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Christmas Cracker - Die NH-Festtagsbilanz

Frodon unter Briony Frost. Foto: Tracy Roberts/Turfpix

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 650 vom Freitag, 08.01.2021

Ein Jahr voller Schocks und Überraschungen fand zumindest auf den Hindernisbahnen Englands und Irlands einen „würdigen“ Abschluß – wer hätte all diese Ergebnisse vorhersehen können?

Allein dreizehn Grade1-Rennen wurden über die Feiertage bis ins neue Jahr herein auf beiden Seiten der Irischen See ausgetragen – und nicht wenige fanden einen gelinde gesagt überraschenden Ausgang. Doch wo starten? Bei den strahlenden Siegern? Publikumsliebling Frodon mit seiner ständigen Reiterin Bryony Frost brachten die leere Rennbahn von Kempton zum Leuchten. Nicht wenige hatten im King George (Gr.1, 3m) mit einem Sieg von Paul Nicholls (es wurde sein 12.Sieg in dieser Traditionsprüfung) gerechnet. Der Trainer lieferte ab – aber wer hatte ernsthaft an den 20-1 Außenseiter geglaubt? Frodon und Bryony taten, was beide zusammen so gut können: einem Rennen „von vorne“ den Stempel aufdrücken, ein Rennen von der Spitze aus diktieren. Dass dies allein gegen die beiden Schwergewichte des eigenen Stalls – Clan des Obeaux reiste als zweifacher Sieger der Prüfung an, Cyrname als (momentan) höchsteingeschätzer Chaser der Insel - reichen würde, geschweige denn gegen Stars aus anderen Ställen, ließ nicht wenige Experten etwas blass zurück.

Auch in Leopardstowns Savills Chase (Gr.1,3m) – ehemals die Lexus Chase und sozusagen das Irische Äquivalent zum King George – gab es einen nicht unbedingt erwarteten Sieger: Henry de Bromheads in den Farben des Cheveley Park Studs laufender A Plus Tard war nicht einmal die erste Wahl des eigenen Stalls. Sein Kampfsieg über Kemboy und Melon (beide Willie Mullins) war spannender Hindernissport vom Feinsten. Henry de Bromheads als Favorit gestarteter Minella Indo wurde reiterlos, Gordon Elliotts Mitfavorit und Vorjahressieger Delta Work wurde angehalten.

Evan Williams´ Silver Streak (der Name ist bei dem Schimmel Programm) brachte in Kemptons Christmas Hurdle (Gr.1, 2m) der kochend heißen Favoritin Epatante aus dem Stall von Nicky Henderson eine krachende Niederlage bei. Wie Frodon von der Spitze aus geritten, sah der populäre Schimmel unter Stalljockey Adam Wedge, der nach einer schweren Verletzung den bisher größten Sieg seiner Laufbahn ritt, nie einen Gegner. „Shrewd“ sagen die Engländer, und meinen damit clever, gewitzt, geschickt. Kaum ein Trainer verkörpert dies auf der Insel besser als der Waliser Evan Williams; beim vierten Aufeinandertreffen der Pferde steht es nur noch 3:1 für Epatante.

Trainer-Jockey- und vor allem Bruder-Kombination Dan und Harry Skelton hatten ein fantastisches Weihnachts-Wochenende mit insgesamt fünf Siegern: nach Allmankind und My Drogo nun mit Shan Blue einen weiteren Novice Graded- Sieger. Der 6j. Wallach gewann die Kauto Star Novices´ Chase (Gr.1,3m) mehr als beeindruckend und ist einer der Favoriten für die RSA Chase beim Cheltenham Festival. Skelton, der seit Jahren eher „Masse“ als Klasse trainierte, und ein besseres Gleichgewicht gefunden; die Qualität holt ganz klar auf.

Business as usual in Irland: Willie Mullins ist in Fahrt und stelle zwischen den 26. Dezember und 3. Januar sagenhafte 22 Sieger – darunter mit Franco de Port (Racing Post Novice Chase, 2m1f), Colreevy (Faugheen Chase, 2m2 1/2f; hier kam Mullins´erste Farbe Asterion Forlonge gar zu Fall), Chacun Pour Soi (Paddys Reward Club Chase, 2m1f), Appreciate It (Future Champions Novice Hurdle, 2m), Monkfish (Neville Hotel Novice Chase, 3m) und Sharjah (Matheson Hurdle, 2m) gleich fünf Grade 1 Sieger; verteilt auf Leopardstown und Limerick. Diese Aufstellung erwähnt nicht einmal Pferde wie Concertista oder The Big Getaway, die gen Cheltenham in kleineren Prüfungen beeindruckten, oder Mullins´ zweifachen Cheltenham Gold Cup Sieger Al Boum Photo, der sich erneut auf bewährten Wegen in einer kleinen (Gr.3.) Prüfung in Tramore warm machte. Das Rennen, verwirrenderweise ebenfalls von Savills gesponsort, war bereits in den letzten beiden Jahren Aufgalopp des unscheinbaren, französisch gezogenen Wallachs („Man würde ihn im Führring nicht raussuchen“ bekannte selbst Ruby Walsh, der inzwischen als TV-Experte bei Racing TV mehr Tage auf Rennbahnen verbringt denn als Jockey). Mullins steuert mit Al Boum Photo also einen Hattrick von Gold Cups an; eine Leistung, die Al Boum Photo neben Legenden wie Arkle, Golden Miller (der natürlich insgesamt 5x gewann), oder in jüngerer Zeit Best Mate, stellen würde.

Wie diese Ergebnisse bereits andeuten, war es nicht die Zeit des Gordon Elliott, sein normalerweise kraftvoller Stall stotterte über die Feiertage nicht unerheblich. Nur acht Sieger im gleichen Zeitraum, davon keiner auf höchster Ebene, sprechen eine klare Sprache. Elliott, der selber positiv auf Corona getestet wurde, sah sich gar veranlasst, seinen Pferden „a few quiet days“ zu geben; so schlecht waren einige Leistungen. Da Iren routinemäßig kilometerlange, komplizierte Wegbeschreibungen mit „just down the road“ beschreiben,  sind dies deutlichere Maßnahmen, als die kargen Worte vermuten lassen. Balsam war da Zanahiyrs Erfolg in einer Gr.2-Pürfung für Juvenile Hurdlers; der Wallach, zum Zeitpunkt des Sieges noch drei Jahre alt, ist einer der heissen Favoriten für die Triumph Hurdle.

Ebenfalls nicht in der nicht einmal vollständen Aufzählung der Grade 1 Erfolge enthalten ist Shishkins großartiger Sieg in der Wayward Lad Novices Chase (Gr.2, 2m), dies Balsam für Nicky Hendersons Seele. Der Wallach, in der letzten Saison Kampfsieger in der Supreme Novices Hurdle, ist nun auf der Jagdbahn unterwegs und steuert geradewegs die Arkle Chase an. Direkt im Anschluß musste Henderson dann – nach Epatante – eine weitere schockierende Niederlage hinnehmen, als Stall-Star Altior in der Desert Orchid Chase (Gr.2, 2m) sich dem 20-1 Außenseiten Nube Negra (Dan Skelton / Harry Skelton) geschlagen geben musste. Der mit dem Jahreswechsel nun 11j. Wallach hat somit bei seinen letzten drei Starts zweimal verloren; wenn denn zweite Plätze eine „Niederlage“ sind. Nicht, dass ein Pferd mit dem Ruf und der Legende eines Altior Entschuldigungen braucht- aber natürlich wird ein jeder Start eines Pferdes, das einstmals eine Serie von 19 Rennen in Folge gewonnen hat, ganz besonders beäugt.

Henderson Art, seine Schützlinge auch tatsächlich zu „schützen“, hatte im Vorfeld des Rennens bei einer kurzfristigen Rennabsage für einige Irritationen gesorgt; nun kam der Trainer schon aufgrund der zeitlichen Knappheit– trotz unpassenden Bodens – nicht um einen Start herum. Der Sieg Nube Negras, am Toto sträflich unterschätzt und damit natürlich eine faustdicke Überraschung, war der seltene Sieg eines Pferdes mit spanischem Suffix, und unterstrich die bereits erwähnte gute Stallform der Skeltons deutlich.

Nach der wetterbedingten Absage der Rennen in Cheltenham am Neujahrtag, kam der Sport auf den Inseln im neuen Jahr nur langsam ins Rollen. Am vergangenen Samstag hielt Sandown einen interessanten Renntag ab; die Gr.1 Tolworth Hurdle (2m) ist ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg zur Supreme Novices Hurdle beim Festival. Harry Frys Mastercraftsman-Sohn Metier, für teures Geld von der Flachen gekauft, beeindruckte bei seinem Sieg auf schwerem Boden ungemein.

Unbedingt zu erwähnen auch das Finale der „Veterans Series“, ein Class 2 Handicap, das in diesem Jahr Corona-bedingt „nur“ mit 70.000 Pfund und damit doppelt so hoch wie die Tolworth Hurdle dotiert war. Es ist dies eine Rennserie speziell für Pferde, die mindestens zehn Jahre alt sind und sich in Qualifier-Rennen für das Finale qualifiziert haben. Mit 17 Startern kam ein volles Feld alter Helden großer Rennbahn-Schlachten zusammen; die Racing Post sprach gar von einem der Highlights des Jahres. Einige Stürze gingen glücklicherweise glimpflich aus, Sieger wurde der in Nordengland von Sandy Thomson trainierte Seeyouatmidnight. Der gerade 13j. alt gewordene Midnight Legend-Sohn (der legendäre National Hunt-Vererber stellte die drei Erstplatzierten des Rennens) stand einstmals im Besitz der Cheveley Park Eigner Thompson, die ihn als Grand National-Starter erworben hatten. Nach besagter Verletzung ging der Wallach in den Besitz seines Trainers über; unter Jockey Ryan Mania, ebenfalls nach einer langen Auszeit zurück im Rennsattel, nun dieser emotional überwältigende Erfolg.

Noch emotionaler, aus leider traurigen Gründen, wurde es am Sonntag in Plumpton. Nur wenige Tage, nachdem ihre Tochter in den sozialen Medien das ganze Ausmaß der tückischen Krebs-Erkrankung öffentlich gemacht hatte, erlag Trainerin Zoe Davison an diesem Tag ihrer Krankheit, kurz nachdem der Stall zwei Sieger gesattelt hatte. Davison, 60, hatte trotz der schweren Krankheit durchgehend ihren Stall geleitet, bis zu diesem emotionalen Doppel standen in der laufenden Saison drei Siege auf der Haben-Seite. Bis zuletzt hatte Davison von einem echten „Saturday-horse“ (einem Pferd, das in Rennen, die Samstags in England im öffentlichen Fernsehen gezeigt werden, starten kann) geträumt; es bleibt zu hoffen, dass der kleine Stall, den Tochter und Ehemann ihr zu Ehren weiter führen werden, solch ein Pferd einmal finden.

Catrin Nack

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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