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Roger Varians "Magnificent Seven"

Roger Variian mit Jockey Andrea Atzeni nach dem Sieg von Postponed im Coronation Cup. www.galoppfoto.de

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Turf aktuell

TurfTimes: 

Ausgabe 737 vom Freitag, 23.09.2022

Die Bedeutung des englischen Begriffs „Magnificent Seven“, wörtlich übersetzt etwa „großartige Sieben“, hängt immer vom Kontext seiner Verwendung ab. Cineasten verbinden damit einen erfolgreichen US-Western mit Starbesetzung aus dem Jahr 1960, der als Remake unter gleichem Titel 2016 erneut erfolgreich in den Kinos lief. Ältere Musikliebhaber verbinden mit dem Begriff ein erfolgreiches Soul-Album mit diesem Titel aus dem Jahr 1970, das gemeinsam von zwei Soul-Gesangsgruppen, dem weiblichen Trio The Supremes und dem männlichen Quartett The Four Tops, aufgenommen wurde. Auch in verschiedenen Sportarten wurde der Begriff für ein Sportler-Septett verwendet. So firmierte eine erfolgreiche Siebenergruppe von Profi-Wrestlern Anfang des Jahrtausend in den USA als „The Magnificent Seven“, auch die sieben amerikanischen Turnerinnen, die bei den olympischen Spielen 1996 erstmals die Goldmedaille für die USA errangen, erhielten in der Presse diesen Beinamen. Im Turf ist dieser Begriff jedoch seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit der schier unglaublichen Siegesserie von Lanfranco Dettori verbunden, der am British Champion’s Day im September 1996 auf der Rennbahn in Ascot alle sieben Rennen des Tages gewann. Dieses Ereignis hat sich fest in die kollektive Erinnerung aller Turf-Fans eingebrannt und einen gehörigen Anteil am Kultstatus, den Dettori im Turf genießt.

Gerne wird der Begriff „Magnificent Seven“ daher in den Turf-Medien verwendet, nicht immer allerdings in einem direkten Bezug zu Dettoris Siegesserie in Ascot. Am Wochenende nutzte die Racing Post einmal mehr diesen Begriff, nachdem es Trainer Roger Varian gelungen war, sieben Siege am Samstag auf britischen Rennbahnen zu erzielen. Anders als Dettori, der all seine sieben Ritte auf einer Rennbahn in einen Volltreffer hatte ummünzen können, benötigte Varian für seine sieben Erfolge, unter denen sich auch zwei Gruppe-Siege befanden, drei Rennbahnen (Newbury, Ayr und Newmarket) und zwölf Starter. Nur drei seiner Sieger kamen als Favoriten in ihren jeweiligen Rennen zum Zuge, so dass, hätte ein Wetter diese sieben Varian-Schützling in einer Siegschiebewette kombiniert, er sich über eine Quote von 34.838:1 hätte freuen können (deutlich mehr als bei Dettoris Ascot-Serie, die in einer Siegschiebewette kombiniert zu einer Quote von 25.051:1 führte, die tatsächlich von einem glücklichen Wetter getroffen wurde und ihm bei einem Einsatz von 20 Pfund zu erklecklichem Reichtum verhalf).

Mit diesem Wochenend-Coup gelangte der 43jährige Brite erneut in den Fokus der Turf-Öffentlichkeit, nachdem er noch am Vorwochenende durch Eladar Eldarovs Erfolg im englischen St. Leger in Doncaster nicht nur einen klassischen Triumph, sondern bereits den 20. Gruppe I-Treffer seiner Trainerkarriere hatte landen können. Hierzulande gehört der Brite, bei dem es nicht erst seit dieser Saison vortrefflich läuft, zu den weniger bekannten Vertretern seiner Zunft, was daran liegen dürfte, dass sein eigentlich sehr reisefreudiges Quartier kaum Starter zu deutschen Prüfungen schickt. In den Annalen der deutschen Blacktype-Prüfungen findet sich kein einziger Sieg eines von ihm trainierten Vollblüters. Zweimal schickte er 2018 den damals vierjährigen Dalakhani-Sohn Defoe in deutsche Gruppe I Prüfungen, doch sowohl im Gr. Preis von Baden (Best Solution) als auch im Gr. Preis von Bayern (Iquitos) fand Defoe einen Bezwinger.

In seiner englischen Heimat gehört Varian bereits seit Jahren zu den Top-Vertretern seines Metiers. In die Wiege gelegt war ihm dies nicht, da seine Eltern Roger und Sue keine Verbindungen zum Rennsport hatten. Den jungen Roger faszinierten Pferde allerdings früh, er ritt schon in Kindestagen Ponys. Infiziert vom Rennsportvirus wurde er durch Point-to-Point-Rennen, schon mit 13 Jahren verbrachte er jede freie Minute am Stall von Alan und Lawney Hill, die in Oxfordshire ein durchaus erfolgreiches Quartier mit einer Fokussierung auf diese Rennen betreiben. Die Rennerfahrungen in Point-to-Point-Rennen ließen bei ihm den Entschluss reifen, sich ganz auf Pferderennen zu konzentrieren. Als seine Familie mit ihm für zweieinhalb Jahre nach Kalifornien übersiedelte, war er nach dem Schulabschluss als Arbeitsreiter auf der Rennbahn Hollywood Park beschäftigt.

Im Alter von 19 Jahren kehrte er mit seiner Familie wieder in die Heimat zurück und begann als Nachwuchs-Hindernisjockey am Stall von Josh Gifford, der nach einer erfolgreichen Karriere als Hindernisjockey (vier Championate) in West Sussex ein im Hindernissport erfolgreiches Trainingsquartier aufgebaut hatte. Varian hatte nur begrenzten Erfolg als Hindernisjockey am Gifford-Stall. In seiner ersten Saison 1998/99 erhielt er nur fünf Ritte, von denen er keinen in einen Sieg ummünzen konnte. In den beiden folgenden Jahren schaffte er insgesamt sieben Erfolge bei überschaubaren 72 Ritten. Er sah für sich als dritter Jockey am Stall bei zurückgehendem Pferdebestand am Gifford-Quartier keine Zukunft mehr und entschloss sich zum erneuten Wechsel in die USA. Er ging 2001 an das damals aufstrebende Quartier von Jack Fisher, mittlerweile nach 13 Championaten der Hindernistrainer eine Legende in den USA in diesem Metier. Seine Zeit in Maryland war allerdings nur kurz, schon nach zwei Monaten zog er sich bei einem Sturz eines von ihm gerittenen Pferdes eine irreparable Handgelenksverletzung zu, die seiner Jockeykarriere ein jähes Ende setzte.

Er kehrte daraufhin nach England zurück und konnte als damals erst 22jähriger am Stall von Michael Jarvis als Assistenztrainer beginnen. Varian hatte schon als Teenager Kontakt zu Jarvis, da er vor der Zeit als Nachwuchjockey am Gifford-Stall ein zehnwöchiges Praktikum in Newmarket bei Michael Jarvis absolviert hatte. Jarvis gab seinem ehemaligen Praktikanten einen Job und musste diese Entscheidung nie bereuen. Zehn Jahre lang war Varian ein zuverlässiger Assistenztrainer in seinen „Kremlin Stables“ und machte sich unentbehrlich. Der Gesundheitszustand von Jarvis verschlechterte sich im Jahr 2010 zunehmend, das Tagesgeschäft wurde längst von Varian betrieben. Im Februar 2011 erklärte er offiziell seinen Rücktritt als Trainer und übergab das Zepter an seinen langjährigen Assistenten. Die meisten Besitzer blieben dem Stall treu, so dass Varian gute Startvoraussetzungen für die eigene Trainerkarriere in gewohnter Umgebung antraf.

Schon in seiner ersten Saison gelang dem Neutrainer gleich ein Gruppe I-Treffer am Arc-Wochenende. Nahrain, die spätere Mutter des auch hierzulande durch seinen Sieg im Gr. Dallmayr-Preis bestens bekannten mittlerweile als Deckhengst in Japan agierenden Benbatl, triumphierte im Prix de l’Opera. Sie sorgte im Folgejahr auch für Varians ersten – und bislang einzigen - US-Treffer auf höchstem Parkett im Belmont Park. Unter den 20 Gruppe I Triumphen befinden sich zwei klassische Siege in England, beide im St. Leger, das neben dem schon erwähnten Eldar Eldarov bereits Kingston Hill in 2014 gewonnen hatte. Das bislang beste von ihm trainierte Pferd war mit dem Dubawi-Sohn Postponed allerdings kein klassischer Sieger, doch selbst wenn Postponed einen Klassiker gewonnen hätte, so wäre dies nicht unter seiner Ägide passiert. Er übernahm den bereits mit einem Erfolg in den King George dekorierten Hengst erst Ende der Vierjährigen-Saison und führte ihn in seiner Fünfjährigen-Kampagne 2016 zu Erfolgen in Dubai (Dubai City of Gold (Gr. II) und Dubai Sheema Classic (Gr. I)), Epsom (Coronation Cup (Gr. I)) und York (Juddmonte International Stakes (Gr. I)), der finale Jahresstart im Arc, in 2016 in Chantilly ausgetragen, misslang allerdings, Postponed endete als geschlagener Favorit auf Rang 5.

Es ist nicht nur das Gruppe-Parkett, auf dem die Varian-Schützlinge glänzen. Das kopfstark besetzte Quartier, das seit Januar 2017 seine Heimat in den mehr Platz bietenden „Carlburg Stables“ in Newmarket hat, da Varian die Gelegenheit beim Schopfe packte, als Clive Brittain seine Trainerkarriere beendete und ihm seinen Stall abkaufte, kann in den letzten Jahren eine eindrucksvolle Bilanz mit mehr als 1200 Erfolgen vorlegen. Waren es in den ersten Trainerjahren zwischen 2011 und 2016 stets zwischen 53 (2011) und 100 (2015) Jahressiegen, so schafft das Quartier seit 2017 konstant eine dreistellige Siegzahl mit einem bisherigen Maximum von 133 Erfolgen in 2021. In diesem Jahr stehen bereits 108 Siege zu Buche, so dass ein neuer Rekord in Reichweite liegt. Seit 2013 ist die Jahresgewinnsumme siebenstellig, in diesem Jahr dürfte mit Sicherheit auch ein neuer Gewinnsummenrekord aufgestellt werden, liegt man derzeit doch bei 2,53 Mio. Pfund nur noch weniger als 150.000 Pfund unter den bisherigen Rekordjahren 2019 (2,66 Mio. Pfund) und 2021 (2,68 Mio. Pfund). Auffällig an der Bilanz ist auch die konstant hohe, stets um die 20% liegende Quote von Siegen zu Starts, die in 2022 bislang 22% beträgt.

Im Privatleben ist Varian seit 2010 mit der 46jährigen Hanako Sonobe, einer vormals für die Japan Racing Association und später zehn Jahre lang für Darley Japan tätige Vollblutenthusiastin, verheiratet. Das Paar hat drei Kinder, deren Namen Momoka, Eiji and Reika nicht nur zufällige Ähnlichkeit mit den Namen von Vollblütern aufweisen, die er für einen seiner Hauptbesitzer (Scheich Mohammed Obaid Al Maktoum) trainiert hat. Noch ist unklar, ob die Kinder ebenfalls den Weg in den Rennsport finden werden. Es bleibt ebenfalls abzuwarten, ob es Roger Varian gelingt, den „Magnificent Seven“ des letzten Wochenendes bald einmal ein „Magnificent Eight“ folgen zu lassen. Dann würde man seine Siegesserie zumindest nicht mehr mit Dettoris Ascot-Serie verwechseln.

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