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NH: Der ungewöhnliche Ritt des Hugh Morgan

Secret Investor holt sich unter Briony Frost die Denman Chase. Foto: courtesy by Tattersalls

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 657 vom Freitag, 26.02.2021

Grade1-Action. Überraschungen. Enttäuschungen. Unglücke. Der Ritt des Jahres, oder gar des Jahrzehnts. Das vergangene Wochenende des anglo-irischen Hindernissports bot viel, wenn auch wenig echte Klasse.

Wenn der nach Rating beste Chaser der britischen Insel zum zweiten Mal in Folge angehalten wird, dann ist „etwas faul im Staate Dänemark“. Wenn traditionelle Graded-Rennen zu Rechenaufgaben werden, ebenfalls. Auch durch die verspätete Austragung von Newburys „Betfair-Super-Saturday“ kamen Hindernisfans am letzten Wochenende durchaus auf ihre Kosten. Der Renntag um die hochdotierte Betfair Hurdle (Gr.3, 2m ½ f) war vor vierzehn Tagen dem Wetter zum Opfer gefallen, es wurde ein „super Sunday“. Diverse Graded-Prüfungen, die, bis selbstredend auf die Betfair Hurdle selber, leider unter mangelnder Klasse und Masse litten, fanden statt und waren – im Guten wie im Schlechten – die letzten großen „Pointer“ vor dem Cheltenham Festival.

Immer, wenn sich einschlägige Fachblätter auf die „menschliche“ Seite der Erfolge konzentrieren, kann man sicher sein, dass es dem Sieger an entsprechender Klasse mangelte.  Noch im Taumel der „Willie Mullins-Festspiele“ des Dublin Racing Festivals Anfang Februar verblassen englische Prüfungen beinahe. Die Racing Post konterte gar mit einer großangelegten Untersuchung zur „Schwemme“ der Graded-Rennen im Hindernissport. Wehe, wer es wagen könnte, am Olymp des Cheltenham Festivals zu kratzen.

Ascots gleichnamige Gr.1-Chase über rund 4300m sollte sein letzter Feinschliff für Cheltenham sein, der Gold Cup war gar im Gespräch. Samantha De la Hays von Paul Nicholls trainierter Cyrname, mit einem Rating von 172 nach wie vor der höchsteingeschätzte Chaser der britischen Insel, sollte seine Schlappe aus dem King George wieder gutmachen, alle Zweifel an seiner Klasse einräumen. Sein erneutes Versagen überschatte beinahe die Leistung des Siegers. Dashel Drasher, ein 8j. Passing Glance-Sohn im Training bei Jeremy Scott, gewann nach einem taktischen Glanzritt seines Jockeys Matt Griffiths, der den Wallach, von der Trainer-Frau gezüchtet und sein Leben lang am Stall von Scott, gar selber eingeritten hatte.

Zusammen mit dem vielversprechenden dritten Platz der rechten Schwester Drash on Ruby im Bumper des Tages, wurde es für das Team Scott-Griffiths einer dieser wunderbaren Tage, die in großen Ställen eine Art Alltag, für ein kleines Team aber etwas ganz Besonders sind. Es war nicht der erste Erfolg für Jeremy Scott auf diesem Level, doch seit ähnlichen Erfolgen seines bislang besten Pferdes Melodic Rendezvous sind einige kalte Winter vergangen. Nicht nur sprichwörtlich, dies war erst Scotts zweiter Erfolg auf Grade1-Level, rund acht Jahre, nachdem besagter Melodic Rendezvous die Tolworth Hurdle in Sandown gewonnen hatte.

Trotz des zweiten Platzes seines Master Tommytucker, der erst zum zweiten Mal in seinem 10j. Pferde-Leben auf höchster Ebene an den Start kam, kann es kein guter Tag für Paul Nicholls gewesen sein. Nicht nur, dass sein ehemaliger Assistent Dan Skelton erneut von Sieg zu Sieg eilte – drei Tagessiege kamen in Ascot zusammen, die erneute Niederlage von Cyrname warf einen langen Schatten auf den Tag. So deutlich wie nie bekannte Nicholls endlich die gesundheitlichen Probleme des Nickname-Sohns: „Er ist ein Lungenpfeifer.“ (Wörtlich erklärte Nicholls:  „he roars his head off“). „Er kann nicht atmen, und wer nicht atmen kann, kann nicht gewinnen. Er hatte diverse Operationen, wir müssen nun schauen. Er muss zwischendurch Luft holen, aber die anderen Jockeys wissen nun, dass er im Rennen nicht zur Ruhe kommen darf.“ Dass Cyrname mit dieser ernsten Behinderung überhaupt solch erstaunliche Leistungen erlaufen konnte, spricht Bände für seinen Charakter und das bisherige Management seines Trainers.

Newburys Sonntag hatte mit der Denman Chase (Gr.2, knapp 3m) und der Game Spirit Chase (Gr.2, 2m ½ f) Prüfungen im Programm, die der letzte Aufgalopp vor dem Gold Cup respektive der Champion Chase waren. Rennen, die genau das gegensätzliche Distanzspektrum abdecken. Dass ausgerechnet einer der Favoriten des (langen) Gold Cups über die kurze Distanz starte, war „verkehrte Welt“; das hervorragende Abschneiden von Nicky Hendersons Champ über zwei Meilen eine Art Offenbarungseid für diese Kategorie in England.

Wer sein Leben mit dem Namen „Champ“ bestreiten muss, steht zwangsläufig im Mittelpunkt. Tatsächlich benannt nach Champon-Jockey AP McCoy, ist JP McManus brauner Wallach zudem ein Pferd exquisiter Klasse; bei vierzehn Starts bislang neunfacher Sieger, der beste Nachwuchs-Chaser der vergangenen Saison. Bislang hatten Fans in der aktuellen Saison auf seinen Start warten müssen; wie immer hielt sich sein Trainer mit konkreten Aussagen zurück.

Einige Tage vor dem sonntäglichen Renntag überraschte Henderson die Fachpresse mit der Ankündigung, Champ nicht wie erwartet in der Denman Chase, sondern eben in der Game Spirit Chase antreten zu lassen; so kurz vor Cheltenham sei ein Saisondebut auf schwerem Boden über den weiten Weg kontraproduktiv. Diesen weisen Worten ließ Champ tatsächlich Taten folgen, auf unpassend kurzem Weg lief der Wallach von der Spitze aus ein gewaltiges Rennen und musste sich erst ganz zum Schluß dem Distanz-Spezialisten Sceau Royal (Trainer: Alan King, Jockey:  Daryl Jacob) beugen, der mit schwacher Vorform, aber deutlichen Gewichtsvorteilen ins Rennen gegangen war. Erneut hatte Paul Nicholls das Nachsehen, mit drei Pferden stelle er 50% der Starter und wurde Dritter bzw. Fünfter sowie Letzter.

Dafür hatte er allerdings in der Denman Chase die sprichwörtliche Nase vorne. Passend, ist das Rennen natürlich nach seinem einstmaligen Star-Chaser benannt. Erneut konnte zwar nicht der Favorit punkten, aber immerhin kam der Sieger Secret Investor (Jockey Bryony Frost) aus dem eigenen Stall. Da wird Nicholls die Tatsache, dass er den heißen Favoriten und Stallgefährten Clan des Obeaux, den Stalljockey Harry Cobden ritt, besiegte, verschmerzt haben. Auch wenn Clan des Obeaux seine Ambitionen auf den Gold Cup nicht unbedingt vergrößerte. Auch Colin Tizzards Lostintranslation konnte seinen Vorschusslorbeeren erneut nicht gerecht werden; dem Wallach, ein so guter Novice, ging erneut im wahrsten Sinne die Luft aus. Wie Cyrname oder auch Champ hatte sein Trainer ihn einer „Wind-Op“, grob einer Operation am Gaumensegel, unterzogen; der Erfolg bleibt noch aus.

Die Betfair Hurdle (Handicap Gr.3, 2m ½ f) ist eines der ikonischen Handicaps im englischen Rennkalender, ein echtes „Wett-Rennen“ im wahrsten Sinne. Historisch diente es durchaus als Formgeber für die Champion Hurdle; wer hier mit Höchstgewicht zum Zuge kam oder kommt, hat diese Klasse. Dies ist allerdings zuletzt Make a Stand im Jahr 1997 gelungen. Das Rennen selber ist unter seinen früheren Namen vielleicht noch besser bekannt, war einstmals die „Schweppes Hurdle“, danach die Tote Gold Trophy. Der jüngste Sieger Soaring Glory tat eben dies, und bescherte Vater- und Sohn Team Jonjo O'Neill Senior (Trainer) und Junior (Sohn) einen großen Zahltag. Als Nr. 18 profitierte der Fame and Glory-Sohn von einem günstigen Gewicht; der Wallach ist Novice und hat noch eine Nennung für die Supreme Novice Hurdle (Gr.1) beim Cheltenham Festival. Der Ex-Brümmerhofer Wild Max, inzwischen im Besitz einer Besitzergemeinschaft, die pro Pferd rund 3000 Anteile verkauft, fiel unglücklich an der ersten Hürde, blieb aber unverletzt.

Im nordenglischen Haydock trat mit dem amtierenden Stayers Hurdle-Sieger Lisnagar Oscar immerhin ein Pferd an, welches sein Klasse beim Cheltenham Festival bereits unter Beweis gestellt hatte. In der Rendlesham Hurdle (Gr.2, 3m ½ f) reichte es für Rebecca Curtis´ Stallstar - ebenfalls nach einer Operation am Gaumensegel - zwar nicht zu einem vollen Erfolg; der zweite Platz hinter Hughie Morrisons Third Wind war aber eindeutig ein Schritt in die richtige Richtung.

Überschattet wurde das gesamte Wochenende vom tragischen Verlust von insgesamt fünf Pferden. Die im wahrsten Sinne schweren – schwierigen – Bodenverhältnisse müssen bei den Todesfällen eine Rolle gespielt haben, traten die Unglücke doch auf drei unterschiedlichen Rennbahnen, und zudem alle auf der Flachen ein. Kein Pferd war gestürzt. Mit The Conditional verlor Trainer David Bridgewater sein mit Abstand bestes Pferd am Stall, der Wallach hatte mit hochklassigen Platzierungen in der Ladbrokes Trophy (ehemals Hennessey Gold Cup) auf sich aufmerksam gemacht, und im vergangenen März mit seinem Sieg beim Cheltenham Festival für einen der stolzesten Tage seines Teams gesorgt. Auch Nicky Henderson verlor mit L´Ami Serge einen Star – und Gr.1 -Sieger- am Stall. Der inzwischen 11j. Wallach war zuletzt seiner Form hinterher gelaufen und seit 2019 nur sporadisch an den Start gekommen.

Irlands insgesamt eher ruhiges Wochenende konnte immerhin mit einem Schauspiel der besonderen Art aufwarten. Im nördlich von Dublin gelegenen Navan gelang dem jungen Fünf-Pfund-Erlaubnisreiter Hugh Morgan ein Kunststück, das durchaus seines Gleichen sucht. In einem Jagdrennen über drei Meilen war bereits nach dem ersten Hindernis ein Bügel gebrochen. Beherzt kickte der junge Jockey, am Stall von Henry de Bromhead beschäftigt, hier aber im Sattel von Young Dev für Trainer Denis Hogan, auch den anderen Bügel zur Seite und schickte sich an, die gesamte Distanz – und die mächtigen Sprünge - eben ohne diese zu bewältigen.

Nicht nur, dass Morgan auch ohne Bügel eine gute Figur machte; rund vier Hindernisse vor dem Ziel war sein Partner, als Schimmel besonders gut zu erkennen, immer noch mit Chancen unterwegs. Als Mitfavorit gestartet, konnte Young Dev im In-Running-Wettmarkt für beinahe 500-1 gewettet werden; doch weder Pferd noch Reiter waren sich dieser vermeintlichen „Chancenlosigkeit“ bewußt. Sicherlich hätte es die – nicht vorhandenen - Zuschauer von den Sitzen gerissen, als Morgan am vorletzten Hindernis beherzt begann, ein Finish zu reiten; durch den Sturz eines Mitstreiters war er plötzlich an zweiter Stelle, dann gar in Front; diesen Vorsprung hielt er resolut bis ins Ziel. „Take the pain but leave the swelling“ hatte der Legende nach der englischer Hindernisjockey Richard Fox bekannt, als er ein Rennen einige Zeit ohne Bügel hatte bewältigen müssen. Hugh Morgan konnte am Tag selber noch strahlen, bekannte aber: „Morgen werde ich wohl etwas wund sein.“

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Catrin Nack

 

  

 

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