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Lester Piggott - seine Erfolge in Deutschland

Lester Piggott und Hein Bollow 2019 in Iffezheim. www.galoppfoto.de

Autor: 

Daniel Delius

TurfTimes: 

Ausgabe 721 vom Freitag, 03.06.2022

Am vergangenen Sonntag ist der große Lester Piggott im Alter von 86 Jahren in einem Krankenhaus in Genf in seiner Wahlheimat Schweiz verstorben. Über ihn sind Dutzende von Büchern erschienen, die Nachrufe in der internationalen Fachpresse füllten viele Seiten. Deshalb sollen hier nicht seine internationalen Erfolge aufgeführt werden, es soll vielmehr an seine Gastspiele in Deutschland erinnert werden.

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Es war der 2. Oktober 1955, als der damals 19 Jahre alte Lester Piggott erstmals in Deutschland in den Sattel stieg. Er ritt in Düsseldorf den in Frankreich trainierten Les Riots in einem besseren Altersgewichtsrennen, endete aber unplatziert. Der Star des Tages war jedoch der Prinz Aly Khan. Er hatte im Hauptereignis, dem Preis der Industrie und Wirtschaft, den Hengst Oyampia am Start, ritt mit immerhin schon 44 Jahren aber im Rahmenprogramm in einem Amateurreiten.

Ein Jahr später stand Piggott bei seinem zweiten Grafenberger Auftritt erneut im Schatten eines Anderen: Sir Winston Churchill, der damals zwar keine politische Funktion mehr hatte, aber kraft seiner Persönlichkeit natürlich einen überragenden Ruf besass, war anlässlich des Starts seines Pferdes Le Pretendant im Großen Preis von Nordrhein-Westfalen nach Düsseldorf gekommen. Der damals 80jährige sorgte für einen gewaltigen Hype, auch wenn sein Pferd unplatziert blieb. Immerhin landete er noch vor Piggotts Ritt Brave Day.

Ein Jahr später aber wurde die sportliche Öffentlichkeit endgültig auf den Jockey aus England aufmerksam. Walter Held, Stalljockey des Gestüts Erlenhof, hatte sich wenige Wochen vor dem Derby bei einem Sturz Brüche zugezogen, so dass für den Mitfavoriten Orsini ein neuer Reiter gefunden werden musste. Lester Piggott wurde eingeflogen, machte sich im ersten Rennen eines extrem heißen Hamburger Juli-Tages mit der Bahn vertraut und wurde gleich einmal vor die von Horst-Herbert Alsen geführte Rennleitung zitiert. „Jockey Piggott wurde ermahnt, in Zukunft geradeaus zu reiten“, vermerkte das Protokoll, nachdem er den Kollegen Hein Bollow auf Brummer „bedrängt“ hatte. Nutzte aber nichts, Brummer gewann.

Im Derby aber lief Piggott zur Höchstform auf: Im Sattel von Orsini schlug er in einem packenden Finish Windfang und Utrillo, im geschlagenen Feld waren Cracks wie Obermaat und Thila, ein Derby von hohem Standard. Noch im Absattelring streifte Erlenhofs Besitzer Heini Thyssen seine Armbanduhr, ganz gewiss kein billiges Modell, vom Handgelenk ab und drückte sie dem Jockey in die Hand.

Dieser sollte Orsini, den er später einmal als eines der besten Pferde bezeichnete, das er je geritten hatte, in den nächsten Jahren auf seinem internationalen Weg begleiten. So gewann er mit dem Schützling von Adrian von Borcke 1958 die „Großen Preise“ auf den belgischen Bahnen Ostende und Groenendael sowie den Oslo Cup in Ovrevoll. Weniger glücklich agierte er auf ihm bei einem Ausflug in die USA.

1963 ritt er wieder im Derby, für Margit Gräfin Batthyany, die ihrem Bruder Heini Thyssen einige Jahre zuvor Erlenhof komplett abgekauft hattte. Fanfar war der Sieger, als Trainer zeichnete Albert Klimscha, doch besaß das Pferd längst nicht die Klasse von Orsini. In jenem Jahr ritt Piggott auch erstmals in Baden-Baden, mit Novum gewann er das Spreti-Rennen.

Vier Jahre später reiste Piggott nach Köln. Er war für den Ritt des von Sven von Mitzlaff trainierten Luciano im Union-Rennen engagiert worden, da sich Stalljockey Ossi Langner auf den Henckel-Rennen-Sieger Presto festgelegt hatte. Eine falsche Entscheidung, Luciano gewann die „Union“ und danach mit Piggott zum Kurs von 15:10 auch das Deutsche Derby. Es war eines der besten Pferde, das je in einem deutschen Rennstall stand, ein Star seiner Zeit. Piggott siegte in jener Saison auch im Preis der Diana, mit der Charlottenhoferin On dit.

1968 hieß der klare Derbyfavorit Literat. Im Besitz des Gestüts Fährhof hatte er das Henckel-Rennen und bereits mit Piggott das Union-Rennen gewonnen. In Hamburg trat der Mitzlaff-Schützling zur Quote von 12:10 an, doch zog er sich im Rennen eine Fissur zu, wurde deutlich hinter dem Sieger Elviro Fünfter. Piggott saß noch auf dem Geläuf ab, verschwand grußlos von der Bahn, was Literats Besitzer Walther J. Jacobs dazu veranlasste, ihn nie wieder auf eines seiner Pferde zu setzen. Literat konnte nicht mehr an den Start gebracht werden, doch wurde er auf dem Fährhof Vater des überragenden Surumu.

Piggott sollte noch dreimal im Derby reiten, doch kam er nie mehr in die Nähe der Geldränge. 1973 war er sogar auf Galaxor überraschend Favorit, übertrieb es aber mit dem Tempo an der Spitze, im Jahr darauf war er mit dem Union-Sieger Meinberg chancenlos. Schließlich war er sogar 1993 noch einmal dabei, blieb mit Lambada unplatziert.

Immer wieder kam es natürlich in den Folgejahren zu Gastspielen in Deutschland. 1972 gewann er mit Sparkler am Olympia-Renntag in München, im Jahr darauf siegte er in Gelsenkirchen auf Oktavia im Nereide-Rennen und wurde daraufhin „von der Rennleitung ermahnt, für die Folge rücksichtsvoller zu reiten.“ 1974 gab es einen Erfolg mit Ace of Aces im Iffezheimer Oettingen-Rennen, dort siegte er 1981 auch in der Goldenen Peitsche mit Rabdan. Im Jahr darauf ließ ihn der Baden-Badener Besitzer Curt Reich für Arszlan nach Cagnes-sur-mer einfliegen – vergeblich. 1983 gewann Piggott mit Esprit du Nord den Preis von Europa.

Zwei Jahre später, in seinem vorerst letzten Jockeyjahr, stieg er bei einem der legendären Holsten Jockey-Cups in Hamburg in den Sattel, mit Koryphäen wie Steve Cauthen, Pat Eddery, Willie Carson, Yves Saint-Martin und Freddie Head. Im Nachhinein ist es schon erstaunlich, wer damals an einem Dienstag in der Derbywoche in profanen Handicaps dabei war. Gewonnen wurde die Challenge von Pat Eddery, Piggott blieb sieglos. Er gewann in jenem Jahr zum wiederholten Mal das Oettingen-Rennen mit Hot Rodder und wurde sogar noch zu einem Dezember-Renntag nach Hannover eingeflogen, wo er dreimal erfolglos antrat.

Nach seiner kurzen Trainerkarriere – zwei unplatzierte Starter in Deutschland – und dem Gefängnisaufenthalt startete er 1990 sein spektakuläres Comeback. Kurz nach seinem Treffer in der Breeders‘ Cup Mile mit Royal Academy war er am Buß- und Bettag der Stargast in Düsseldorf, gewinnen konnte er bei vier Starts nicht. Die Show wurde ihm von Peter Alafi gestohlen, der an diesem Tag den 2218. Sieg seiner Laufbahn ritt und damit den Uralt-Rekord von Otto Schmidt einstellte.

1991 wurde dann das erfolgreichste Jahr überhaupt in Deutschland für Lester Piggott. Begonnen hatte es weniger gut, denn bei einem Gastspiel in Hoppegarten – der Sponsor Holsten hatte wieder viel Geld in die Hand genommen – blieb er in ordinären Handicaps chancenlos. Doch im Sommer reiste er nach Baden-Baden. Und blieb gleich die gesamte Große Woche. 13mal stieg er in den Sattel, gewann sechsmal und wurde Meetingschampion. Mit Tao gewann er für Andreas Wöhler das Fürstenberg-Rennen, siegte auf dem von seiner Frau Susan trainierten Nicholas in der Goldenen Peitsche und mit Showbrook im Moet-et-Chandon-Rennen.

Nur im Großen Preis von Baden lief es nicht so gut, da blieb er auf Top Waltz chancenlos. Der damalige Sieger Lomitas sollte im Leben der Piggotts noch eine Rolle spielen, denn nach der mysteriösen Vergiftungs- und Erpressungsgeschichte im Jahr darauf wurde der Hengst kurzfristig außer Landes gebracht und stand einige Zeit anonym im Piggott-Stall in Newmarket.

1992 kam es noch einer eher skurrilen Episode. Der mit viel Ballyhoo in den Rennsport eingestiegene Küchenunternehmer Arnold Nothdurft engagierte Piggott für seine damals von Trond Hansen in Iffezheim trainierten Pferde als Stalljockey. In Großbritannien waren die Offerten rarer geworden und es winkte eine üppige Gage. Es war eine Reihe von sündteuren Pferden, die Nothdurft vornehmlich in England gekauft hatte. Es gab drei Siege, doch nach wenigen Wochen war schon wieder Schluss mit dem Mann, der eigentlich auch als „Berater“ geholt worden war. Piggott soll bei diesem Job einen hohen sechsstelligen DM-Betrag verdient haben. Noch zweimal flog er in jener Saison in Deutschland ein, gewann mit Mr Brooks den Großen Preis von Berlin in Hoppegarten und mit Sharp Prod in den Farben von Queen Elizabeth das Moet-et-Chandon-Rennen.

Auch in den nächsten Jahren bis zu seinem endgültigen Karriereende war Piggott hierzulande häufig engagiert. 1993 gewann er Listenrennen in Baden-Baden und München, 1994 siegte er in einer Listenprüfung in Hoppegarten. Seinen letzten Erfolg in Deutschland erzielte er während der Großen Woche, als er für Besitzer Thomas Köhler und Trainer Walter Buick mit Elegante ein Handicap gewann. Wenn wir richtig gezählt haben, dann hat Lester Piggott zwischen 1957 und 1994 in Deutschland 38 Rennen gewonnen.

Und wenn später einmal jemand zu ehren war, wenn es etwas zu feiern gab oder überhaupt ein prominenter Gast benötigt wurde, dann kam Lester Piggott. Kompetent, freundlich, eine lebende Legende. Zuletzt war er 2019 mit seiner Lebensgefährtin Barbara Fitzgerald in Baden-Baden. Und auch wenn er wie immer zurückhalten, ja fast scheu war, so hatte man fast schon den Eindruck, dass er es immer noch genossen hat, im Blickpunkt zu stehen. 

 

Lester Piggott in Zahlen (Auswahl)

In England

Derby: 36 Ritte – 9 Siege

Oaks: 31 Ritte – 6 Siege

St. Leger: 28 Ritte – 8 Siege

Ascot Gold Cup: 11 Siege

 

Prix de l'Arc de Triomphe: 3 Siege – Rheingold (1973), Alleged (1977 und 1978)

 

20 Siege bei 56 Ritten in Hürdenrennen

 

Elfmal Championjockey in Großbritannien, dort 4.493 Siege. Die genaue Siegzahl weltweit ist nicht erfasst.

 

Erster Ritt im Ausland 1952 in Griechenland

 

Als Trainer 1986 und 1987 61 Siege in Großbritannien, zehn im Ausland, u.a. in Ostende und Cagnes-sur-mer.

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