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"Talking Horses" müssen in der Kölner Union Farbe bekennen

Wurde nachgenannt: Schulz - hier in seinem Heumarer Trainingsquartier. www.galoppfoto.de - Sandra Scherning

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Turf aktuell

TurfTimes: 

Ausgabe 269 vom Donnerstag, 13.06.2013

Es gehört zu den Besonderheiten dieser Turf-Saison, dass selbst gut drei Wochen vor dem ersten Juli-Sonntag mit dem Sparda 144. Deutschen Derby (beim Klick auf den Renntitel gibt es Infos über alle gemeldeten Pferde) Stallgeflüster und in Maidenrennen unklarer sportlicher Bedeutung gezeigte Leistungen die entscheidende Rolle bei der Frage nach dem Derby-Favoriten spielen. In den Festkursmärkten der Buchmacher rangieren nicht die Sieger oder Platzierten aus den Gruppe-Rennen für den Derby-Jahrgang auf den Top-Positionen, sondern die „dunklen Pferde“, die sich bislang noch nicht auf anspruchsvollem Level dem Vergleich mit anderen Jahrgangsvertretern gestellt haben.

Bestes Beispiel ist Gestüt Schlenderhans Ivanhowe, der von Wilhelm Giedt bislang zweimal in Maidenrennen gesattelt wurde. Zum Ende des vergangenen Jahres debütierte er als Zweiter zu Gestüt Ittlingens Stellato ansprechend, am Pfingstmontag gestaltete er sein Saisondebüt zu einem überlegenen Erfolg in der Maidenklasse. Für den Soldier Hollow-Sohn reichte dies, um in eine der Top-Positionen des Derby-Festkursmarktes vorzurücken. Ganz ähnlich sieht dies bei dem von Andreas Wöhler vorbereiteten Nuntius aus. Der Dalakhani-Sohn im Besitz von Dr. Christoph Berglar lief ebenfalls bislang nur zweimal in der Maidenklasse und gestaltete beide Auftritte in Hoppegarten zu einem vollen Erfolg. Für beide Hengste, die mit Adrie de Vries und Eduardo Pedroza jeweils den Stalljockey ihres Quartiers im Sattel haben, gilt es an diesem Sonntag, Farbe zu bekennen, starten sie doch beide auf der Kölner Rennbahn im 178. Oppenheim-Union-Rennen (Gruppe II, 2200m, 70.000€), dem nach wie vor wichtigsten Vorbereitungsrennen auf dem Weg zum Deutschen Derby, auch wenn seine Dotierung in diesem Jahr drastisch gekürzt wurde. Seit 1985, als der Fährhofer Acatenango hier gewann, wurde nicht mehr ein so geringes Preisgeld in dieser unter klassischen Bedingungen ausgetragenen Dreijährigen-Prüfung ausgeschüttet

Die Schlenderhaner Derbyhoffnung Ivanhowe: Hier mit Adrie de Vries bei seinem Maidensieg - muss sich jetzt in der Union bewähren. www.galoppfoto.de - Sandra ScherningDie Schlenderhaner Derbyhoffnung Ivanhowe: Hier mit Adrie de Vries bei seinem Maidensieg - muss sich jetzt in der Union bewähren. www.galoppfoto.de - Sandra Scherning

Nicht allein das Aufeinandertreffen der beiden „talking horses“ dieses Derby-Jahrgangs liefert dem Union-Rennen seinen Reiz, auch weitere Kandidaten im neunköpfigen Starterfeld werden mit besonderem Interesse beäugt werden. In erster Linie gilt dies für den erstmals von Jens Hirschberger aufgebotenen Quinzieme Monarque (Mirco Demuro), der sein Deutschland-Debüt in Köln gibt. Der bislang in den USA bei Thomas Albertrani stationierte Hengst wechselte auf Wunsch seines Besitzers John Connor nach Mülheim, um hierzulande seine Karriere fortzusetzen. Der Rock Hard Ten-Sohn konnte bei seinen sieben Starts zwar nur ein Maidenrennen Mitte September des letzten Jahres im New Yorker Belmont Park gewinnen, doch lief er nach seinem Maidenerfolg ausschließlich auf Gruppe-Parkett, zuletzt Anfang April sogar in einem Gruppe I-Rennen, das er als Siebter beendete. Bei den drei Auftritten zuvor in Gruppe II- bzw. Gruppe III-Rennen bekam er jedes Mal als Vierter eine Geldprämie ab, doch lassen sich diese US-Formen, teilweise auf der Sandbahn erzielt, kaum stichhaltig beurteilen. So ist es auch für Jens Hirschberger am Sonntag ein Test, wo dieser US-Importhengst steht und ob ein Derby-Start in Hamburg für ihn Sinn macht.

Über eine Nachnennung kam der von Markus Klug betreute Schulz (Daniele Porcu) ins Union-Aufgebot. Sein überlegener Maidensieg im April in Mülheim hatte den Rail Link-Sohn schlagartig ins Derby-Rampenlicht katapultiert. Anschließend lief er im Iffezheimer Derby-Trial als Zweiter zum ungeschlagenen Ittlinger Leofilo sicherlich kein schlechtes Rennen, so dass er auch diesmal zu den chancenreichen Startern zu rechnen ist.

Ganz ähnlich ist die Ausgangskonstellation für Stall Salzburgs Night Wish, der zusätzlich zum ansprechenden Maidensieg beim Lebensdebüt auf der Münchener Heimatbahn als Bruder der Diana-Siegerin Night Magic auch besondere verwandtschaftliche Referenzen ins Feld führen kann. Der vierte Platz beim zweiten Start im Bavarian Classic auf Gruppe III-Level war vielleicht etwas weniger als Münchener Derby-Optimisten erhofft hatten, doch gänzlich aus dem Fokus geriet der vom Gestüt Etzean gezogene Sholokhov-Sohn damit auch nicht. In Köln wird sich erstmals Lanfranco Dettori in seinen Sattel schwingen, der für den Ritt im Derby bereits fest gebucht wurde.

Zwei weitere Union-Starter, der Ebbesloher Empoli (Andrasch Starke) aus dem Kölner Asterblüte-Quartier von Peter Schiergen und Orsello (Dennis Schiergen) aus dem Dortmunder Stall von Norbert Sauer, mussten nach ihren Maidensiegen in der Frühsaison beim folgenden Start in gehobener Gesellschaft Grenzen bekennen. Empoli blieb als Fünfter im Iffezheimer Derby-Trial weit hinter seinem Union-Gegner Schulz, Orsello hatte im Frankfurter Frühjahrspreis als Siebter nichts mit der Entscheidung zu tun. Beide Hengste sollen in der Union unter Beweis stellen, dass dies nur Ausrutscher waren und sie doch zur Jahrgangsspitze rechnen.

Solide ist das Attribut, das einem zuerst einfällt, wenn man die bisherigen Leistungen des von Mario Hofer in Krefeld trainierten Wittekindshofers Noble Galileo betrachtet. Der in den Farben des Kölner Rennvereinspräsidenten Eckhard Sauren laufende Galileo-Sohn gewann beim Lebensdebüt Ende des letzten Jahres gleich auf weiten 1900m und erzielte bei seinen beiden diesjährigen Auftritten im Frankfurter Gruppe-Rennen und Hannoverschen Listenrennen jeweils einen dritten Platz. Er zählt damit zur erweiterten Spitzengruppe des Jahrgangs, doch waren die Abstände zu den vorderen Pferden in Frankfurt und Hannover schon sehr deutlich, so dass er sich weiter gesteigert haben müsste, um in Köln mit Andrea Atzeni im Sattel ganz vorne dabei zu sein.

Unter dem olympischen Motto oder der Hoffnung auf ein Turf-Wunder steht der Start des Wöhler-Schützlings Saint and Sinner (Stephen Hellyn) in der Union. Der Authorized-Sohn ist nach drei Starts, zwei davon in der Maidenklasse, noch sieglos. Dass er seinen ersten Karriersieg ausgerechnet auf Gruppe II-Parkett in Köln wird feiern können, erscheint mehr als unwahrscheinlich.

Auch wenn die Kölner Union nicht in jedem Jahr den späteren Derby-Sieger am Start sieht, hat die Prüfung auch in Zeiten mannigfaltiger Derby-Routen im deutschen Turf-Kalender ihren Stellenwert als Derby-Trial par excellence gewahrt. Dreimal in diesem Jahrtausend gewann der Union-Sieger anschließend auch das Deutsche Derby, weitere dreimal befand sich der spätere Derby-Sieger im Kreis der in der Union noch unterlegenen Kandidaten. Das ist schon eine stattliche Bilanz, die keine andere Derby-Vorprüfung aufweist. Im Vorjahr waren sich nach dem überlegenen Novellist-Triumph alle Beobachter einig, dass erneut ein Double aus Union- und Derby-Sieg bevorstünde, doch bekanntlich kam es anders. Novellist teilte das Schicksal des 2010er Union-Siegers Zazou und schaffte im Derby „nur“ den zweiten Platz. Wie es in diesem Jahr sein wird, weiß man erst in gut drei Wochen. Doch wird das Union-Rennen gerade in diesem Jahr bei der Beantwortung der Frage nach dem Derby-Favoriten die entscheidende Rolle spielen.

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