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Cheltenham 2020 - der etwas andere Rückblick

Start vor vollem Haus in Cheltenham: Dieses Bild wird es weltweit länger nicht mehr auf einer Pferderennbahn geben. www.galoppfoto.de - JJ Clark

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 610 vom Freitag, 20.03.2020

Dies sollte anders aussehen. Ganz anders. Direkt, unmittelbar aus dem Herzen, die ersten 600+ Worte waren geschrieben. Über den Schock in der Stayers´ Hurdle – wer glaubte an Rebecca Curtis´ Lisnagar Oscar, wer konnte sich eine Niederlage von Paisley Park, einem DER Banker des Festivals, im Vorfeld vorstellen? Über den epischen Kampf zwischen Melon, Samcro und Faugheen dem wiederauferstandenen Samcro; dem Evergreen und Publikumsliebling Faugheen? Der Jubel, als Paul Townend Faugheen auf Platz Drei im Siegerzirkel dirigierte, war lauter als der für den Sieger! Es waren lange Passagen über den Gold Cup:  Al Boum Photo, den ersten Doppel-Sieger seit 20 Jahren. Nico de Boinvilles versteinertes Gesicht, als er mit dem tapferen Santini den „2.Platz“- Platz im Siegerzirkel einnahm; „keiner möchte Zweiter werden, nicht wahr“ observierte ein mitfühlender Rennbahnbesucher.  Über Lostintranslation, dessen dritter Platz im Gold Cup etwas Balsam für Colin Tizzards geschundene Trainerseele war. Über Jamie Moore, Ryans Bruder, der, einen der größten Erfolge seiner Laufbahn vor Augen, in der Triumph Hurdle so unglücklich aus dem Sattel von Goshen musste; mit einer uneinholbaren Führung in der Hand. Es war ein Artikel über all dies und mehr, heroische Pferde- und Jockey-Kombinationen, Rennanalysen, ein Trainerzweikampf, ein Länderkampf; Willie Mullins gegen Gordon Elliott, England gegen Irland. Über Cheltenham, welches in kaum fassbarer Art und Weise einem Virus namens COVID-19 trotzte, mit all dem Trotz, wie ihn wohl nur die Briten bei einer Rennveranstaltung an den Tag legen konnten.

Ein Moment der Unachtsamkeit machte dies zunichte.

Der Laptop, verschollen am Flughafen Gatwick. Darauf der Artikel. Die Rückreise nach Deutschland, die Reise in eine sprichwörtlich andere Welt. Eine Welt, die gegen die Ausbreitung eines kaum erforschten Virus zunehmend drastische Maßnahmen ergreift, ergreifen muss. Eine Welt, die andere Sorgen hat als Pferderennen. Eine Welt, in der das öffentliche Leben, die Freiheit, die wir kennen, schätzen, als selbstverständlich erachten, zum Stillstand gekommen ist. Hashtag StayAtHome, #FlattenTheCurve. Die persönliche Freiheit vs. Gesundheit und Sorge vor allem um die Schwachen und Schwächsten. Zunehmend die Sorge – natürlich – um die eigene wirtschaftliche Lage. Dass in dieser Situation keine Pferderennen abgehalten werden, ist eine Randnotiz im Ganzen des Großen. Und eine Selbstverständlichkeit, mit der man der allgemeinen Entwicklung ja sowieso nur einige Stunden voraus war.

Unmöglich, in der Rückschau die gleichen, oder auch nur ähnliche Worte zu finden. Kaum vorstellbar, dass Cheltenham überhaupt stattgefunden hat. Zum ersten Mal seit einigen Jahren waren die Zuschauerzahlen zwar etwas gesunken, dennoch haben sich in den vier Tagen des Festivals rund 250.000 Menschen versammelt. Über 60.000 an jedem der Renntage. Vor sieben Tagen noch jubelten wir Siegern zu, waren Champion Hurdle, Champion Chase oder der Gold Cup gleichsam der Mittelpunkt des Denkens. Wir umarmten uns, feuerten an, freuten uns über Sieger und litten mit Besiegten. Wir genossen die beinahe intime Gemeinschaft der Morgenarbeit, immer „close up“ mit Trainern und Pflegern. Fast möchte man den Kopf über sich selber schütteln.

Und doch. Dürfen wir die heroischen Leistungen der Vierbeiner ganz vergessen? Pferden, denen wir für unser Vergnügen so viel abverlangen, die wir formen zum perfekten Athleten, der willig für unsere Träume rennt?

Wie kann ich sie nicht erwähnen, die wunderbare Rennstute Apple´s Jade, deren Karriere in Cheltenham fast unbemerkt zu Ende ging?  Ein letztes Hurra hätte es werden sollen, es wurde „nur“ ihr letztes Rennen. Apple´s Jade, ein Enigma in Pferdeform, eine Stute, die Dinge nach ihrem Gusto machte, immer gemacht hatte. 28 Rennen, 15 Siege, davon unglaubliche 11 Siege in Grade1- Gesellschaft. Eine der besten, charaktervollsten Rennstuten der letzten Jahrzehnte. Auch wenn sie die Rennbahn, die seit 2015 ihre Bühne war, durch den Hinterausgang verlies; sie war eine der Hauptdarstellerinnen, und ihres war ein Happy End. Sie wird nun Mutterstute.

All dies sind Erinnerungen; Erinnerungen, die gegen die Enormität der Ereignisse verblassen. Die eine Normalität vorspielten, als es diese eigentlich schon nicht mehr gab. Cheltenham 2020 war, ein „Aintree 2020“ wird es nicht geben. Kein historischer Dreifach-Erfolg eines gewissen Tiger Roll. Sein Trainer Gordon Elliott, dessen Gedanken kaum je still stehen, plant bereits für 2021. In Zeiten, in den die nächsten Wochen und Monate ungeahnte Herausforderungen bedeuten werden, ein fast unvorstellbarer Zeitraum.

Catrin Nack

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