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NH Round Up - "plain sailing" von Altior

Altior (re.) holt sich die "Tingle Creek" gegen Un de Sceaux. Foto: offiziell

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 548 vom Freitag, 14.12.2018

Kemptons King George am Boxing Day, dem 2. Weihnachtstag, bildet bereits den Abschluss der ersten Saison-Hälfte des englischen Hindernissports, bis dahin jagt ein Top-Ereignis das Nächste. Sandowns Renntage um die Tingle Creek Chase (Gr.1, 2m) und Aintrees Becher-Renntag waren die Hauptorte am vergangenen Wochenende, doch manchmal lohnt ein Blick auf die vermeidlichen Nebenbahnen, so am Freitag auf die Rennbahn der südenglischen Stadt Exeter.

In der „Heavitree Brewery PLC Novices' Chase“ (Class2, 2m3f) trafen mit Defi du Seuil, Topofthegame und Black Op drei echte Schwergewichte der letzten Jahre aufeinander. Über Hürden waren sie allesamt Gruppe, z.T. sogar Gruppe1- Sieger, vor allem Defi du Seuil war ungeschlagen durch die Saison 2016/17  gesegelt und hatte bei seinen Siegen in der Triumph Hurdle und der Anniversary Hurdle (Gr1 2m1f) in Aintree mächtig Eindruck gemacht. In der  Saison 17/18 wurde er Opfer der Probleme, die Trainer Philip Hobbs ganz allgemein in seinem Stall hatte; Hobbs konnte den berüchtigten „Virus“ nicht in den Griff bekommen und trainiert nur rund 35 Sieger (in der aktuellen sind es schon 54).

Topofthegame hatte sich mit seinem zweiten Platz im Coral Cup (Hürden, Gr.3, 2m5f) beim 2018er Cheltenham Festival in diverse Notizbücher geschrieben, der Fuchs aus dem Stall von Paul Nicholls sah schon da wie ein echter Chaser aus. Black Op, aus dem Quartier von Tom George, musste sich bei zwei Starts in Cheltenham in hochklassigen Gruppe-Rennen nur Santini und Samcro geschlagen geben, um dann in Aintree selber zum verdienten Gr.1-Erfolg zu kommen. Sie alle trafen sich nun in einem Jagdrennen.  Defi du Seuil hatte beim seinem Debut in diesem Metier vor einigen Wochen total versagt, für die beiden anderen war es das Lebensdebut auf der Jagdbahn. Leider versäumte sich Topofthegame am Start um unzählige Längen  (seinem zweiten Platz kommt somit eine besondere Bedeutung zu), aber die „Entdeckung“ des Rennens war ohne Frage Defi du Seuil, der seine hohe Hürden-Klasse endlich über die großen Sprünge umsetzte und sich umgehend in die Spitzengruppe des Wettmarktes für die JLT Novices´ Chase katapultierte.

Nicht nur sein viel saubereres Springen beeindruckte ungemein; Comebacks solch hochklassiger Pferde sind einfach besonders befriedigend. Topofthegame´s Leistung darf nicht weniger hoch eingeschätzt werden, der Wallach fand sich umgehend im Wettmarkt für die RSA Chase, den Gold-Cup für Nachwuchs-Chaser, wieder. Black Op dagegen konnte die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen, auch wenn seine Formen zu Santini und auch Samcro, der sich in der „offenen“ Klasse aller Altersgruppe durchaus wacker schlägt, nach wie vor Bestand haben.

Der darauffolgende Samstag fiel dann buchstäblich ins Wasser, Regengüsse überspülten das Land und führten allerorts zu wahrhaft „schweren“ Bodenverhältnissen; „ich konnte spüren, wie mir der Regen unter die Jockey-Seide und die Schutzweste rann, es war sehr unangenehm“, beschrieb Jockey Nico de Boinville die äußeren Bedingungen. Dabei sollte er doch froh sein, dass Hindernisjockeys nicht mehr die handgestrickten Woll-Pullover tragen müssen, die es noch bis weit in die 80er Jahre hinein gab; man möchte es sich nicht vorstellen.

Doch wer geglaubt, oder gehofft, hatte, dass irreguläre Bedingungen auch irreguläre Ergebnisse bringen würden, sah sich getäuscht. Lediglich der hier schon mehrfach besprochene Lalor aus dem Stall von Kayley Woollacott blieb gleichsam im Matsch stecken; als Favorit in der zur Gr. 1 zählenden Henry VII Novices´Chase (2m) war sofort nach dem Start ersichtlich, dass sich der mächtige Wallach auf diesem Untergrund überhaupt nicht wohl fühlte. Woollacott machte neben dem Boden auch die recht schnelle Startfolge für die Niederlage ihres Schützlings verantwortlich;  der Sieger Dynamite Dollars aus den Quartier von Paul Nicholls hatte sich ihm beim letzten Start noch deutlich beugen müssen.

Die Attraktion des Tages, und natürlich einer der Stars der Sports allgemein, war selbstredend Altior, der in einer dünn, aber hochklassig besetzten Tingle Creek Chase als kochend heißer Favorit antrat und seine zahlreichen Fans nicht enttäuschte. Willie Mullins hatte Un de Sceaux aus Irland geschickt, und mit ihm einen wieder genesenen Ruby Walsh; aus heimischen Ställen trauten sich nur Harry Whittingtons Saint Calvados und Alan Kings Sceau Royal an den Start. Es wurde eine Demonstration der Klasse Altiors, inzwischen in 15 Rennen in Folge, davon in allen zehn Jagdrennen, ungeschlagen. Ein Fehler am zweiten Hindernis weckte den High Chaparral- Sohn, der in den Farben von Mrs. Pugh läuft, auf, danach war es „plain sailing“, wie die Engländer sagen.

Im Fahrwasser des zehnjährigen Un de Sceaux, dessen Enthusiasmus für seine Rennen legendär ist, sprang Altior sicher, übernahm am vorletzten Sprung die Initiative und konnte sich auf rund vier Längen lösen. Große Rennen leben von großen Pferden, und hier hatten sich zwei absolute Top-Pferde getroffen. Beiden mag das Charisma und die besondere Ausstrahlung eines Sprinter Sacre fehlen; der kleine Terrier Un de Sceaux ist optisch kein Wow-Faktor, und auch Altior reißt auf den ersten Blick keine Bäume aus. Zusammen haben sie jedoch 38 Rennen gewonnen, davon schlappe sechzehn (16!) Gruppe1-Rennen; da braucht es kein lackschwarzes Fell, um die Zuschauer in Freudentaumel zu versetzten. Walsh, wie alle Jockeys nicht der beste Verlierer, konnte an seinem Partner dann auch keinen Fehler finden, „wir müssen nur versuchen, Altior auszuweichen,“ bekannte er am nächsten Tag im irischen Punchestown.

Die berühmte Grand National-Rennbahn von Aintree hielt mit dem Becher-Renntag den letzten Renntag vor dem Grand National Meeting Anfang April ab, zwei Rennen der Karte führten dabei über die berüchtigten Reisig-Hindernisse incl. des mittlerweile stark entschärften Becher´s Brook. In der Becher Chase (Gr.3, 3m2f) besiegte der von Robert Walford trainierte acht Jahre alte Walk in the Park- Sohn Walk In The Mill den Santiago-Sohn Vieux Lion Rouge, ein durchaus formgemäßer Einlauf. Rennen dieser Art bringen nun einmal keine Seriensieger hervor; es braucht einen speziellen Pferdeschlag mit Stamina und Mut, diese besonderen Hindernisse zu überwinden, vor allem Vieux Lion Rouge hat sich zu einem wahren Spezialisten gemausert, der aus einer rund 240tägigen Pause kam und kaum besser in die Saison starten konnte.

Kennern der Szene mögen die Farben des Siegers bekannt vorgekommen sein:  Baroness Harding ist keine Geringere als „The Honorable Miss Dido Harding“, lt. Times unter den 100 einflussreichsten Frauen der Insel;  1998 hatte Cool Dawn in ihren Farben den Cheltenham Gold Cup gewonnen. Fast hätte er auch mit Miss Harding als Reiterin gewonnen,  hatte Harding ihn schließlich lediglich als Amateur-Rennpferd für relativ kleines Geld erworben. Der Entwicklung des Pferdes hin zu einem veritablen Gold Cup Starter hielten Hardings Fähigkeiten im Sattel allerdings nicht stand, auf Druck der Zuschauer, die ihre Wettgewinne einmal zu oft hatten baden gehen sehen, gab Harding damals den Ritt zähneknirschend an Andrew Thornton ab. Nach dem Sieg in der Becher Chase konnte sich Baroness Harding den Hinweis, dass sie auch hier am liebsten selber geritten wäre, nicht verkneifen.

Die etwas kürzere Grand Sefton Chase (Class2, 2m5f), wie die Becher Chase und das Grand National selber ein Handicap, wurde Beute von Paul Nicholls´ Warriors Tale, bei seinem dritten Start über diese Sprünge. Ihm kam die kürzere Distanz des Rennens auf jeden Fall entgegen; Besitzer Trevor Hemmings hegt aber eine besondere Leidenschaft für das Grand National und würde den dann zehnjährigen Wallach gerne erneut in diesem Rennen sehen, auch wenn  ihm im April diesen Jahres hinter Tiger Roll die sprichwörtliche Puste ausging.

Die Betway Many Clouds Chase, ein Gr. 2-Rennen über die konventionellen Hindernisse, erinnert an Hemmings´ legendären Chaser, der in Aintree nicht nur in eben diesem Rennen, sondern auch im Grand National selber erfolgreich war. Zum zweiten Jahr in Folge war kam Brian Ellisons Definitly Red zum verdienten Sieg, Pferd wie Trainer echte Stars des Nordens. Auch in dieser Prüfung kamen nur vier Pferde an den Start, bei allem Respekt vor Double Shuffle & Co.  stellte keines einen wirklichen Gegner für Ellisons so formbeständigen, 14fachen Sieger dar; so kam es auch. Der Cheltenham Gold Cup ist das erklärte Ziel des Definite Article-Sohns;  Ellison selber hat mit Cheltenham mehr als ein Hühnchen zu rupfen und beim Festival selber noch nie einen Sieger gestellt.

Was England sein Samstag, ist dem Irischen Hindernissport sein Sonntag. Der Tag, an dem hochklassiger Sport abgehalten wird. Punchestown und Cork hielten vier Gruppe-Rennen ab, heraus stach selbstredend die Gr.1 John Durkan Memorial Chase (2m4f), die an den jungen, 1998 verstorbenen Amateur-Rennreiter und Trainer erinnert, einstmals vor allem der Entdecker des großen Istabraq. Das Rennen selber hat eine wesentlich längere Geschichte und ist ein Klassiker im irischen Hindernisjahr, die Siegerliste gespickt mit legendären Namen der dortigen Szene: Captain Christy, Dawn Run, Carvill´s Hill, Merry Gale, Dorans Pride oder Imperial Call sind nur die größten Namen von „Yester-year“, in jüngerer Vergangenheit hatte u.a. der  spätere Cheltenham Gold Cup Sieger Don Cossack hier erfolgreich seine Visitenkarte abgegeben.  

Mit fünf Startern war es auch hier ein kleines Feld, doch Willie Mullins´ für Rich Ricci trainierter Min ist ein Star der Szene und somit per se eine Attraktion. Im März hatte er sich in der Champion Chase nur Altior beugen müssen; sein Sieg über die längere Distanz, bei dem er Shattered Love, selber im März in Cheltenham auf Gr.1 Niveau erfolgreich, und Balko des Flos, immerhin amtierender Ryanair Chase Sieger, keine Chance ließ, war durchaus eine Ansage.  

Die Top-Rennen in Irland entwickeln sich mehr und mehr zum Zweikampf Willie Mullins gegen Gordon Elliott, oder aber Gigginstown Stud gegen den Rest der (irischen Pferde-) Welt. Mit jeweils drei Siegen in Punchestown und Cork kommt Mullins´ Stall immer besser in Schwung, auch wenn gerade in Cork nicht alles nach Plan lief: vor allem der Sturz des hochtalentierten, aber auch äußerst schwierigen Great Field wird Mullins nicht eben begeistert haben. Kaum ein Jockey wagt sich in den Sattel des heißblütigen Wallachs, so dass Arbeitsreiter Jody McGarvey nun sein ständiger Reiter ist. Als achtfacher Sieger war der Great Pretender-Sohn heißer Favorit, stürzte aber bereits am zweiten Hindernis und machte so den Weg  Pat Fahy´s Castlegrace Paddy frei, mit dem sein Stall durchaus Gr. 1-Ambitionen hegt.  Great Fields blieb glücklicherweise unverletzt; Mullins selber erwähnte den Spanish Moon-Sohn Come to Me, der zwar nur ein kleines Rennen gewann, im Stall aber einen guten Ruf zu genießen scheint.

Nicht unerwähnt bleiben darf das wichtigste Rennen der Rennbahn von Huntingdon, die Peterborough Chase, inzwischen zu Ehren des vierfachen Siegers Edredon Blue gelaufen. Über ähnliche Distanz wie die John Durkan Chase gelaufen– und ebenfalls ein Gr.2 Rennen – hat auch diese Prüfung eine goldene Vergangenheit mit einer Vielzahl von absoluten Spitzenpferden in der Siegerliste: allen voran neben Edredon Blue natürlich sein Trainingsgefährte Best Mate, der große One Man, Martha´s Son, Travardo, Sabin du Loir, Remittance Man, Wayward Lad …. Die Liste der glorreichen Helden ist schier endlos.

Noch gehört der jüngste Sieger Charbel ganz sicher nicht in diese Kategorie, er ist bei Altmeister Kim Bailey allerdings in besten Händen. Nach dem Sieg bekannte dieser, dass Charbel,  der nach einem aggressiven Ritt von Noel Fehily sehr sicher zum Zuge kam, an sog. Kissing Spines gelitten hatte und  über den Sommer an sieben Wirbeln operiert wurde. Der erst siebenjährige Wallach hat in der aktuellen Saison tatsächlich stark verbesserte Formen gezeigt und sollte in den entsprechenden Rennen der obersten Kategorie durchaus ein Wörtchen mitreden können.

Catrin Nack

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