gepachtet war. Eine Tochter von Toylsome, einst selbst Held von Longchamp, der nach gescheiterter Deckhengst-Karriere hierzulande über Frankreich nach Russland abgeschoben wurde. Dem ausgewählten Deckhengst Adlerflug liefen im Jahr 2016 die Stuten auch nicht eben die Bude ein. Der 2017 geborene Hengst musste sich zudem mit dem sperrigen Namen „Tijuan Hilleshage“ herumschlagen. „Hier [in Hilleshage] wohne ich schließlich“ erklärte Züchter Paul Vandeberg im Racebets-Podcast sinngemäß. Die Anmeldung auf der 2018er BBAG-Sales im Rahmen des Sales & Racing Festival – ein nachträglicher Gedanke. Der Verkauf für 24.000 € für einen „kleinen“ Züchter damals durchaus ein Erfolg. Mit dem neuen Besitzer Gestüt Auenquelle bekam der Jährling einen neuen Namen, im Jahr 2019 dann mit Marcel Weiss dann einen neuen Trainer. 

Ihr Pferd, ihr Rennen: Torquator Tassos Betreuerin Katja Heckmann. ©Dr. Jens FuchsIhr Pferd, ihr Rennen: Torquator Tassos Betreuerin Katja Heckmann. ©Dr. Jens FuchsAn diesem ersten Sonntag im Oktober kommt gegen Mittag die Sonne hervor. Nach Novembas gutem Laufen am Samstag sind die deutschen Fans in aufgeräumter Stimmung. Schwer abzuschätzen, wie viele tatsächlich die Reise gen Paris angetreten haben. „Wir sind eine kleine Familie“ bekennt ein Fan, der aus Iffezheim eine nicht ganz so lange Anreise hatte. Torquator Tassos „bessere Hälfte“, Katja Heckmann, hat neben Freund auch Teile der Familie im Gepäck. Heckmann, seit Jahrzehnten im Rennsport tätig, hat mit TT das Pferd ihres Lebens gefunden.  Bereits den ersten Sonntag im September hatte sie zum „besten Tag meines Lebens“ erkoren, ihre überschwängliche und leidenschaftlich Freude nach Torquator Tassos Sieg im Großen Preis vom Baden hatte die sonnige Rennbahn noch weiter erhellt. Der erste Ritt im Arc: Rene Piechulek und Torquator Tasso werden für die Sensation sorgen und für Katja Heckmann (rechts) erfüllt sich ein Traum. ©Dr. Jens FuchsDer erste Ritt im Arc: Rene Piechulek und Torquator Tasso werden für die Sensation sorgen und für Katja Heckmann (rechts) erfüllt sich ein Traum. ©Dr. Jens FuchsEinmal im Arc zu führen – ein Traum, ihr Traum. Gegen 15:50 Ortszeit wird er Wirklichkeit. Mit Startnummer 1 betritt sie mit „ihrem“ Hengst den Führring, begleitet werden beide von Nora Blasczyk. In einem Feld voller Stars muss sich Torquator Tasso zumindest optisch keineswegs verstecken, er glänzt, seine Augen sprühen. Er ist wach, ganz da. Über die Auswirkungen der leeren Rennbahnen zu Corona-Zeiten hatte manch ein Trainer philosophiert, die Rennbahnen waren leiser geworden. Doch schon in Hoppegarten und auch in Iffezheim waren größere Zuschauerzahlen wieder möglich gewesen. Der Lärm kann den Hengst nicht schrecken, im Gegenteil. Mit der Anspannung auf der Bahn steigt nur seine Quote, nicht sein Temperament.  Zum Zeitpunkt des Starts notiert er mit 72-1 beim französischen Toto. 

Startbox 12 ist bei 14 Startern nicht optimal, lässt Jockey Rene Piechulek aber einige Möglichkeiten, vor allem auf dem sehr schweren Geläuf. Piechulek ist seit Mitte des Jahres nun ständiger Reiter des Hengstes, den in den ersten fünf Rennen seines Lebens vier verschiedene Jockeys geritten haben. 

Kein Show, aber unglaubliche Freude: Das Team Torquator Tasso ... ©Dr. Jens FuchsKein Show, aber unglaubliche Freude: Das Team Torquator Tasso ... ©Dr. Jens FuchsNach gutem Start kann Piechulek seinen Partner im Mittelfeld platzieren, an der Außenseite. So hat man die vornehmlich gelb-goldenen Farben gut im Blick, vor allem aus der Vogelperspektive hoch oben auf der Tribüne, neben zwei renommierten Journalisten der Racing Post. Bei zunächst langsamem Tempo, für das Aidan O'Briens Außenseiter Broome (Jockey: Yutaka Take) verantwortlich zeichnet, kann Piechulek recht ungestört Boden gut machen. Jockey William Buick wird es einem sehr enthusiastisch gehenden Adayar schnell zu bunt, er nimmt das Zepter in die Hand. Eingangs der langen Pariser Gerade sucht er sein Heil in der Flucht und schickt den bulligen Hengst mit einem Ruck von Feld weg. Kurz scheint es, als hätte Buick einen entscheidenden Vorsprung er-ritten, doch die Gegner waren wachsam. Hier kommen die anderen blauen Farben – Hurricane Lane – dort die grünen Aga Khan-Farben von Favoritin Tarnawa. Die Augen der deutschen Fans kleben jedoch am gelben Dress von Piechulek. Einen minimalen Moment scheint Torquator Tasso von der Tempoverschärfung überrumpelt zu sein. Dann schaltet er in einen höheren, einen höchsten Gang. Er bleibt dichtauf, lässt sich nicht abschütteln. Und dann ist er da, dieser Moment. Dieser Moment, an dem Torquator Tasso „in full flight“ die so hocheingeschätzten Gegner im Griff hat, rund 50 Meter vor dem Ziel.  Der Moment, in dem sich Rene ein kleines Lächeln nicht verkneifen kann. So hat sich vermutlich jener Kandidat bei „Wer wird Millionär“ gefühlt, als er bei der Eine-Million-Frage noch einen Joker hatte und seinem Vater erzählen konnte, dass er die Antwort kenne.  

Die scharfen Fotos aus teuren Objektiven zeigen zudem die lässige Eleganz – fast könnte man den Ausdruck mit Überheblichkeit verwechseln – im Auge des Hengstes. Während seine Gegner Notsignale senden, ist Torquator Tasso – auf dieser Bahn, auf diesem Boden, in diesem Rennen – noch in seiner Komfortzone. Eine dreiviertel Länge vor Tarnawa und Hurricane Lane schiebt sich Tassos fuchsheller Körper über die Ziellinie. Die Sensation ist perfekt. Zehn Jahre nach Danedream hat deutsches Blut erneut ein Wunder geschaffen.  

Keine Showmen, aber mehr als happy: Trainer Marcel Weiß, Jockey Rene Piechulek und Besitzer Peter-Michael Endres mit Torquator Tasso. ©Dr. Jens FuchsKeine Showmen, aber mehr als happy: Trainer Marcel Weiß, Jockey Rene Piechulek und Besitzer Peter-Michael Endres mit Torquator Tasso. ©Dr. Jens FuchsPiechulek ist kein Showman à la Frankie Dettori, doch er hebt die Peitsche in stummem Salut. Auch der Trainer bleibt verhalten. (Ein englischer Journalist wird bei der Pressekonferenz fragen, ob Piechulek im Rennen etwas animierter war als beim obligatorischen Frage-und-Antwort-Spiel. Eine Frage, die dann Trainer Marcel Weiß so beantwortet: „Doch. Nach dem Rennen habe ich einmal geschrien, aber es hat keiner gesehen.“) Auf der hohen Tribüne reiben sich die britischen Journalisten ungläubig die Augen. „Torquator who“?  Marcel who? Und wie schreibt man Rene Piechulek? Es ist im Rückblick schwer zu erinnern, wann die Anfeuerungsrufe der Zuschauer in eben diesen kurzen Moment der Stille übergingen. In dem man mittels Programmheft prüfen musste, wer denn nun gewonnen hatte.  Die kleine deutsche Enklave liegt sich da bereits im Freudentaumel in den Armen. 

Die Freude ist riesig: Katja Heckmann und Nora Blasczyk nach dem Sieg von Torquator Tasso im 100. Prix de l'Arc de Triomphe. ©galoppfoto - Jimmy ClarkDie Freude ist riesig: Katja Heckmann und Nora Blasczyk nach dem Sieg von Torquator Tasso im 100. Prix de l'Arc de Triomphe. ©galoppfoto - Jimmy ClarkBei Katja Heckmann brechen alle Dämme. Die allgewärtigen Handys der Blogger fangen ihren ungläubigen Jubel, die nicht zu bändigende Freude ein. „Ich war doch schon so glücklich, hier überhaupt führen zu dürfen.“ Das Pferd ihres Lebens ist das Rennen seines Lebens gelaufen. Im Prix de l'Arc de Triomphe. 

 

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