Drucken Redaktion Startseite

AP McCoy: Eine Ikone tritt ab

Mit Mr Mole zum 200. Saisonsieg. Foto: John James Clark

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 354 vom Donnerstag, 12.02.2015

Es war 15.08 Uhr Ortszeit am vergangenen Samstag, als Anthony Peter – AP - McCoy die Bombe live im britischen Fernsehen platzen ließ. Soeben hatte er zum insgesamt neunten Mal in seiner an Superlativen so reichen Karriere den 200. Sieger einer laufenden Saison geritten; der von Paul Nicholls trainierte Wallach Mr Mole trug sogar dramaturgisch richtig die Farben von McCoys Arbeitgeber JP McManus. Auf dem Weg zum Absatteln, noch auf dem Pferd, nahm AP die Gratulationen von Reporter Rishi Persad entgegen: „AP, dies ist das zehnte Mal, dass Du 200 Sieger in einer Saison reitest, eine unglaubliche Leistung.“ Da erhellte ein verlegenes Lächeln das Gesicht des Champion-Jockeys: „Rishi, ich werde dir noch etwas anderes erzählen. Es wird das letzte Mal sein, dass ich 200 Sieger reite. Ich habe mit Dave [Roberts, Agent] und JP gesprochen, und ich höre zum Ende der Saison auf zu reiten.“  

Mit seinem Trainer des Vertrauens: Anthony McCoy mit Trainer Paul Nicholls. www.galoppfoto.de - John James ClarkMit seinem Trainer des Vertrauens: Anthony McCoy mit Trainer Paul Nicholls. www.galoppfoto.de - John James ClarkPersad, schier überwältigt von der Gewichtigkeit des Momentes, konnte kaum eine passende Antwort stammeln („Der Fan in mir wollte fluchen, der Produzent raunte mir ins Ohr ‚mach weiter, mach weiter‘“, gestand er später) als McCoy weitersprach, nun mit beinahe unsicherer Stimme und ganz augenscheinlich selber gefangen in seinen Emotionen: „Ich möchte an der Spitze aufhören, als Champion- Jockey. Es wird mein zwanzigster Titel [McCoy hat rund 80 Siege Vorsprung auf seinen nächsten Konkurrenten], und ich gehe, solange ich noch ziemlich weit oben bin. Ich habe nur mit Dave und JP gesprochen, auch Chanelle [Ehefrau] weiß es erst seit Montag, meine Eltern wissen es noch gar nicht. Ich glaube sie werden sich freuen.“

Historischer Treffer am 05. April 2014 in Aintree: Tony McCoy landet Sieg Nummer 4000, ist damit erfolgreichster Hindernis-Jockey aller Zeiten. www.galoppfoto.de - Peeo PloffHistorischer Treffer am 05. April 2014 in Aintree: Tony McCoy landet Sieg Nummer 4000, ist damit erfolgreichster Hindernis-Jockey aller Zeiten. www.galoppfoto.de - Peeo PloffBeinahe karge Worte, die das Ende der Karriere eines Jockeys einleiteten, der mehr ist als ein bloßer Rennreiter, McCoy ist ein Champion, ein Phänomen, eine Legende; ein Reiter, wie ihn der Sport noch nicht gesehen hat – und wohl auch nie wieder sehen wird. Es sind nicht nur die atemberaubenden Zahlen, die die Karriere des AP McCoy definieren: annähernd 4200 Siege in England allein, mit 289 Siegen in der Saison 2001/2 hält McCoy vor Sir Gordon Richards (und Peter Schiergen) den Rekord für die meisten Siege in einer Saison, die schnellsten 100 Siege in einer Saison, sogar Champion-Nachwuchsreiter wurde er mit einer Rekord-Zahl von Siegen (74; im Jahr 1994/95), von dem bereits erwähnten 20. Titel in Folge ganz zu schweigen, hier hat McCoy irgendwann einmal den Rekord von Peter Scudamore geschlagen, der sieben Titel in Folge gewann und zusammen mit John Francome in den 80iger Jahren eine Ikone des Sports war, von der man annahm, das sie niemals ihres Gleichen finden würden; bis, ja bis ein Junge namens AP aus Irland nach England kam, hier die Talentschmiede der Familie Balding bezog, und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Besser, das Leben.

In seiner eigenen Liga unterwegs: Hindernis-Champion Tony McCoy - hier mit At Fishers Cross als Sieger in den Sefton Novices' Hurdle. www.galoppfoto.de - John James ClarkIn seiner eigenen Liga unterwegs: Hindernis-Champion Tony McCoy - hier mit At Fishers Cross als Sieger in den Sefton Novices' Hurdle. www.galoppfoto.de - John James ClarkGenauer das Leben des Tony McCoy, der Leidenschaft, Siegeswillen, Ausdauer, Einsatzwillen, Hingabe, aber auch Leidensfähigkeit und Schmerz-Resistenz auf ein neues Level hob, in eine Welt, in der nur seine Regeln gelten. Ein Mann, bekennender Anti-Alkoholiker, der sich für den Sport, den er liebt, schindet und quält, der mit 1,78m für einen Jockey geradezu ein Gardemaß hat, der von Anfang an „Gewicht machen“ musste. McCoy lebte jahrelang nach eigener Aussage von Tee und Mars-Riegeln, und den heißen Badewannen, in denen er versuchte, die Pfunde herauszuschwitzen. Sein eiserner Wille ließ ihn Verletzungen und Stütze ertragen, ließ ihn „un-kaputtbar“ und schon beinahe „un-menschlich“ erscheinen, er quälte sich durch Krankenhäuser, Rehas, Massagen und Kältekammern, mit nur einem Ziel: back in the saddle, riding winners.

Sein Tunnel-Blick machte ihn in jungen Jahren – McCoy hat dies in der letzten seiner bisher drei Biographien in qualvollen Details beschrieben – unleidig, schwierig im Umgang, grantig beinahe. Doch  er überwand auch diese Hürde,  wurde menschlich, blieb bescheiden, ein echter Botschafter des Sports. Wurde darum beinahe folgerichtig auch der bisher einzige Jockey, der jemals in England  zum „Sportler des Jahres“ gewählt wurde.

Die Schattenseiten des Sports: Anthony McCoy und sein Sturz von Synchronised beim Aufgalopp zum Grand National ... www.galoppfoto.de - John James ClarkDie Schattenseiten des Sports: Anthony McCoy und sein Sturz von Synchronised beim Aufgalopp zum Grand National ... www.galoppfoto.de - John James ClarkUnd natürlich sind es nicht nur die Zahlen, die den Sportler McCoy ausmachen, natürlich sind es auch die Pferde, die für ihn rennen und springen, alles geben, alles aus sich herausholen, ihm diesen unnachahmlichen Adrenalin-Rausch verschaffen, nach dem er so süchtig ist. In allerletzter Konsequenz ist es mehr Masse als Klasse, die die lange Karriere des AP McCoy formte, aber natürlich gibt es sie, die großen Sieger: bisher 30 Cheltenham Festival Sieger, davon (ebenfalls immer bisher) zwei Gold Cup Sieger (Mr. Mulligan 1997, Synchronised 2012), drei Champion Hurdles (Make a Stand 1997, Brave Inca 2006, Binocular 2010), eine Champion Chase (Edredon Bleu 2000), keine Stayer's / World Hurdle. 2010 der langersehnte Sieg im Grand National, auf Don't Push It, auch für seinen Boss. " So sieht es hier also aus" strahlte McCoy damals, und seine ungebärdige Freude über diesen Sieg erhellte ganz Aintree. Er ritt Champions wie Kauto Star, Best Mate, Big Buck's, Master Minded, Kämpfer wie Deano's Beano, Wichita Lineman, Pridwell, Hors la Loi II, Tuitchev, Viking Flagship oder Exotic Dancer. Er kennt die Höhen, er kennt die Tiefen, deren wahre Tiefen er erst in den letzen Jahren zugeben mochte: Gloria Victis, Valiramix, Wichita Lineman und Darlan stehen stellvertretend für die schwarzen Momente, aus den McCoy sich zurück kämpfen musste.

Und nun ist Schluss. Bis Sandown noch, Ende April, zum traditionellen Saisonausklang will er reiten, vielleicht noch Punchestown? Hier ist er vage geblieben. Es wird viele „letzte Male“ geben auf seiner „Abschieds-Tournee“, es wird sein letztes Cheltenham, sein letztes Grand National, dann irgendwann: sein letzter Ritt. Im Rennen Eins nach seiner Ankündigung musste er am Samstag in Sandowns Betfair Hurdle direkt an der ersten Hürde aus dem Sattel, am Tag Eins danach gewann er sein allererstes Irish Hennessy (Gr. 1), erneut in den Farben von Boss JP McManus. Die Up's and Downs des Sports, sofort und unmittelbar.

Kam sein Rücktritt unerwartet? Ja und Nein. „Ich denke seit fünf Jahren darüber nach“, bekannte McCoy in den letzten Tagen, und: „Der Tag, an dem ich den Traum von dreihundert Siegen in einer Saison aufgeben musste, hat mir das Herz gebrochen.“ Ein Sturz im Oktober '14 machte dies zunichte, als McCoy zwar schnell wieder zurück im Sattel war, dann aber erneut stürzte und sich eine für seine Verhältnisse langen Pause von rund drei Wochen auferlegen musste. Seit einiger Zeit wird bereits an einer großen Dokumentation über ihn gearbeitet, die dem Vernehmen nach Kino-geeignet sein soll, und den Menschen McCoy nicht nur als großen Jockey, sondern vor allem als großen Sportsmann portraitieren soll. Eine Vorahnung?

Erst einmal wird McCoy aber noch reiten, viele Sieger hoffentlich. Er wird alles geben, wie immer, und wir werden sie zählen, die Tage, an denen wir ihn noch haben. Wir müssen von nun an jeden Tag mit ihm genießen.

Catrin Nack

Verwandte Artikel: