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Die Cracks laufen sich für Cheltenham warm

Honeysuckle unter Rachael Blackmore im März in Cheltenham. www.galoppfoto.de - JJ Clark

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 647 vom Freitag, 04.12.2020

Passend zum Winteranfang hielten das englische Newbury und das irische Fairyhouse ihre Winter-Festivals ab. Im nordenglischen Newcastle fand mit dem Renntag um die Fighting Fifth Hurdle der „Aufgalopp“ auf dem Weg zur Champion Hurdle statt. Im hohen Norden war dann auch das Rennen, das die Herzen am vergangenen Wochenende am meisten erwärmte.

Newburys Ladbrokes Trophy Chase (Grade3, 3m 2f) hieß einmal Hennessy Cognac Gold Cup; eines der Prestige-Rennen im englischen Rennkalender. Inzwischen hat der Buchmacher Ladbrokes das Sponsoring für gleich alle Rennen übernommen, verteilt auf zwei Renntage. Das Augenmerk am einleitenden Freitag lag auf der Long Distance Hurdle (Gr.2, 3m), der erste Schritt auf dem Weg zur Stayers´ Hurdle beim Cheltenham Festival. Superstars der Szene wie Baracouda, Inglis Drever oder Big Buck´s hatten dem Rennen einst ihren Stempel aufgedrückt. Paisley Park schien in den vergangenen Jahren auf dem Weg zu solchen Höhen; sein verblüffend schwaches Abschneiden – Grund schien ein Herz-Problem - in der 2020 Stayers´ Hurdle setzte solchen Träumen erst einmal ein Ende. Der achtjährige Oscar-Sohn, im Training bei Emma Lavelle, gab sein ersehntes Saison-Debut.

Mit zehn Pferden kam ein kopfstarkes Feld zusammen, an breiter Klasse mangelt es der Szene leider seit Jahren. Das könnte sich nun ändern: nicht nur, da Paisley Park mit seinem zweiten Platz einen hervorragenden Jahreseinstand abgab; der Sieger könnte tatsächlich ebenfalls ein überdurchschnittlich begabtes Pferd sein. Thyme Hill, ein erst sechs Jahre alter Kayf Tara-Sohn aus einer Hernando-Mutter, ist wenig geprüft und bereits hochdekoriert. Trainer Philip Hobbs hat aus seiner hohen Meinung nie einen Hehl gemacht. Bei acht Starts ist der Wallach fünffacher Sieger, auch auf höchster Ebene; ausgerechnet in zwei hochkarätigen Rennen beim Cheltenham Festival wollte es bisher nicht zu vollen Erfolgen reichen. Mit seinem eindrucksvollen Sieg in der Long Distance Hurdle etablierte sich Thyme Hill nun an der Spitze des Wettmarkts für die Stayers´ Hurdle im März. In erwähnter Niederlage lief Paisley Park ein feines Rennen, der überraschend als Favorit gestartete McFabulous aus dem Stall von Paul Nicholls wurde Dritter. Der amtierende Stayers´ Hurdle Sieger Lisnagar Oscar (der Wallach hatte im März als 50-1 Außenseiter gewonnen) wurde nur Siebter und bewies erneut, dass regelmäßige Top-Leistungen einfach nicht sein Ding sind.

Die Ladbrokes Trophy Chase ist traditionell ein Rennen, welches Gold Cup-, aber auch Grand National -Starter „produziert“. Trotz des Grade 3 Status ist das Rennen ein Handicap, mit der vollen Gewichts-Bandbreite von rund 2 Stone = ca. 12 Kilo.  Auf der Siegerliste des Rennens stehen mit Pferden wie Denman, Bobs Worth, Native River oder Many Clouds tatsächlich Sieger der vorgenannten Rennen; Pferde wie One Man, Teeton Mill oder Suny Bay waren Stars der Szene. Ob im aktuellen Feld ein solches Kaliber war, muss sich zeigen. Der Sieger, der von Jonjo O´Neill für Trevor Hemmings trainierte Cloth Cap, trug als Startnummer 18 die „Briefmarke“ von 10 Stone (63.5kg); ein Gewicht, für das Jockey Tom Scudamore reichlich schwitzen musste. Der 8j. Wallach war in den Tagen vor dem Rennen ein „gutes Ding“ und entsprechend stark gewettet. Auf gutem Boden ließ Scudamore seinen Partner, den er mit vollem Vertrauen ritt, von der Spitze aus so richtig treten; Cloth Cap lieferte ab, und wie. „Jumped well, made all“ notierte die Racing Post, und so war es auch. Trotz des hohen Tempos fand der Wallach einen tollen Rhythmus und sprang mit großer Sicherheit. Am Ende trennten ihn atemberaubende 10 Längen von den weiteren Platzierten Aye Right und The Conditional, die beide kleinere Quartiere vertraten und auch mehr Gewicht schleppen mussten.  Als großer Steher ist nun das Grand National im April das erklärte Ziel für Cloth Cap (den bei der Siegerehrung selbstredend eine entsprechende Mütze schmückte).

Irlands Graded Races sind immer wieder Gegenstand von Kritik, natürlich vornehmlich in der englischen Presse. „Inflationiert“ ist eine höfliche Umschreibung der zahlenmäßig häufig leider schwach besetzten Grade1-Rennen. Doch wer möchte schimpfen, wenn die Sieger solche Superstars der Szene sind? Mit Honeysuckle (Henry de Bromhead) und Envoi Allen (Gordon Elliot) gaben sich zwei bis dato ungeschlagene Pferde ein Stelldichein, und beide konnte ihre weiße Weste verteidigen.

Envoi Allen, in den Farben des englischen Top-Gestüts Cheveley Park unterwegs, ist in zehn Rennen nun 10facher Sieger;  mit seinem jüngsten Erfolg über drei Gegner in der Gr.1 Drinmore Novice Chase (2m4f) hat der mächtige Muhtathir -Sohn nun auf der Flachen (Bumper), über Hürden und eben auf der Jagdbahn auf höchster Ebene gewonnen. Im Stall verschmust, möchte Envoi Allen einfach nur gefallen; der Wallach ist auf dem Weg zu einem der ganz Großen, auch wenn er natürlich zunächst „nur“ ein Novice ist. Cheveley Park Stud, die schon das erste Gr.1 Rennen des Tages, die Royal Bond Novices´ Hurdle, mit Ballyadam gewonnen hatten, ist ein interessanter Neuzugang unter den National Hunt Besitzern. Eine Leidenschaft von Mutter Patricia und Sohn Richard Thompson, der Eigner-Familie des Gestüts, handelt es sich mitnichten, wie man vermuten könnte, um „abgelegte“ Flachrennpferde. Im Gegenteil, die Thompsons scheuen sich nicht, für hoffnungsvolle Youngsters entsprechende Summen auf den Tisch zu legen; lassen, vornehmlich in Irland, nur bei den besten Adressen – namentlich Willie Mullins und Gordon Elliot- trainieren. Patricia Thompson selber führte Envoi Allen beim diesjährigen Cheltenham Festival in den Siegerzirkel, die übergroße Freude stand ihr mehr als deutlich ins Gesicht geschrieben.

Honeysuckle, die als Lando-Enkelin aus der Ittlinger Familie der First Love starke deutsche Elemente im Pedigree führt, hatte in der Hattons Grace Hurdle (Gr.1, 2m4f) wenig Probleme, ein nicht eben hochklassiges Feld zu besiegen. Als Jahresdebutantin vielleicht noch etwas „rostig“, profitierte sie erneut von einem taktisch klugen Ritt ihrer Reiterin Rachael Blackmores; am Ende kam Ronald Pump (ein Schiaparelli-Sohn und immerhin Zweiter der diesjährigen Stayers´ Hurdle) noch recht nahe. Es war beim neunten Start der neunte Sieg der drahtigen Stute, die im März 21 gar in der Champion Hurdle (Gr.1, 2m) nach den Sternen greifen könnte.

Nicht vergessen darf man zwei Rennen aus Newcastle, die bereits am Samstag stattgefunden hatten. In besagter Fighting Fifth Hurdle musste die amtierende Champion Hurdle Siegerin Epatante (Trainer: Nicky Henderson Jockey:  Aidan Coleman) nicht einmal schwitzen, um fünf deutlich schwächere Gegner am Gebiss zu besiegen. Hughie Morrisons Not So Sleepy, als talentiertes Flachrennpferd auch bereits in Deutschland gelaufen, hatte direkt an der ersten Hürde seinen Reiter verloren und ein weiteres Pferd auf dem Rennen gedrängt; da waren es nur noch drei. Ein potentieller Clash mit Honeysuckle ist natürlich eine faszinierende Möglichkeit.

Das Ergebnis der Herzen dann im letzten Rennen der Newcastle-er Karte: in einer Listenprüfung über knappe drei Meilen siegte, als 66-1(!) Außenseiter, ein gewisser Yorkhill. Nun 10j., hatte der Wallach im August ´19 eine harmlose Aufgabe in Irland gewonnen, damals sein erster Sieg seit 2,5 Jahren. Einstmals einer der Superstars der Szene, in den braun-beigen Farben von Andrea & Graham Wylie und trainiert von Willie Mullins, hatte man den Wallach auf dem Altar übergroßer Championats-Ambitionen geopfert. Danach umgangssprachlich als „schwierig“ bezeichnet, hattet der Wallach über Jahre wenig Freude am Laufen und vor kurzem Besitzer und Trainer gewechselt. Nun vom nordenglischen Trainer Sandy Thomson betreut, sah man endlich – endlich! – wieder Spuren des alten Yorkhill. Mit gespitzten Ohren sprang der Fuchs von der Spitze aus mit traumwandlerischer Sicherheit und konnte am Ende immer wieder zulegen. Im Sattel Ryan Mania, der seine eigene Comeback-Story hinter sich hat und mit Schwiegervater Thomson nun seine Karriere neu aufbaut. „Er [Yorkhill] hat mir ein unglaubliches Gefühl gegeben. Wie es wohl gewesen sein muss, als er auf dem absoluten Höhepunkt war?“ Yorkhills Erfolg fand in den sozialen Medien ein übergroßes Echo. Fans lieben alte Helden, die neue Erfolgsgeschichten schreiben. Geschichten, die in den momentan so schwierigen Zeiten einfach doppelt schön sind.

Catrin Nack

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