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Post aus Prag - Cheminaud gewinnt Jockeys‘ Cup, Derby in Bratislava ohne Zuschauer

Autor: 

Martin Cáp

TurfTimes: 

Ausgabe 638 vom Freitag, 02.10.2020

Ich habe meine Gefühle aus diesem Mai-Renntag in Iffezheim noch gut in Erinnerung, auch wenn seitdem bereits vier Jahre vergangen sind. Ich hatte als Mitbesitzer einen Starter in einem Grupperennen, bin dafür extra 700 Kilometer angereist. Das Pferd war vor dem Rennen bereits in der Sattelbox, als der Trainer in die Rennleitung gerufen wurde. „Das Datum einer Impfung in ihrem Pferdepass ist um einen Tag abgelaufen, sie können am Rennen nicht teilnehmen.“ Korrekt, auch wenn kompromisslos. Es war zwar offensichtlich, dass es sich um einen Tippfehler handelte, das Pferd selbst bereits 24 Stunden auf der Rennbahn war und eine lange Reise aus dem Ausland hinter sich hatte, aber das alles interessierte niemanden. Es blieb nichts anderes übrig als sich auf den langen Weg nach Hause zu machen. Letztendlich musste man trotz gebrochenem Herzen zugeben, dass der Fehler auf unserer Seite war. Regeln sind einfach Regeln.

Seit dieser privaten Erfahrung habe ich immer wieder beobachtet, dass solche Sachen ab und zu beinahe überall passieren. In Deutschland ist ein Pferd aus identischen Gründen aus einem Gruppe 1-Rennen herausgeflogen ist, ein ausländischer Champion konnte wegen einer fehlenden Impfung nicht in Longchamp antreten und zu ähnlichen Fällen kommt es auch in Italien und weiteren Ländern.

Am vergangenen Sonntag hatte es drei deutsche Pferde in Prag getroffen, die zum European Jockeys‘ Cup angereist sind. Die bei fünf Starts ungeschlagene Stute Jin Jin (Canford Cliffs) und zwei weitere Pferde des Trainers Bohumil Nedorostek sind vom Rennbahn-Tierarzt wegen fehlenden Bluttests auf Anämie ausgeschlossen worden. Der Veranstalter des Meetings hatte zwar lange Minuten verzweifelt nach einer Möglichkeit gesucht, wie man die deutschen Gäste trotzdem laufen lassen könnte, aber konnte letztendlich keine finden. Die Emotionen vor Ort waren natürlich erheblich. Dem Fall wird nun eine Untersuchung im Rahmen des tschechischen Jockey Club folgen müssen, denn eines der ausgeschlossenen Pferde – Power Jack (Sepoy) – war bereits am 30. August in Most gelaufen, ohne dass der dortige Tierarzt ein Problem festgestellt hatte.

In Abwesenheit der deutschen Favoritin wurde das Hauptrennen des Meetings, EJC Leram Million (1400 m, ca. 44.600 Euro) von dem bisher sieglosen Außenseiter Politicum (Lethal Force) unter Jaroslav Línek gewonnen. Der vierjährige Hengst krönte einen großen Tag des Trainers Arslangirei Shavuyev und des Stalles Russian Racing Syndicate, der drei der vier Top-Rennen für sich entscheiden konnte. Der russische Startrainer hatte dabei bis September mit einer langen Durststrecke zu kämpfen, seinen ersten Sieg 2020 feierte er erst am 20. September. Die Stallform kam zum besten Zeitpunkt zurück. Politicum schlug hochüberlegen um 8 Längen den Favoriten Troizilet (Wootton Bassett) und den tschechischen Sprint-Champion Mr Right (Echo Of Light). 

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Shavuyev sattelte auch den Sieges des zweiten großen Rennens, EJC Lokotrans Middle (1800 m, ca. 26.000 Euro), wo der 5-jährige Cape Freedom (Cape Cross) nach einem starken Ritt von Adam Florian keinen Gegner fand. Zweiter wurde der Agl.II-Sieger aus Düsseldorf Ideal Approach (Bushranger) vor dem auf schweren Boden etwas enttäuschenden Ignacius Reilly (Worthadd). 

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Die Bodenverhältnisse nach langem Regen brachten das eine oder andere überraschende Resultat. So gab es im Stutenrennen EJC Cena Hrubymoving Transport (2200 m, ca. 22.300 Euro) einen Kampf von zwei Dreijährigen aus einheimischer Zucht. Die im Gestüt Napajedla geborene Egerton-Tochter Wellunca aus dem Training von Hana Kabelková schlug im besten Rennen ihrer Karriere um 1 3/4 Längen Faliraki (Zazou) und die auf italienischer Listenebene platzierte Imsexyandiknowit (Canford Cliffs). 

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Den Sieg in der Jockeywertung ging an den Franzosen Vincent Cheminaud, der kurzfristig den verletzten Christophe Soumillon ersetzte und in den fünf Rennen der Wertung 30 Punkte sammelte. Nur um drei Punkte weniger hatte der 21-jährige tschechische Champion Adam Florian und unter die besten drei schaffte es noch der Slowake Jaroslav Línek. Wenig Glück hatten der ursprüngliche Favorit Maxim Pecheur und Alexander Pietsch, die nach dem Ausscheiden der deutschen Pferde ohne chancenreiche Ritte blieben.

Weitere große Prager Rennen wurden bereits am Samstag gelaufen. Im Großen Preis von Prag (1600 m, ca. 22.300 Euro) glänzte mit Torque Power (Toronado) wieder ein von Arslangirei Shavuyev trainiertes Pferd, die letzte aus dem German 1000 Guineas Achird (Archipenko) holte sich das zweite Platzgeld vor der lange führenden Rabbit Havana (Havana Gold).

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Der slowakische Tripple Crown-Sieger Arcturus (Fast Company) gewann für Frantisek Holcák und den Stall Meridian im Handgalopp den Großen Preis des tschechischen Turfs (2400 m, cca 22 300 Euro) vor Rusel (Pedro The Great) und Cacophonous (Cacique). 

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Das größte Herbstmeeting der Saison ging gerade rechtzeitig vorbei. Nur wenige Tage später hatte die tschechische Regierung den Ausnahmezustand, der am 5. Oktober beginnen soll, beschlossen. Die Slowakei griff zu diesem Schritt bereits vom 1. Oktober an. Weitere Restriktionen bedeuten, dass das Slowakische Derby am Samstag in Bratislava unter strengen hygienischen Regeln und ohne Zuschauer gelaufen wird. Mit der Zweiten aus dem Tschechischen Derby Vivienne Wells (Authorized) mit Alexander Pietsch ist auch eine deutsche Teilnehmerin dabei. Ob die diesjährige Große Pardubitzer stattfinden wird, soll in den nächsten Tagen entschieden werden.

In Budapest gehen inzwischen die Stanislav Georgiev–Festspiele weiter. Der in Ungarn tätige bulgarische Jockey und Trainer steuerte diesmal den vierjährigen Tizedes (Category Five) aus dem Stall Horses and Houses zum Erfolg im traditionsreichen Szent István Díj (2200 m, ca. 4.200 Euro). Nur 3/4 Längen hinter dem Sieger folgte die krasse Außenseiterin Streif (Dream Ahead), die um 2 Längen den Favoriten Gunsmoke (Dalakhani) hinter sich ließ.

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Martin Cáp, Prag

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