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Aufgalopp 673

Autor: 

Daniel Delius

TurfTimes: 

Ausgabe 673 vom Freitag, 18.06.2021

In einer längst versunkenen Zeit wurde der „Galopper des Jahres“ immer im Dezember gewählt. Das hatte einen guten Grund. Die Ehrung fand im Rahmen der „Sportschau“ in der letzten Sendung vor Weihnachten statt, da gab es genügend Sendezeit, weil die Fußball-Bundesliga bereits in die Winterpause gegangen war und ansonsten sportlich nichts Aufregendes anstand. Da wurde dann schon das große Geschirr ausgepackt, alle Beteiligten waren vor Ort, inklusive der Pferde. Mondrian etwa wurde einst mit dem Lastenaufzug des Westdeutschen Rundfunks ins Studio transportiert. Und um die eingegangenen Postkarten für die Auslosung der Gewinner heranzuschaffen, musste ein Traktor mit entsprechendem Anhänger organisiert werden.

Am Sonntag wurde der „Galopper des Jahres“ 2020 geehrt. Der späte Zeitpunkt war gewählt worden, um zumindest ein paar Zuschauer live vor Ort zu haben (Der für 2019 ernannte Rubaiyat wurde nicht einmal geehrt, als Besucher zugelassen waren, aber das nur als Einschub). Die Ehrung in Köln war, nun ja, übersichtlich. Torquator Tasso, keine Frage, ist ein würdiger Champion, Gruppe I-Sieger, Spitzenpferd des Jahrgangs. Doch ist die Wahl an der rennsportlichen Öffentlichkeit in den letzten Wochen vorbeigerauscht. Partner waren Internet-Wettanbieter, im TV-Stream fand sie nicht statt. Die Zahl der Einsendungen wurde verschwiegen, es konnte sich sein Teil gedacht werden, der Blick auf die nicht gerade voluminöse Lostrommel ließ Schlimmes befürchten. Es gab nicht einmal Prozentzahlen, kein Wort, wer Platz zwei belegt hatte. Die PR-Abteilung des Dachverbandes verschickte am Sonntag eine karge Meldung mit einem Archivfoto. Und als Ehrenpreis drückte der Verbandspräsident dem Team von Torquator Tasso in die Hand: Ein Messingschild. Keine Trophäe, kein Schampus, nichts. Bescheiden.

Wenn etwas dringend einen kompletten Neuanfang benötigt, dann ist es die älteste Publikumswahl des deutschen Sports.

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