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Enable - die Schlussworte

Enable vor und nach ihrem wohl letzten öffentlichen Auftritt. www.galoppfoto.de - JJ Clark

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 639 vom Freitag, 09.10.2020

„And now - the end is near and now I face the final curtain“ intonierte der Sohn italienischer Einwanderer. Nur eine italienische Seele könnte diese Worte auf das Karriereende eines Pferdes beziehen. Frankie (sorry Lanfranco!) Dettori befindet sich seit Wochen in einem emotionalen Ausnahmezustand. Englands Liebling Enable schickte sich - 6jährig - an, beim vierten Start in Europas Monster-Rennen Prix de l´Arc de Triomphe einen nie dagewesenen dritten Sieg zu erringen. Und auch ein Champion-Jockey wie Frankie Dettori ist eben nur ein Mensch.

Nicht lange nach Frankel hat Khalid Abdullahs Zuchtstätte Juddmonte erneut einen absoluten Champion hervorgebracht. Eine vor kurzem erschienene Biografie über den Ausnahmehengst rief seine Leistungen - so es denn der Auffrischung bedarf - erneut ins Gedächtnis. Ihn zusammen mit Enable zu nennen, macht Sinn. Nicht, damit sie in seinem Schatten steht, sondern damit sie in seinem Licht glänzt. Sie ist so gut. Anders. Besser?  Vergleiche verbieten sich, doch die Parallelen, und Unterschiede, sind faszinierend. Hier der Wunderknabe, der Posterboy: alles kam so leicht zu ihm. Seine Abstammung - einwandfrei. Sein Rennrekord - fehlerlos. In oben erwähnter Biografie ergeht sich Autor Simon Cooper über den Glanz eines Unverlierbaren, Unbesiegbaren; setzt Frankel´s Leistung in den Kontext des allgemeinen Sports.

Und dort die Stute, das „schwache Geschlecht“. Enable verlor den Nimbus „unbesiegbar“ beim zweiten Start. „Ist der Ruf erst ruiniert…“ Als eine Tochter des „armen Verwandten“ Nathaniel“  (der, Experten wissen es auswendig, beim ersten Lebens-Start gegen einen gewissen Frankel verlor) galten ihr anfänglich sowieso andere Hoffnungen. Man kann sicher konstatieren, dass kein Pferd, auf dem extreme Erwartungen „lasten“, seine Rennkarriere auf der Sandbahn von Newcastle beginnt.

Beide Pferde jedoch kommen aus der gleichen Quelle: aus einer der feinsten Stutenherden irgendwo auf der Welt, und aus der Hengstlinie des großen Sadler´s Wells/Northern Dancer. Für beide Pferde verließ Juddmonte ausgetretene Pfade, benutze nicht die gestütseigenen Hengste. Beide Pferde kamen zu Trainern, die den ersten Übermut der Jugend lange hinter sich hatten. Alt-Meister Henry Cecil gar in den letzten Jahren seines Lebens; Frankel war im Angesicht des Todes sein Meisterwerk.

Auch Enable wurde und wird von absoluten Meistern geformt. Auf dem Boden wie im Sattel. Die auf den ersten Blick so ungleiche Verbindung von Trainer John Gosden und Jockey Frankie Dettori hat beider Karrieren bereichert, in gewaltige Höhen.  Drei unterschiedliche Jockeys ritten Enable in ihrer Karriere, zwei davon in den ersten beiden Rennen. Danach gab es nur noch einen Namen, nur noch eine Verbindung. „Ich bin mehr Teil von ihrer Geschichte als von irgendeinem anderen Pferd, das ich je geritten habe“ bekannte Dettori kürzlich. Enable kam zur rechten Zeit, in ihrer beider Leben. Von der Erfahrung, dem Wissen, das die harte Schule des (Rennsport-) Lebens bringt, profitier(t)en viele Pferde, aber ein Pferd ihres Kalibers ganz besonders. Die Geduld, die diesem Wissen entspringt. Nun 6jährig, war der 99. Prix de L´Arc de Triomphe am 04.10.2020 ihr erst 19.- und wohlmöglich letzter - Lebensstart.

Frankels finale Statistik als Rennpferd lautet 14 Starts – 14 Siege. Die weiteste Reise seines Rennpferde-Lebens führte ihn von Newmarket nach York, rund 170 Meilen weit. Auch wenn sich Enable nicht unbedingt um Bonus-Meilen bemühen musste, so galt doch der Spruch: „Have horse, will travel“. Als erstes Pferd überhaupt gewann sie den Prix de L´Arc de Triomphe auf zwei unterschiedlichen Rennbahnen, insgesamt reiste sie viermal nach Frankreich. Irland, Amerika – der Breeder´s Cup. Epsom Oaks, Irish Oaks. Von der Reise nach Newcastle, das ja schon beinahe in Schottland liegt, ganz zu schweigen. Als erstes Pferd überhaupt gewann sie dreimal Englands Sommer-Highlight, die King George VI and Queen Elizabeth Stakes. 19 Starts – 15 Siege, drei Plätze. Mehr als 10 Millionen Pfund hat sie an Preisgeld eingaloppiert.

Schnöde Zahlen – ihre Laufbahn war mehr als das. Ein Pferd ihres Kalibers überhaupt so lange im Training zu belassen – selten in unseren ach so kommerziellen Zeiten. Wie jedes Spitzenpferd entwickelte auch Enable diese besondere Aura; Pferde wie sie sind Persönlichkeiten, und die Jahre, die ihr Team sie mit uns teilte, erlaubten es ihren Fans, diese zu begreifen.

„Die wirklich guten Pferde zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine Probleme bereiten“ schrieb Simon Cooper über Frankel; ganz so geradlinig verlief Enables Karriere nicht. Es gab Probleme, sie musste Rückschläge überwinden. Keiner größer als die Niederlage im letztjährigen Arc, es wäre ihr 13. Sieg in Folge, und der heißersehnte historische dritte Sieg im Arc, gewesen. Wie einfach wäre es gewesen, aufzuhören. Das weitere Jahr im Training brachte seine eigenen Probleme, von „Corona“ (der Virus verhinderte im Übrigen, dass Gosden am vergangenen Sonntag selber vor Ort war) ganz zu schweigen. Gosden, immer gut für eloquente Beschreibungen, fand faszinierende Worte. Und es waren nicht nur die Worte, die Bände sprachen, es waren kleine, subtilere Signale, die dem Druck, den dieses letzte Jahr, dieses letzte Rennen brachten, Ausdruck verliehen. „Sie fand es sehr hart, im Alter wieder fit zu werden.“ erklärte Gosden. Man bemerke: Kein „Ich hatte Probleme, sie zu trainieren“ sondern ein fast schon empathisches Verschmelzen mit seinem Schützling. „Sie fand es sehr schwer. Wie ein alter Boxer, der immer wieder in den Ring muss, so musste auch sie die mentale Kraft aufbringen. Ihr ganz Stoffwechsel war plötzlich ein anderer, aber wer kennt das nicht im Alter? Auch wir kämpfen immer mehr mit unserem Gewicht, es ging ihr ganz genauso. Ich habe kaum Erfahrung, Pferde ihres Alters zu trainieren; es war für uns alle neu.“

Es lag ein Strahlen auf den sonst so stoischen Zügen Gosdens, der neben der Stute immer auch den Jockey managen musste:“ Frankie ist Frankie und er liebt diese Stute wie keine andere. Er ist eigentlich zu weich mit ihr. Er gibt ein Vermögen für ihre Polo-Mints aus, und will mir erzählen, wie ich sie zu trainieren habe. Ich muss ihm sagen: Moment, ich bin der Trainer, so steht es hier im Vertrag“ So ein amüsierter Gosden in einem bemerkenswerten Interview mit dem britischen Rennsportsender At The Races.

Es sind Frankies Emotionen, die Enable zu etwas ganz Besonderem machen; die, so es denn eines Beweises bedarf, sie noch weiter hervorheben. Ein Jockey mit der Vita eines Dettori bekundet so offen seine Liebe zu einem Pferd? Allen Fans als großer Showman, der Siege zelebriert wie kein Zweiter, bekannt, zeigte er in den letzten Monaten andere Emotionen. Seine Stimme zitterte bei der bloßen Erwähnung der gemeinsamen Siege, er musste ein Interview gar abbrechen. Nach dem Sieg Anfang September auf Kemptons Sandbahn – ihr vermutlich letztes Rennen auf britischem Boden – verneigte sich Dettori vor ihr wie vor einer Königin: Queen Enable.

Ihre wahre Klasse zu analysieren, ist müßig. Geld ist nur bedrucktes Papier, und ein Rating die Meinung eines Handicappers; wie Jockeys besteht auch dieser Berufsstand aus Menschen, wenn sie sich auch gerne als „Kilo-Götter“ bezeichnen. Mit einem offiziellen Höchst-Rating von 128 fehlen ihr einige Kilos auf den Olymp, Frankel erreichte gar eine 140. Für ihre Fans sind dies nur Zahlen. Sie sehen die kantige Stute mit den großen Ohren einem noch viel größeren Herz und wissen, dass sie eine der ganz großen Stuten der Rennsportgeschichte – man denke (u.a.!) Dahlia, All Along, Triptych, Miesque, Oh So Sharp – zu ihren Lebzeiten gelaufen ist.

Wurde ihr Team für den mutigen Entschluss, Enable ein weiteres Jahr im Training zu belassen, belohnt? Nein, wenn man nur diesen Arc betrachtet – der sechste Platz hinter Sottass war die mit Abstand schlechteste Leistung ihrer gesamten Karriere, ein wohlmöglich „trauriger“ Schlußpunkt einer so großen Laufbahn. Ein lautest JA, wenn man das „große Ganze“ anschaut. Der historische King George, die Partnerschaft mit ihrem Jockey, ganz einfach „sie“. „Wir haben sie vorher geliebt, und wir lieben sie nun nicht weniger“ brachte es Lord „Teddy“ Grimthorpe, Racing Manager von Khalid Abdullah nach dem Arc auf den Punkt. Jenseits aller kommerziellen Aspekte darf – muss – der Rennsport genau dies sein: emotional. Enable brachte Licht in die graue Corona-Zeit, medial immer optimal begleitetet. Sie ließ ihrer Fans fiebern, warten, jubeln, leiden.

She did it her way

Catrin Nack

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