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Die Hoffnung auf ein magisches Ende

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Turf aktuell

TurfTimes: 

Ausgabe 648 vom Freitag, 11.12.2020

Wenn lange erfolgreiche Rennbahnkarrieren sich dem Ende zuneigen, dann kommt immer etwas Wehmut auf. Nicht immer ist der letzte Auftritt auf der Rennbahn im Vorhinein bekannt, oft kann man erst retrospektiv feststellen, dass ein bestimmtes Rennen der Schlusspunkt der Karriere war. Bei dem aktuell höchst eingeschätzten Vollblüter der Welt, dem mit einer Marke von 130 einsam an der Spitze der diesjährigen „Longines World's Best Racehorse Rankings“ stehenden Godolphin-Vertreter Ghaiyyath, trat ein solcher Fall ein. Bei seiner Niederlage Mitte September in den Irish Champion Stakes ahnte noch niemand, dass dies der letzte Start des Dubawi-Sohns sein würde, doch mussten alle Planungen, ihn nach dem Auftritt in Leopardstown noch einmal im Arc, den Champion Stakes oder beim Breeders‘ Cup an den Ablauf zu bringen, fallengelassen werden.

Ganz anders bei Ghaiyyaths Bezwingerin in Irland, der fünfjährigen Stute Magical, die bei den internationalen Rennen am Wochenende in Hongkong ihren angekündigten Abschied von der Rennbahn feiern kann. Auch wenn sie nie einen Top Ten-Platz im internationalen Ranking innehatte, hat die eisenharte Kämpferin – ganz unabhängig vom Ausgang des Hongkong Cups am Sonntag – eine beeindruckende Laufbahn vorzuweisen. Die nackten Zahlen (bei 27 Starts insgesamt zwölf Siege und neun Platzierungen mit einer Gesamtgewinnsumme von umgerechnet mehr als 5,1 Mio. Euro) beschreiben nur einen Teil ihrer Erfolgsgeschichte, die Mitte Juli 2017 auf dem Curragh begann.

Magical war keine Frühstarterin, der als Youngster der Ruf einer kommenden Championesse vorauseilte. Das Rennbahndebüt Mitte Juli 2017 auf dem Curragh konnte sie nicht erfolgreich gestalten, sie unterlag mit einer halben Länge der im Wettmarkt klar favorisierten Godolphin-Stute Dawn Deliver, von der man danach bei sechs weiteren Starts keine Siege mehr sah. Die Maidenschaft legte Magical erst beim zweiten Start drei Wochen nach dem Debüt auf der Rennbahn in Cork ab. Der Sieg fiel dabei keineswegs imposant aus, ein Kopf-Vorteil nach Kampf vor der Godolphin-Vertreterin Mary Tudor, im folgenden Jahr immerhin Dritte der irischen Oaks. Nicht einmal zwei Wochen nach dem Maidensieg folgte in den Debutante Stakes (Gr. II) auf dem Curragh ihr erster Treffer auf Gruppe-Parkett. Der Erfolg auf Gruppe I-Level blieb ihr in ihrer Youngster-Saison trotz dreier Versuche in den folgenden Wochen allerdings versagt. Zunächst musste sie in den Moyglare Stud Stakes am Irish Champions Wochenende Mitte September auf dem Curragh die Stallgefährtin Happily mit einem kurzen Kopf vor sich dulden. Dann lief sie bei ihrem ersten Auslandsstart Anfang Oktober in Chantilly beim Arc-Wochenende im Prix Marcel Boussac als Vierte hinter der Godolphin-Vertreterin Wild Illusion etwas blass und konnte auch zwei Wochen später in der Fillies Mile in Newmarket als Vierte hinter Laurens nicht überzeugen.

Nach der Winterpause begann sie ihre Dreijährigen-Kampagne in einem Gruppe III-Rennen in Longchamp, was im O’Brien-Quartier meist ein Zeichen dafür ist, nicht zur allersten Jahrgangsgarnitur im Stall zu zählen. Der Ausgang dieses Frankreich-Trips, Platz vier hinter der Godolphin-Stute Musis Amica, der späteren Zweiten in der französischen Diana und im Prix Vermeille, verschaffte ihr sicherlich auch keine besonderen Pluspunkte für die interne Stallhierarchie. Doch in den folgenden Wochen entwickelte sie sich Im Training zur Nummer Eins Hoffnung des O’Brien-Quartiers für die englischen Oaks, in deren Wettmarkt bei den Buchmachern sie zur zweiten Favoritin avancierte. Beim Abschlusstraining verletzte sie sich jedoch leicht und musste alle klassischen Hoffnungen begraben.

Der Neuanfang ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Schon Ende Juli kehrte sie auf die Rennbahn zurück und gewann auf dem Curragh ein Gruppe II-Rennen über 1800m mit komfortablem Vorsprung. Beim Irish Champions Wochenende brachte sie O’Brien dann wieder in einem Gruppe I-Rennen in Leopardstown an den Ablauf, erstaunlicherweise jedoch auf der Meilendistanz in den Matron Stakes. Der vierte Platz hinter Laurens in diesem Rennen war jedoch nicht primär der zu kurzen Distanz geschuldet, in der Zielgerade wurde sie an zweiter Stelle liegend behindert und kam dabei aus dem Takt. Als klare Außenseiterin ging sie danach als eine von fünf O’Brien-Schützlingen in den Pariser Arc und hatte bei Enables zweitem Arc-Triumph nichts mit dem Kampf um Sieg und Platzierungen zu tun. Ihr zehnter Platz markierte das schlechteste Rennergebnis ihrer Laufbahn, das einzige Mal kam sie ohne Preisgeld aus dem Rennen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte es den Anschein, als ob Magical nur eine von vielen ganz guten, aber eben nicht erstklassigen Stuten aus dem O’Brien-Stall sei, eine solide zweifache Gruppe II-Siegerin, aber keine Championstute. Dass dieser Eindruck täuschte, zeigte ihr nächster Start nur zwei Wochen nach dem Arc am britischen Champions Day. In den British Champions Fillies and Mare Stakes über 2400m errang sie ihren ersten Gruppe I-Erfolg, dem später noch insgesamt sechs weitere auf diesem höchsten sportlichen Parkett folgen sollten. Auch wenn die dreijährige Magical jetzt schon vier Starts im Zeitraum von Ende Juli bis Mitte Oktober absolviert hatte, gehörte sie zum Breeders‘ Cup-Team ihres Quartiers und lief Anfang November auf der Rennbahn Churchill Downs in Kentucky ein letztes Mail in 2018 im Breeders‘ Cup Turf. Sie traf auf die zweifache Arc-Siegerin Enable, der sie nach hartem Kampf knapp den Vortritt lassen musste, der zweite Rang neun Längen vor dem Rest war ungefährdet.

Mit einem Rating von 122 hatte Magical am Ende ihrer Dreijährigen-Kampagne den Sprung in die Top-Garnitur geschafft, sie rangierte auf Platz 20 der internationalen Rangliste. Unter den Vollblütern Europas befand sie sich auf Platz 9, wobei sie ihr höchstes Rating nicht einem ihrer Siege verdankte, sondern der knappen Niederlage im Breeders‘ Cup Turf. Angesichts ihrer Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte entschied man sich, Magical auch vierjährig im Training zu belassen und die Gestütskarriere hinauszuschieben, auch wenn ihre ein Jahr ältere Vollschwester Rhododendron demonstriert hatte, dass solche Entscheidungen sich nicht immer auszahlen. Bei Magical war es jedoch die richtige Entscheidung.

 

Vierjährig trumpfte sie im Frühjahr 2019 mit einer dreifachen Siegesserie in Gruppe-Prüfungen in ihrer Heimat auf. Nach dem Sieg beim Saisondebüt in einem Gruppe III-Rennen in Naas folgte ein Gruppe II-Erfolg auf dem Curragh, dem sich im Tattersalls Gold Cup ein weiterer Treffer auf Gruppe I-Level anschloss. Die nächsten drei Sommer-Starts absolvierte sie in englischen Gruppe I-Rennen und musste sich dabei mit einer „Ita-Serie“ begnügen. In den Prince of Wales‘ Stakes während der Royal Ascot Woche unterlag sie Crystal Ocean, in den Eclipse Stakes und den Yorkshire Oaks musste sie sich ihrer Dauerrivalin Enable beugen. In den Irish Champion Stakes Mitte September in Leopardstown kehrte sie dann souverän auf die Siegerstraße zurück. Auf ihrer wohl besten Distanz von 2000m konnte sie einen Monat später auch das englische Pendant, die British Champion Stakes in Ascot, an ihre Fahnen heften und damit ihrem Betreuer Aidan O’Brien endlich seinen ersten Erfolg in diesem Prestigerennen des britischen Turfs verschaffen. Zwischen diesen beiden Gruppe I-Triumphen lag noch ein zweiter Arc-Versuch, doch musste sie in Paris klar geschlagen mit dem letzten Preisgeld für Rang fünf hinter Gestüt Ammerlands Waldgeist und ihrem ständigen Albtraum Enable vorliebnehmen.

Trotz der schon langen Saison seit April mit neun Rennbahnauftritten in drei Länder sollte es für Magical erneut zum Breeders‘ Cup gehen, doch musste der Trip abgeblasen werden, die Stute hatte Ende Oktober plötzlich Fieber bekommen, so dass die Reiseplanungen storniert wurden. Magicals Karriereende wurde bekannt gegeben, auch die Bedeckungsplanungen für die Galileo-Tochter wurden bereits veröffentlicht, sie sollte im Frühjahr als ersten Partner den Scat Daddy-Sohn No Nay Never im eigenen Coolmore Stud erhalten. In den Berichten zu ihrem Karriereende wurde stets darauf verwiesen, dass sie das Pech hatte, ständig auf Enable zu treffen, wodurch eine noch bessere Ausbeute verhindert worden wäre. Insgesamt in fünf Rennen blieb Enable vor Magical, dreimal verhinderte die Gosden-Stute dabei einen Gruppe I-Triumph der direkt hinter ihr platzierten Irin. Im internationalen Ranking belegte Magical mit demselben Rating von 122 wie im Vorjahr den 19. Rang, auch hier natürlich weit hinter der mit einem Rating von 128 bewerteten Konkurrentin Enable auf dem mit Crystal Ocean geteilten ersten Platz.

Was genau der Grund war, dass die ursprünglichen Ballydoyle-Planungen nicht umgesetzt wurden und Magical auch fünfjährig wieder auf die Rennbahn zurückkehrte, weiß nur ein kleiner Kreis bei Coolmoore. Die Äußerungen von Aidan O’Brien zu einem solchen Thema sind in jedem Jahr ähnlich. Wenn ein Vollblüter, von dem man annahm, er würde ins Gestüt wechseln, nach der Winterpause wieder in den Rennstall zurückkehrt, so bekundet O’Brien stets, dass er damit nichts zu tun habe, die Pferdepfleger im Gestüt hätten den Eindruck gehabt, der Vollblüter wäre noch mental und physisch frisch und könne noch viel auf der Rennbahn zeigen. So war es auch bei Magical, die zur Überraschung aller trotz Corona-Lockdown weiterhin im Rennstall verblieb und ihre Erfolgsliste verlängerte.

Die ersten beiden Starts nach der Wiederöffnung der Rennbahnen erfolgten in der irischen Heimat auf dem Curragh in zwei Gruppe I-Rennen, den Pretty Polly Stakes Ende Juni und dem Tattersalls Gold Cup Ende Juli, beide Prüfungen gewann sie souverän. Danach führte es sie zum Ebor-Meeting nach York, nicht die Stätte ihrer Erfolge, musste sie sich doch auch diesmal in den International Stakes, wie im Jahr zuvor in den Yorkshire Oaks, mit Rang zwei begnügen. Der Godolphin-Crack Ghaiyyath war an diesem Tag nicht zu gefährden. Einen Monat später konnte sie in den Irish Champion Stakes jedoch den Spieß umdrehen und bei ihrem zweiten Erfolg im Leopardstowner Saisonhighlight Revanche an Ghaiyyath üben. Der siebte Volltreffer auf Gruppe 1 Level war damit geschafft. Einen erneuten Start im Arc ersparte man ihr in diesem Jahr, sie ging direkt in die British Champion Stakes, wo sie jedoch als klare Favoritin eine überraschende Niederlage bezog und nur auf Rang 3 hinter ihrem „runner-up“ des Vorjahres Addeybb und dem Franzosen Skaletti endete. Auch der Trip zum Breeders‘ Cup in Keeneland brachte „nur“ einen zweiten Platz im Breeders‘ Cup Turf hinter der Aga Khan-Stute Tarnawa.

Ob Magical ihre erfolgreiche Karriere mit einem Sieg am Sonntag wird beenden können, bleibt abzuwarten. Der Irin, die in Hongkong Ryan Moore im Sattel haben wird, stellen sich sieben Gegner in den Weg. Die Buchmacher sehen in ihr zwar die Favoritin, doch ausgeprägt ist ihre Favoritenstellung nicht. Der Lokalmatador Furore wird zu ähnlichen Kursen angeboten. Der von Joao Moreira gerittene Schützling von Tony Cruz, im vergangenen Jahr Sieger des Hongkong Derbys, hat in dieser Saison wieder zu guter Form gefunden und seine beiden letzten Starts auf Gruppe III und Gruppe II Ebene in Hongkong überzeugend gewonnen. Schon im Vorjahr ging Furore als Favorit in den Hongkong Cup, landete jedoch nur auf Rang 4. Gewonnen wurde die letztjährige Entscheidung vom Japaner Win Bright, der auch in diesem Jahr zum Starterfeld gehört. Für den Schimmel, der seinen ständigen Reiter Masami Matsuoka im Sattel haben wird, soll der Hongkong Cup wie für Magical der krönende Schlusspunkt der Rennkarriere sein, die in diesem Jahr allerdings ohne zählbare Ausbeute verlief. ausgetragenen City of Hongkong Gold Cup (Gr. I) gewinnen, bei seinen letzten beiden Starts trug der als Frontrenner bekannte Archipenko-Sohn jedoch nur die rote Laterne durch’s Ziel. Als neben Magical einziger weiterer Europäer sucht auch der Franzose Skaletti seine Chance in der mit knapp 3 Mio. Euro dotierten Prüfung. Als Einziger der acht Starter hat der Schimmel noch kein Gruppe I Rennen gewonnen, doch zuletzt blieb er als Zweiter in den British Champion Stakes sogar vor Magical, profitierte dabei jedoch vom schweren Geläuf, das er in Hongkong nach derzeitigem Stand nicht antreffen wird.

 Ein Erfolg in Hongkong würde ihr zudem den achten Gruppe I Sieg bescheren. Damit stünde sie zwar immer noch im Schatten ihrer Dauerrivalin Enable, die es auf elf Gruppe I Treffer gebracht hat, doch stallintern hätte sie sich in der Ballydoyle-Hierarchie die alleinige Top-Position gesichert. Aktuell muss sie sich diesen Platz noch mit Highland Reel, Minding, Rock of Gibraltar und Yeats, die es alle unter der Ägide von Aidan O’Brien ebenfalls zu sieben Gruppe I Siegen gebracht haben, teilen. In der Gewinnsummenstatistik kann sie es allerdings selbst mit einem Sieg nicht mehr schaffen, an Highland Reel, der seine Rennbahnkarriere vor drei Jahren ebenfalls in Hongkong siegreich beendete, vorbeizuziehen. Der Grund dafür liegt in den in diesem Jahr deutlich reduzierten Preisgeldern bei den von ihr bestrittenen Rennen.

Doch letztlich sind alle Zahlenspielereien Makulatur. Entscheidend ist, dass Magical gesund aus dem Rennen kommt. Wenn dies als Siegerin geschieht, umso besser, verdient hat es die Kämpferin auf jeden Fall. Sie sei so, wie man sich einen Vollblüter wünscht, hat Aidan O’Brien einmal den Reportern diktiert. Sie hätte einen völlig unkomplizierten Charakter, mache auch im Training immer das, was man von ihr fordere und gäbe ihm Rennen stets alles. Sie käme zudem mit allen Geläufbedingungen zurecht, ob sich stark abgetrockneter oder sehr weicher Boden unter ihren Hufen befände, sei ihr egal. Das einzige kleine Manko, das sie hätte, sei ihre Tempoabhängigkeit, sie brauche schnell gelaufene reelle Rennen und müsse in der Endphase in der Nähe ihres schärfsten Konkurrenten sein, dann würde ihr Kämpferherz und ihr Wille die entscheidende Rolle spielen und ihr wäre der Sieg kaum zu nehmen.

 

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