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Cheltenham-Festival 2014: Preview Teil 1

Die Hindernis-Fangemeinde in Cheltenham feiert ihre Helden und wohl auch ein bisschen sich selbst.... www.galoppfoto.de - Lajos-Eric Balogh

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 304 vom Donnerstag, 20.02.2014

Wenn sich am 11. März um 1:30 Uhr Ortszeit die Startbänder für das erste Rennen (die Supreme Novice Hurdle)  im Prestbury Park heben, der "Cheltenham Roar" sich gewaltig über die rund 65.000 Zuschauer hebt (die Rennbahn ist gewöhnlich an jedem Tag ausverkauft, hat die Zuschauerzahlen sogar ein wenig beschränkt, um eine totale Überfüllung zu vermeiden), dann findet mehr als nur Pferderennen statt. Das Cheltenham Festival ist der unumstrittene Höhepunkt einer jeden National Hunt-Saison, es ist das Meeting, bei dem jedes Hindernis-Pferd mit Rang und Namen an den Start kommen soll; mehr noch, seine gesamte Saison sich eigentlich nur auf dieses eine entsprechende Rennen konzentriert; das Meeting ist Life-Style, der Besuch ein „Must“ für jeden anständigen Rennsport-Fan und findet sogar in den Klatschspalten der Regenbogenpresse Erwähnung. Der Schauspieler Jimmy Nesbitt, dessen Riverside Theatre 2012 die Ryanair Chase gewann und hier auch in diesem Jahr an den Start kommen könnte, ließ sich im letzen Jahr vertraglich garantieren, dass er während des Meetings drehfrei haben würde.

Es ist nicht so, dass nur im März in Cheltenham Rennen stattfinden. Mitte Oktober – normalerweise zeitgleich zum Champions-Meeting in Ascot - beginnt eben hier die „wahre“ Hindernis-Saison (inzwischen hat ja auch das „Summer-Jumping“ wieder zugenommen, erreicht aber im Schatten der Flachrennen keine große Bedeutung), und viele Höhepunkte der Winter-Saison schließen sich an. Nun mit schlagkräftigen Namen wie "The Showcase", "The Open", "The International" ausgestattet, ist "The Festival" also nur die Fortsetzung einer Reihe hochkarätiger Renntage einer Sportart, die hierzulande langsam aber sicher von der sportlichen Landkarte verschwindet.

Das eigentlich traditionell dreitägige Meeting erstreckt sich nun schon seit einigen Jahren über vier Tage, noch wehrt man sich gegen eine weitere Ausdehnung. Begonnen hat man aber mit einem doch recht spektakulären Umbau bzw. Neubau  der Tribünen, einem 45 Millionen Pfund-Projekt, welches 2016 abgeschlossen sein soll, so dass man in der Zwischenzeit mit "temporären Strukturen" als Tribünen arbeitet, in denen auch die Royal Box untergebracht ist. Nicht vergessen hat man, diesem Gebilde einen Namen zu geben, die Tribüne wird den Namen "Arkle Stand" tragen, zu Ehren des ersten Gold Cup Sieges diesen unvergessenen Champions vor nun genau 50 Jahren; Arkle hat auch nach wie vor ein Rennen zu seinen Ehren.

Auch wenn eigentlich jedes Rennen der Karte an allen vier Tagen ein Höhepunkt ist, so hat doch jeder Tag sein "Hauptrennen", natürlich ein Grade 1-Rennen. Der Dienstag ist Champion Hurdle Day, der Mittwoch Champion Chase Day, der Donnerstag World Hurdle Tag (für Traditionalisten natürlich nach wie vor die Stayers Hurdle), und Freitag Gold Cup Day. Um diese Klassiker des Hindernissports – Rennen, deren Siegerlisten vor Champions und Publikumslieblingen nur so strotzen, ein jeder Sieger sein ganz eigenes "Drama" erzählt – reihen sich weitere Hochkaräter, an jedem Tag des Meetings werden drei Grade 1-Rennen ausgetragen. Es ist ganz einfach das Meeting der Superlative.

Und dies wird es durch die Pferde und ihre Teams, legendäre Jockeys und Trainer, Besitzer aus beinahe alle Schichten der Bevölkerung, Besitzergemeinschaften und Syndikate, der Rivalität zwischen "Them and us", den Iren und den Briten;  aber was wäre all das ohne ein Publikum, welches kommt, um vier Tage in einem Ausnahmezustand zu verbringen, mit all den Emotionen, die nur ein Tag zwischen Guinness, Ale oder Lager, dem Wettschalter und zwei- und vierbeinigen Star-Athleten mit sich bringen kann.

Doch auch von zu Hause macht das Wetten und mitfiebern Spaß, und darum versuchen wir auch in diesem Jahr, einiges Licht ins Dickicht der Pferdenamen zu bringen. Heutzutage helfen Social Media, Youtube, Twitter & Co ja wie kaum je zuvor, bringen Updates, Stallparaden, Hinweise; nicht zu vergessen die immer beliebter werden in England öffentliche Preview Nights, bei denen mehr oder weniger bekannte Jockeys, Trainer, Journalisten und sonstige, zur Meinungsbildung eventuell nützliche Personen herangezogen werden.

Champion Hurdle (Grade 1, 2m 110y):

Das Dream-Team in den Champion Hurdle: Hurricane Fly und Ruby Walsh haben schon 18 Siege gemeinsam zelebriert, insgesamt landete "The Fly" hier schon seinen 23. Sieg. Foto: Toby Connors

Der Königsklasse der Hurdler scheint auch in diesem Jahr ein eher kleines Feld anzuziehen; im Moment sieht es nach rund 9 Startern aus. Sowohl Annie Power als auch Un de Sceaux (beide Willie Mullins) werden dieses Rennen wohl auslassen, letzterer scheinbar Cheltenham im allgemeinen, und Ruby Walsh wird wohl auch keinen Grund sehen, ein anderes Pferd als Hurricane Fly (Willie Mullins) zu reiten, der erstaunlicherweise im Wettmarkt teilweise hinter The New One (Nigel Twiston-Davies/ Sam Twiston-Davies) rangiert. Fast gleichauf notiert My Tent or Yours, und die Wahl zwischen diesen drei Pferden ist wohl einfach Gefühlssache. "The Fly", wie die Iren ihren Star-Hurdler liebevoll nennen, ist in dieser Saison auf der Insel ungeschlagen, er ist überhaupt in nun 18 Gruppe 1-Rennen siegreich und wäre das erste Pferd, welches drei – aber nicht aufeinanderfolgende - Champion Hurdles gewinnen würde, er wäre also der Erste, der nach einer Niederlage die Krone zurückeroberte und nun sogar noch einen drauflegen kann.

Es ist sicher Ansichtssache, ob man seine Rennen in Irland oder die englischen Vor-Prüfungen stärker einschätzt, schließlich kann kein Pferd mehr tun, als zu gewinnen. Wie man im Englischen sagen würde: "The Fly's been there, done it, worn the T-Shirt", so dass er unser klarer Siegtipp in diesem Rennen ist. Dahinter ist mit Our Conor, My Tent or Yours und natürlich The New One vieles möglich, vor allem, da zum momentanen Zeitpunkt die Bodenverhältnisse unmöglich abzuschätzen sind. Auf sehr tiefem Boden könnte Paul Nicholls versucht sein, seinen französischen Gruppe 1-Sieger Ptit Zig zu starten, der dann sicher einen Sieg-Platz-Value darstellt.

Supreme Novice Hurdle (Grade 1, 2m110y):

Erfolgreich über die Hürden: Der Ex-Schlenderhaner Irving - hier 2012 mit Adrie de Vries in Hamburg - könnte in den Supreme Novice Hurdle an den Start kommen. www.galoppfoto.de (Archiv) - Sabine BroseErfolgreich über die Hürden: Der Ex-Schlenderhaner Irving - hier 2012 mit Adrie de Vries in Hamburg - könnte in den Supreme Novice Hurdle an den Start kommen. www.galoppfoto.de (Archiv) - Sabine BroseFür die zukünftigen Champion Hurdler, zum jetzigen Zeitpunkt schwer abzuschätzen. Favorit Vautour aus dem Stall von Willie Mullins sah zuletzt in Irland sehr gut aus. Dieses Rennen ist wohl auch das Rennen der Wahl für den Ex-Schlenderhahner Irving, wenn  man Paul Nicholl' Aussagen richtig deutet. Die hoffnungsvollen Nachwuchshürdler der großen Ställe haben z.T. diverse Nennungen in unterschiedlichen Rennen, hier fällt die Entscheidung der Trainer gerne so spät wie möglich. Möglich ist auch der aus der Zucht von Uwe Grüning stammende Arctic Fire, dessen Form sich zumindest solide liest.

Arkle Novices Chase (Grade 1, 2m):

Für die zukünftigen Champion Chaser, auch in diesem Jahr eine faszinierende Prüfung. Favorit ist im Moment der Ire Champagne Fever (Willie Mullins, verm. Ruby Walsh), bereits zweifacher Festival-Sieger mit dem Bumper vor zwei Jahren  und einer einigermaßen überraschenden Supreme Novice Hurdle in 2013, in der er u.a. My Tent or Yours bezwang. Nach einer deutlichen Niederlage um Weihnachten, als er einen schweren Fehler zwei Hindernisse vor dem Ziel nicht mehr kompensieren konnte, ist er seitdem nicht mehr gelaufen und braucht auch eher guten Boden. Der ehemalige Champion Hurdle-Sieger Rock on Ruby hatte über die kleinen Hürden seine Form nicht mehr einstellen können und ist nun bei zwei Starts über die Chase-Sprünge ungeschlagen, beides allerdings sehr harmlose Aufgaben. Hier wird mehr verlangt, und er steht sehr kurz.

Unser hoffnungsvoller „Außenseiter“ (z.Zt. rund 10-1) ist Valdez (Alan King, verm. Robert Thornton), in drei Chases incl. einem Grade 2-Rennen ungeschlagen, und das nach der Schließung des King-Stalles, der wohl eine Art Virus hatte. Seine Pferde kommen nun aber immer besser in Schwung; Alan King hat auch verlauten lassen, dass Balder Succes Cheltenham wohl auslassen wird, so dass Valdez, ein auffallend bunter Doyen-Sohn aus einer Niniski-Mutter, durchaus der Hauptvertreter seines Quartiers sein könnte. Paul Nicholls dürfte mit dem von Frankie Dettori gezogenen Dubawi-Sohn Dodging Bullets vertreten sein, ein echter Prüfstein und scheinbar bodenunabhängig, zuletzt zwar knapp geschlagen, aber das war auf extrem schwerer Bahn gegen einen Gegner (Module) , der Gewicht erhielt; sicher zu Recht einer der Favoriten. Trifolium wird vermutlich Gigginstown Stud vertreten,  und damit sind die Hauptspieler genannt, und der Sieger sollte darunter sein.

Mares Hurdle (Grade 2, 2m4f)

Gelingt der braunen Superstute nun der 6. Streich: Quevega nach ihrem letztjährigen Erfolg imn den Grade 2 OLBG Mares Hurdle. Foto: Toby ConnorsAber das Highlight des ersten Tages verspricht ein ganz anderes Rennen zu werden. In der Mares Hurdle (Grade 2, 2m4f) schickt sich eine kleine braune Stute an, absolute Cheltenham-Geschichte zu schreiben, wenn denn Quevega das Rennen erneut gewinnen sollte: Es wäre ihr sechster Erfolg in Folge beim Festival. Auch dieses Rennen hätte ein mögliches Ziel von Annie Power sein können, aber Besitzer Rich Ricci hat früh klar gemacht, dass er Willie Mullins hier nicht im Weg stehen möchte. Mullins selber geht die bewährte Route mit der Robin des Champs-Tochter, die nun seit Jahren hier ihr Jahres-Debut gibt; die letzten Updates waren mehr als positiv, "sie ist ihrem Zeitplan eher voraus". Jedes Jahr muss sich Mullins Fragen erwehren, warum denn Quevega in diesem relativ "einfachen" Rennen und nicht auch einmal gegen die "Jungs" antreten würde. Seine Antwort ist jedes Jahr die gleiche: "Es ist schwer genug, überhaupt ein Pferd für Cheltenham zu haben, und warum sollte ich es ihr unnötig schwer machen?".

Big Buck's wurde im letzten Jahr durch seine Verletzung eines fünften Sieges in Folge (in der World Hurdle) beraubt, somit war Quevega schon im letzten Jahr das erste Pferd seit Golden Miller (Cheltenham Gold Cup 1932-1936), das ein Festival-Rennen fünfmal gewann. Seit 1945 ist es nur Istabraq, Arkle, Sir Ken und Willie Wumpkins gelungen, vier Festival-Rennen an sich zu bringen.

Darum gilt es nicht, ein Pferd zu finden, welches Quevega vielleicht schlagen könnte, sondern ihr für ihren Griff nach den Sternen die Daumen zu drücken. Ein jeder Sport braucht solche Stars.

Tag 2 des Cheltenham-Festival

Champion Chase (Grade 1, 2m)

Das Drama um Sprinter Sacre im Dezember in Kempton, als er mit Herzproblemen angehalten werden musste. Ist der Superstar jetzt wieder richtig fit? Foto: Toby ConnorsFür die Kurzstreckler unter den Chasern; ein Rennen, das bis zur Herzerkrankung von Sprinter Sacre eine eindeutige Sache schien. Nun hängt alles von der tatsächlichen Verfassung des beeindruckenden Wallachs ab, über den ja auch hier schon so viel geschrieben wurde. Die Aussagen aus dem Stall sind positiv, alle Tests seinen gut verlaufen, der Wallach soll nun kurz vor Cheltenham einen Rennbahn-Galopp erhalten, da geplante Probe-Auftritte bisher dem schlechten Wetter zum Opfer fielen. Aber auch eine Kristallkugel wird Trainer Nicky Henderson nicht sagen können, wie sich Sprinter Sacre unter Renn-Bedingungen tatsächlich verhalten wird, ob und wie sein Herz erneut Probleme machen könnte, und wie er sich anfühlt unter Jockey Barry Geraghty. Ist er der Alte, sollte es trotz der Pause kein Verlieren geben, wenn nicht, ist die Champion Chase eine eher nicht so hochklassige Angelegenheit, ohne den anderen Startern zu nahe treten zu wollen.

Sire De Grugy hat bisher am meisten vom Ausfall des Stars profitiert und ist in dieser Saison ungeschlagen, eine kleine Pause bis Cheltenham wird ihm sicher gut getan haben. Er ist auch relativ bodenunabhängig und sollte sonst schon das zu schlagende Pferd sein. Der alte Haudegen Sizing Europe hat Cheltenham noch einmal im Visier und könnte hier laufen, bei gutem Boden hat der Stall de Bromhead aber gehörig Meinung auf Special Tiara, den man dann unbedingt Sieg-Platz spielen sollte. Über zwei Meilen ist natürlich kein Raum für Unachtsamkeiten, so dass ein einziger Springfehler unbedingt über Sieg und Niederlage entscheiden kann; Paul Nicholls denkt bei weichem Boden ernsthaft daran, hier mit Al Ferof zu starten, nachdem das mangelnde Stehvermögen des Wallachs nun allzu offensichtlich wurde. Er steht aber auch noch für die Ryanair Chase unter Order, wie wohl viele Trainer einem gesunden Sprinter Sacre gerne ausweichen möchten. Interessant könnte auch Captain Conan (Nicky Henderson) sein. Für den Arkle Sieger von 2012 lief bisher nicht alles nach Plan, der Wallach hatte aber schon immer einen besonders guten Ruf am Henderson-Stall.

RSA Chase (Grade 1, 3m110y)

Der Gold Cup für die Nachwuchs-Chaser, jedes Jahr ein ultra-schweres Rennen. Der Favorit Ballycasey (Willie Mullins, verm. Ruby Walsh) hat bisher rein gar nichts falsch gemacht, und zuletzt in Irland beeindruckend gewonnen. Er scheint relativ bodenunabhängig, und ein großer Steher. Der aus Etzeaner Zucht kommende Sholokhov-Sohn Don Cossack unterlag ihm zuletzt, und eigentlich spricht wenig für eine Formumkehr, aber auch der letztgenannte ist ein extrem hochklassiger junger Chaser, den man keinesfalls abschreiben sollte; er hat aber auch Nennungen für kürzere Rennen. Interessant könnte auch Trevor Hemmings´ Many Clouds (Oliver Sherwood) sein, der zuletzt in Ascot in einem Grade 2-Rennen hinter O'Faolains Boy ein mehr als solides Rennen lief. Die zusätzlichen Meter in Cheltenham und die Betonung auf Stamina sollten ihm unbedingt entgegen kommen.

Auch für die Neptunes Hurdle gilt, dass dieses Rennen im Moment noch sehr schwer einzuschätzen ist, da viele Pferde Mehrfach-Nennungen haben, und das endgültige Ziel sicherlich auch stark von den Bodenverhältnissen abhängen wird. Diese sind leider im Moment unmöglich einzuschätzen, auch wenn sich die Offiziellen aus Cheltenham optimistisch geben, dass es kein „heavy“ in der Beschreibung geben wird. "Das Gras wird seit dem Meeting Ende Januar kaum betreten werden, unsere Drainagen sind gut, und wir sind in der Lage, frischen Boden auszustecken. Ich bin sehr optimistisch", so die Einschätzung des Rennbahnverwalters.

Die Vorschau auf das Cheltenham-Festival vom 11. bis 14. März erscheint in der Ausgabe 305 von Turf-Times am kommenden Donnerstag, 27.02.2014. Dann geht es weiter mit dem Preview Teil II vom Mittwoch und Tag 3. Weitere Infos unter: www.cheltenham.co.uk                                                                                                               Catrin Nack

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