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Tödlicher Sturz

Lorna Brooke 2019 in Hoppegarten. Foto: Catrin Nack

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 665 vom Freitag, 23.04.2021

Die Gefahren sind bekannt, und allgegenwärtig. Es ist, wie schon Anthony McCoy erkannte, „der einzige Beruf, bei dem dir jedes Mal ein Krankenwagen folgt“. Nach einem Sturz in einem Jagdrennen am 8. April  im englischen Taunton ist die britische Amateur-Rennreiterin Lorna Brooke im Alter von nur 37 Jahren an dessen Folgen verstorben.

Brooke war wohlmöglich die Quintessenz einer englischen Amateurrennreiterin. Meist ritt sie die Pferde der eigenen Familie, die von Mutter Lady Susan Brooke trainiert wurden und auch in ihrem Namen liefen; ihre braun-beige Rennfarben waren regelmäßig auf englischen Rennbahnen zu sehen. Rund 400 Rennen hat Brooke bestritten, 17 Sieger „under rules“ erlangt, dazu kamen 40 Siege in sog. Point-to-Point-Rennen. Ihr größter Erfolg war sicherlich der Sieg in der ersten Austragung der „Ladys Handicap Chase“ im irischen Fairyhouse, im Jahr 2015. Hier schlug sie auf dem 25-1 Außenseiter Moonlone Lane für Trainer Paul Stafford ein Feld mit allem, was die weibliche Reiterszene seinerzeit zu bieten hatte. Erst in letzter Minute war sie als „Notnagel“ für dieses Rennen gebucht worden, das Pferd hatte statt Zahlen vor allem Buchstaben in seinem Formspiegel, „die größte Überraschung – neben dem Sieg -war, dass er nur 25-1 stand“ bekannte Stafford in seiner Erinnerung an diesen Tag. „Das Pferd hatte keine Form, ein großer Außenseiter mit absolut keiner Chance, aber sie kam und sagte immer wieder, wie sehr sie sich freute, hier reiten zu dürfen. […] und dann gewinnt sie das verd*** Rennen. Man hätte es nicht erfinden können.“ So Stafford weiter.

Brooke fuhr ihre Pferde selber, führte, ritt, half wo sie konnte. Dies war der Tenor aller Nachrufe; sie machte es, weil sie Pferde liebte, und es liebte, mit ihnen zu arbeiten. Ihre Lebensfreude war ansteckend, sie war einfach, so beschrieben sie Ihre Freunde in den vielen Nachrufen, der „netteste“ Mensch, den man treffen konnte, „one in a million“, immer mit einem Lächeln im Gesicht. Im Rahmen einiger Wettbewerbe hat Brooke England auch im Ausland vertreten, zweimal auch in Deutschland. 2019 stieg sie am 9. Juni in Berlin Hoppegarten für Frank Fuhrmann in den Sattel. Sabine Effgen, die damals für den deutschen Amateurverband vor Ort war, erinnert sich so gut an den Tag:

„Was soll ich groß dazu sagen: wie man in vielen Nachrufen auf Lorna lesen kann, liebte sie den Sport mit Leib und Seele und hat sich über jeden Ritt sehr gefreut. Für sie war die Teilnahme an dem Rennen in Hoppegarten im Rahmen der Longines Fegentri Weltmeisterschaft ein besonderer Moment. Auch wenn sie wusste, dass sie mit Bad Dog nicht den Favoriten reiten würde -sie kannte ihn aus England, hatte sich nochmal akribisch mit den Formen auseinandergesetzt- war sie sehr glücklich dabei sein dürfen. Die Tatsache, dass Trainer Frank Fuhrmann mit acht Pferden in diesem Rennen dabei war, fand sie, wie alle Teilnehmerinnen, sehr außergewöhnlich.

Bei ihrem Besuch in Deutschland war sie durchgehend positiv, hat sich mit allen Menschen offen unterhalten, dabei aber nie die Rolle in der ersten Reihe gesucht. Ein sehr bescheidener Mensch. Wir sind stolz sie kennen gelernt zu haben und trauern mit ihrer Familie und ihren Freunden. Sie wird eine große Lücke in der Amateur-Familie, national - wie international- hinterlassen.“

In einem bemerkenswerten Video, das der Bezahlsender Racing TV auf seinen Plattformen ausstrahlte, ging Jockey Aiden Coleman, der am Montag - dem Tag, an dem Brookes Tod durch eine Nachricht des „Injured Jockeys Fund“ bekannt gegeben wurde - einen Sieger ritt, sehr hart mit sich ins Gericht: „Ich kannte sie nicht besonders gut, aber sie war immer gut gelaunt, nie störend oder im Weg. […] Ich freue mich für das Pferd [seinen Sieger] und sein Team, aber ich hätte aus Respekt nicht hier sein sollen", führte er sichtlich betroffen und in großer Tiefe seine ambivalenten Gefühle aus.  Nach Prinz Philip trugen Jockeys zu ihren Ehren schwarze Armbinden, Rennbahnen hielten eine Schweigeminute ab. Emotional der Moment, als Garde Ville, auf dem Brooke am 3. April ihren letzten Sieger geritten hatte, am Mittwoch erneut ein Rennen in Ludlow gewann. Im anschließenden Sieger-Interview waren Amateurrennreiterin Immy Robinson und der Interviewer den Tränen nahe. In den Zügeln des Pferdes noch der Knoten, den Brooke Anfang April gezogen hatte. „Er war an der perfekten Stelle“ erklärte Robinson mit stockender Stimme.

Nach ihrem Sturz Anfang April musste Brooke mit einem Rettungshubschrauber in eine Notfallklinik gebracht werden; zwischen den Zeilen der Nachrichten über ihren Zustand war zu erkennen, dass sie schwerste Rückenverletzungen davongetragen hatte. Trotzdem konnte eine enge Freundin in den sozialen Netzwerken berichten, dass Lorna ihren Optimismus nicht verloren hatte, sie war ansprechbar und konnte kommunizieren. Nach Komplikationen musste sie am vergangenen Freitag ins künstliche Koma versetzt werden, aus dem sie nun nicht mehr erwachte.

Catrin Nack

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