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National Hunt - Viele Stars am Start

Lisnagar Oscar bringt Trainerin Rebecca Curtis wieder ins Gespräch. Foto: offiziell

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 556 vom Freitag, 22.02.2019

Nachdem Rennsportfans durch den Ausbruch der Pferde-Influenza eine ganze Woche auf Pferderennen in England hatten verzichten müssen, besann sich die BHA (British Horseracing Authority) ab dem 13. Februar dann doch eines Besseren; es wurden mit verstärkten Auflagen wieder Rennen abgehalten. Zusammen mit einigen der ausgefallenen Rennen bot das vergangene  Wochenende unerwartet hochklassigen Sport in komprimierter Form, diverse Festival-Hoffnungen holten sich ihren letzten Schliff. Zwei Herren - einer zwei-, der andere vierbeinig - drückten dem Wochenende ihren Stempel auf, beide sollten auch mit besten Hoffnungen Mitte März gen Cheltenham ziehen.

Sandowns Freitags-Karte um den Royal Artillery Cup erhielt mit der Kingmaker Novices´ Chase (Gr.2, 2m),  welche sonst in Warwick gelaufen wird, eine unerwartete Aufwertung. Leider fanden sich nur drei Starter, doch mit Kalashnikov trat ein veritabler Cheltenham-Kandidat an.  Es siegte der von Mick Channon vorbereitete Glen Forsa, der nach zwei Siegen in Handicaps auch auf Gruppe-Ebene mehr als deutlich zum Zuge kam und seine Ziele für das Festival nun deutlich höher schrauben muss. Channon,  natürlich aus Flach-Trainer mehr als bekannt, erhält beim Training seines kleines „Spring-Teams“ zwar Schützenhilfe in Form einer gewissen Henrietta Knight (ihr dreifacher Gold Cup-Sieger Best Mate ist sicher auch hierzulande unvergessen), doch kann man auch Channon, dem seit einigen Jahren auch  Sohn Mick jun. zur Seite steht, eine wachsende Passion für dieses Metier nicht absprechen. Bereits im letzen Jahr hatte es für Besitzer Tim Radford, dem auch Glen Forsa gehört einen vollen Erfolg beim Festival gegeben; gut möglich, dass der nächste Sieger bereits in den Startlöchern steht.

Ascots Samstags-Karte um die gleichnamige Chase (Gr.1, 2m5f) wurde um zwei bedeutende Rennen, die am Wochenende zuvor in Newbury ausgefallen waren, erweitert; neun Rennen waren beinahe deutsche Verhältnisse. Mann des Tages war Paul Nicholls, der sein Team seit Wochen in hervorragender Form hat, er gewann insgesamt acht Rennen in England, derer fünf in Ascot, darunter mit der Denman Chase (Gr.2, 3m) und eben der Ascot Chase die beiden Hauptereignisse. Die Denman Chase als letze Vorprüfung für den Cheltenham Gold Cup wurde leichte Beute seines Clan des Obeaux, der bei nur vier Startern nicht wirklich einen Gegner hatte, aber auch Formalitäten wollen erst einmal gewonnen werden.

Kurz darauf schlugen Nicholls und Stalljockey Harry Cobden erneut zu: die Überlegenheit, mit der Cyrname gestandene Gegner, darunter mit vor allem  Waiting Patiently den Vorjahressieger der Prüfung (damals in einem epischen Duell gegen Cue Card) stehen ließ, war mehr als eine Augenweide, es war eine Demonstration von Springvermögen und vor allem Klasse. Der Nickname-Sohn, selbstredend französisch gezogen, bekam nach dieser Vorstellung ein höheres Rating als Altior. Sicher leicht verwunderlich, aber woran sonst soll sich der Handicapper orientieren: dies war ein starkes Feld und Cryname degradierte sie alle zu chancenlosen Statisten.

Der 7j. Wallach hat nur eine Schwäche, und das ist seine Vorliebe für Rechtskurse, wie eben Ascot einer ist (im Gegensatz zu Cheltenham). Sein Team schloß nach dem Erfolg einen Start beim Festival dann auch kategorisch aus, „wir geraten nicht einmal in Versuchung, ihn zu nennen“ so Besitzer Johnny de la Hay.  Cyrnames Sieg war zudem der Auftakt eines Hattricks für Nicholls und Cobden, wenn es läuft, dann läuft es. Passend, dass Nicholls Mitte der Woche einen weiteren Meilenstein seiner hocherfolgreichen Karriere feierte: am Dienstag stelle er mit Capitaine in Taunton seinen insgesamt 3.000sten Sieger als Trainer,  darunter sind im Übrigen auch 11 Siege in Flachrennen.  

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, all seine großen Sieger und Superstars aufzuzählen, nach eigenen Angaben gewann Nicholls rund 120 Gruppe 1(!) Rennen, seinen ersten Cheltenham Gold Cup vor genau 20 Jahren – zusammen mit den Siegen von Flagship Uberalles (in der Arkle Chase)  und Call Equiname (Champion Chase) war Cheltenham 1999 der wahre Initiator von Nicholls´ Karriere. Nach einigen „ruhigeren“ Jahren - eine Beschreibung, der Nicholls lachend widerspricht - ,  in denen es neben guten Pferden auch an gutem Personal mangelte, ist Team Ditcheat nun so gut wie schon lange nicht mehr aufgestellt; ein Sieg einem der „big points“ beim Festival mehr denn je zum Greifen nahe.

Die Betfair Hurdle (Gr.3, 2m), sonst einer der Höhepunkte in Newburys Rennjahr, gewann der Favorit  Al Dancer (Nigel +Sam Twiston-Davies) mehr als sicher.  Als Handicap gelaufen, musste Al Dancer beinahe Höchstgewicht schultern, somit ist und bleibt er auch für Gruppe-Rennen beim Festival interessant; aktuell notiert er als einer der Mitfavoriten für das einleitende Rennen des Meetings, die Supreme Novices´ Hurdle (Gr.1, 2m).  

Eine weitere emotionale Note, und sicher mehr als eine Randnotiz, erhielt der Renntag in Ascot durch die Nachricht, dass der 2015 Cheltenham Gold Cup Sieger Coneygree in den Ruhestand verabschiedet wurde, nachdem er am Samstag von Jockey Nico de Boinville, der ihn auch zum Gold Cup Erfolg gesteuert hatte, angehalten wurde. Nicht viel war zusammengelaufen nach diesem großen Triumph, nicht nur Höhepunkt seiner Karriere, und sondern selbstredend auch von Trainer-Ehepaar Mark und Sara Bradstock; Saras Vater Lord Oaksey, legendärer englischer Amateur-Rennreiter und Journalist, zeichnet zudem als Züchter des Karinga Bay-Sohns, einem Halbbruder des Hennessy Gold Cup Siegers Carruthers. Genau acht Mal konnte der fragile Coneygree seit März 2015 an den Start gebracht werden, einige Platzierungen konnten nicht über die Tatsache hinweg täuschen, dass die alte Klasse nach diversen Verletzungen zum Schluß leider fehlte. „Zuhause ist der Motor noch da, er denkt, er ist ein Rennpferd, und unter optimalen Bedingungen –wer weiss… Aber das Risiko einer schweren Verletzung ist uns einfach zu groß,“ so ein gegen die Tränen kämpfender Bradstock. Auch Jockey de Boinville zollte dem schmalen Wallach großes Lob: “Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“

Sport auf hohem Niveau auch im nordenglischen Haydock, hier kam in der renommierten Rendlesham Hurdle (Gr.2, 3m ½ f) mit Sandy Thompsons Shades of Midnight auch ein nordenglischer Trainer zum Zuge. Thompson, kein Trainer der ersten Reihe, ist durchaus in der Lage, ein gutes Pferd entsprechend vorzubereiten, dies war sein dritter voller Erfolg in einem Gruppe-Rennen, man steuert nun dem Vernehmen nach ein Gruppe1 –Rennen beim Grand National Festival in Aintree an. Neben einem Trial auf Gruppe-Ebene für eben das Grand National (Sieger Robinsfirth für Trainer Colin Tizzard und Jockey Sean Bowen hat allerdings für dieses Rennen gar keine Nennung)  war ein weiterer Höhepunkt des Tages die Albert Bartlett Prestige Novices´  Hurdle, ein Gr.2 über 3m ½ f, natürlich eine Vorprüfung für die mehr oder weniger gleichnamige Prüfung beim Cheltenham Festival. Endlich meldete sich Trainerin Rebecca Curtis (nicht nordenglisch, aber immerhin aus Wales) zurück in der Riege der großen Siege, ihr letzter Erfolg auf Gruppe-Ebene liegt nun schon einige Zeit zurück. Lisnagar Oscar, selbstredend ein Sohn des legendären Hindernis-Vererbers Oscar, der seinen Nachkommen unendliches Stehvermögen mitgab, beeindruckte hier nicht wenig. Mit erst fünf Starts ist der Wallach noch wenig geprüft; den Sprung von Novice in Gruppe-Gesellschaft bewältigte er hier mühelos und sollte auch in Cheltenham eine prominente Rolle spielen können.

Und nun endlich zu dem vierbeinigen Herren, der am Wochenende die Zuschauer im irischen Navan- und natürlich an den Bildschirmen-verzückte . Es ist nicht gerade alltäglich, das 25-1 Außenseiter ein Gruppe-Rennen, noch dazu überlegen, gewinnen, und noch unwahrscheinlicher, dass das Publikum den Sieger trotzdem frenetisch feiert, doch Tiger Roll ist eben nicht irgendein Pferd. Sein Start in der Boyne Hurdle (Gr.2, 2m5f) schien nur ein Aufgalopp für seine geplanten Prüfungen (auf der Jagdbahn) bei all den anstehenden Festivals zu sein, doch hatte der kleine Wallach, immerhin amtierender Grand National-Sieger, ganz andere Pläne. Erstmals mit Scheuklappen, und unter einem seiner Stammjockeys Keith Donoghue, unterwegs, hielt sich der Wallach zunächst im Hintertreffen auf, kam mit zunehmender Distanz immer besser in Schwung , canterte eingangs der Geraden an der Außenseite des Feldes „hände voll“ (Donoghue zeigte seinen Jockey-Kollegen nach dem Sieg mit ungläubigem Strahlen, wie leicht der Wallach am Gebiß ging) auf und zog unwiderstehlich – und uneinholbar-  einem ungefährdeten Sieg entgegen.

Zehn Siege und mehr als 870.000 Pfund hat der Authorized-Sohn nun auf der Habenseite, ein Großteil des Geldes natürlich im hochdotierten Grand National. Aber der Wallach hält noch einen anderen, sicher einmaligen Rekord, ist er doch dreifacher Cheltenham-Festival Sieger in Rennen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: als vierjähriger gewann er die Triumph Hurdle, ein Gr.1-Rennen über 2 Meilen, die kürzeste Distanz über Hindernisse. 2017 gewann er dann unter Stallamateurin Lisa O´Neill, die ganz nebenbei auch Elliotts Büro schmeißt, den 4-Meiler, selbstredend das längste Rennen beim Festival; in 2018 war sein Sieg in der Cross-Country Chase ein weiterer Höhepunkt seiner Karriere, die er dann drei Wochen später mit dem schon mehrmals erwähnten Grand National Sieg die vorläufige absolute Krone aufsetzte.

„Ich habe wirklich gedacht, dass meine Pferde hier letzter und vorletzter werden.“ Bekannte ein atemloser Gordon Elliott nach dem jüngsten Sieg seines an Stars nicht eben armen Stalls. „Nun hat er schon wieder seinen Hafer für das gesamte Jahr verdient. Jeder liebt ihn im Stall.“   Tiger Roll ist nun zumindest Mit-Favorit, die beiden letztgenannten Siege auch in diesem Jahr zu wiederholen; seit dem legendären Red Rum in den siebziger Jahren ist nie wieder einem Pferd ein Doppel-Sieg in Aintree gelungen. Aber wenn ein Pferd eines neues Kapitel in der so langen Geschichte des Grand National schreiben kann, dann wohl der kleine Kämpfer Tiger Roll.

 

Catrin Nack

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