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Der Kampf um den Taxis-Graben geht weiter

So sieht der neue Taxis-Graben aus. Foto: Cap

Autor: 

Martin Cáp

TurfTimes: 

Ausgabe 684 vom Freitag, 03.09.2021

Man kann es drehen und wenden, wie man will, in Tschechien wird als der absolute Höhepunkt der Rennsaison nicht das Derby oder andere große Ereignisse auf der flachen Bahn, sondern die Große Pardubitzer angesehen. Das 6900 Meter lange Cross Country-Rennen, das alljährlich am zweiten Oktober-Sonntag gelaufen wird, ist noch immer das Rennen, das einen großen Teil der Nation interessiert. Auch Menschen, die sonst mit Pferderennen eher nichts am Hut haben, registrieren, wer in Pardubitz gewonnen hatte und die mehrstündige Live-Übertragung auf den ersten Kanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hat im 10 Millionen-Land eine Einschaltquote von etwa 2 Millionen Zuschauern.

Eine große Rolle spielt dabei nicht nur die Tradition – die erste Austragubg fand bereits 1874 statt und wurde vom späteren Hopppegartener Trainer George Sayers-Sear gewonnen – sondern auch ein gewisser Stolz auf ein sehr spezifisches Rennen, dass so unterschiedlich im Vergleich mit „gewöhnlichen“ Hindernisrennen ist. Wenn man den Bürger auf der Straße fragt, bekommt man noch immer die Antwort, dass die Große Pardubitzer das „schwerste Hindernisrennen auf dem europäischen Kontinent“ ist. Oder war. So lautete jedenfalls ein verbreiteter Slogan, den noch vor der Wende im Jahre 1989 viele tschechoslowakische Medien regelmäßig benutzt haben.

Was auf der einen Seite des Eisernen Vorhangs viele stolz gemacht hatte, sorgte auf der anderen Seite für Irritationen und Kritik. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in der Großen Pardubitzer regelmäßig zu fatalen Verletzungen von Pferden, die auch in der damaligen deutschen Presse ab und zu Schlagzeilen machten. Besonders schwer und hart war der berüchtigte Taxis-Graben, das vierte Hindernis im Rennkurs, das nur einmal im Jahr, nämlich in der Großen Pardubitzer selbst, gesprungen wird. Der zwei Meter tiefe Graben, versteckt hinter einer großen Hecke, stellte in den Augen von Vielen, sowohl Bewunderern, als auch Kritikern des Rennens, die Essenz des Phänomens Große Pardubitzer. Es gab hier regelmäßig Serienstürze und Kollisionen und von den Aktiven selbst wurde die erfolgreiche Bewältigung des Hindernisses als eine Art „Reifeprüfung“ angesehen. Als in den 80er Jahren der englische Turfjournalist, Amateurreiter und Sieger der Grand National Marcus Armytage nach Pardubitz kam, war er fasziniert und verblüfft gleichzeitig. „Ich würde sagen, dass der Taxis-Graben das größte Hindernis war, das ich je gesprungen habe. Mindestens in einem Rennen,“ erinnerte er sich vor wenigen Jahren.

Doch die ursprüngliche Form des Hindernisses, geprägt von der jahrelangen Isolation des tschechoslowakischen Rennsports in der Zeit des Kommunismus, zeigte sich nach der Wende als unhaltbar. Nach einigen missglückten Jahrgängen der Großen Pardubitzer und intensiven Protesten von verschieden Tierschützer und Aktivisten hatte sich der Veranstalter in Pardubitz für mehrere Änderungen entschieden, auch um mehr ausländische Teilnehmer anzulocken. Die Tiefe des Grabens wurde auf ein Meter reduziert und man hatte auch die Sprungkante gemildert. Die Rekonstruktion des Hindernisses aus dem Jahre 1994 war ein voller Erfolg, es gab wesentlich wenigere Stürze und keine fatale Verletzungen, was zu einer Renaissance der Popularität des Rennens führe. Zweimal nahm der englische Champion Richard Dunwoody teil und Pardubitz gewann viele neue Freunde in England und Irland.

In den letzten Jahren kehrten aber die alten Probleme zurück. Seit 2014 gab es drei fatale Verletzungen auf dem Taxis-Graben, die für breite negative Publizität sorgten. Die letzte von ihnen betraf 2020 den von der Stiftung Gestüt Fährhof gezüchteten Sottovento (Fastnet Rock) aus dem Stall von Josef Vána. Die drei Todesstürze hatten einen ähnlichen Verlauf – ein guter junger Steepler sprang extrem schlecht und niedrig ab oder schaffte es gar nicht abzuspringen und fiel durch die Hecke in den Graben. Eine Situation, die es vorher eigentlich nicht gab und die sich jetzt dreimal in den letzten sieben Jahren wiederholt hatte. Diese Entwicklung zeigt, dass sich zwar die Große Pardubitzer und der Taxis-Graben nicht verändert haben, aber es haben sich die Pferde und Reiter verändert, die an dem schweren Rennen teilnehmen. Pferde, die gewöhnt sind in schnellem Tempo klassische Steeplechasebahnen zu bewältigen und gelernt haben, dass ein kleiner Sprungfehler auf einer Hecke nichts ausmacht, stellen einen ganz anderen Typus dar, als die langsameren Pardubitzer Spezialisten aus den 80er und 90er Jahren, die aber virtuos mit den vielen spezifischen Sprüngen zurechtkamen, da sie in Pardubitz zuhause waren. Dieser Kontrast bedeutet für die Zukunft des Rennens ein wichtiges Problem.

Fast 30 Jahre nach den letzten Änderungen hatte sich deshalb die Pardubitzer Rennbahn für eine neue Rekonstruktion des Taxis-Grabens entschieden, die vor zwei Wochen erfolgt ist. „Ich bin überzeugt, dass unser Eingriff rechtzeitig kommt und dass er nötig ist, wenn wir die Tradition und Kontinuität erhalten wollen. Alle Änderungen wurden so projektiert, damit die Attraktivität des Rennens erhalten bleibt und die Sicherheit für Pferd und Reiter erhöht wird,“ sagte der Rennbahn-Direktor Jaroslav Müller. „Die Rennen selbst werden in den letzten Jahren immer schneller gelaufen, was leider negative Aspekte mit sich bringt. Wir sind uns auch bewusst, dass sich die Perspektive der Öffentlichkeit in der Zeit entwickelt.“

Die Pardubitzer Rennbahn hat eine Experten-Kommission geformt, in der Jockeys, Trainer, Tierärzte und lokale Kenner ihr Feedback zu den geplanten Änderungen gegeben haben. Die Tiefe des Graben selbst beträgt nun 75 Zentimeter, die größte Arbeit wurde aber auf der Sprungkante dahinter geleistet, wo nun weicheres Erdmaterial statt Gras gelegt wurde, um den Pferden die Orientation zu erleichtern und Verletzungen wie es bei Sottovento der Fall war zu verhindern. „Nun müssen wir auf den zweiten Oktober-Sonntag warten, wir werden aber auch jeden Fall an weiteren Sicherheitsmaßnahmen arbeiten,“ sagte Müller.

In den tschechischen Medien haben sich inzwischen auch Kritiker der Änderungen zum Wort gemeldet. Etwa 20 Turf-Legenden und Persönlichkeiten, unter deren mehrere Sieger der Großen Pardubitzer aus den 60er, 70er und 80er Jahren sind, haben einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie die Rekonstruktion als Entwertung des Rennens bezeichneten. Der erfolgreichste Jockey und Trainer in der Geschichte des Rennens, der achtmalige Sieger Josef Vána, ist allerdings auf der Seite der Rennbahn und Mitglied der Experten-Komission. „Wir müssen berücksichtigen, dass sich die Zeiten ändern und wir das Beste für Pferd und Reiter tun,“ sagte er bereits im Winter.

Martin Cáp, Prag

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