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Always trying

Die klassische Siegerin Nyaleti. www.galoppfoto.de - JJ Clark

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 533 vom Freitag, 31.08.2018

Middleham in Norden Yorkshires gelegen ist kaum der Mittelpunkt der Welt, nicht einmal Englands oder gar der Grafschaft Yorkshire. Es ist jedoch der Mittelpunkt einer der bedeutendsten Trainerkarrieren der Insel, namentlich Mark Johnstons, der seine Starter aus diesem kleinen Ort rund um den Globus schickt, immer auf der Suche nach Siegern. Als solches wurde Middleham durchaus mit Bedacht gewählt: der Ort hat Rennsport-Tradition; erste Trainer wurden bereits im Jahr 1739 urkundlich erwähnt. Auch wenn im Winter die eisigen Winde durch die Dales wehen und die Morgenarbeit auf den Galopps zu einem Härte- und Charaktertest für Mensch und Pferd wird, so hat der Ort – auch und vor allem durch Mark Johnston - einen festen Stellenwert unter den englischen Trainingsquartieren und wird in einem Atemzug mit Lambourn und Newmarket genannt. Rund 15 Trainer sind dort aktuell permanent ansässig, neben Johnston vor allem Karl Burke und Ben Haslam.

 „Uns war klar, dass wir nicht in Schottland trainieren konnten, da gibt es ja nur drei Rennbahnen“, erklärt Deirdre Johnston. Wie Mark Johnston stammt sie aus Glasgow, schottische Wurzeln, die beide nicht verleugnen, und die sich bis heute in den offiziellen Stallwesten - im Schottenkaro, nicht  mit einem Schottenrock (!) - (und ganz zu schweigen von Marks Akzent) niederschlagen: „ Es musste weit genug südlich sein, damit wir besseren Anschluss an Rennbahnen [10 Rennbahnen liegen im Umfeld des Ortes, die nächste in Catterick]  hatten, aber so weit nördlich, damit wir unsere Familien sehen konnten.“

Es ist Dienstag, der 21. August 2018, die Ruhe vor dem sprichwörtlichen Sturm. Das Ebor Meeting von York steht vor der Tür, eines der wichtigsten Meetings im englischen Rennkalender, doch kurioserweise von etwas geringerer Bedeutung im Hause Johnston. „Always trying“ lautet das Stall-Motto, welches über Banner, Jacken, Satteldecken und die scheinbar allgewärtigen Pferdetransporter in die Pferdewelt getragen wird, und wenn natürlich die Johnston-Pferde auch auf dem Knavesmire alles geben, so steht das Meeting bei den jährlichen Planungen des Stalles - anders als Glorious Goodwod oder Royal Ascot-  nicht an allererster Stelle. Und doch:  in diesem Jahr bekommt das Meeting eine besondere Bedeutung; hoffentlich, muss man in dieser Minute konstatieren.

Am 23.Oktober 2017 stellte Johnston seinen 4000. inländischen Flachrenn-Sieger, als dritter englischer Trainer nach Richard Hannon snr. und  Martin Pipe überhaupt. (Seine fünf Sieger über Hürden werden somit nicht berücksichtigt). Spulen wir vor auf Mitte August 2018, und die offizielle Zahl steht nun bei 4.193, nachdem sich am 18.08. ein kleiner Wallach namens Dr. Richard Kimble auf der nordenglischen Rennbahn von Ripon zu einem etwas unerwarteten Sieg kämpfte. Somit stellte Johnston die offizielle Siegzahl von Hannon ein, und es schien eine reine Formalität, dass bereits zu Beginn des Ebor Meetings Johnston der alleinige Rekordhalter sein würde. Schließlich ist dies der Trainingsbetrieb, der in der laufenden Saison bereits 175 Sieger stellte, die Operation, die seit 25 Jahren in Folge - jahrein, jahraus - mindestens 100 Sieger pro Saison gestellt hat, „always trying“ eben. Während Mark in Frankreich seine jährliche Tour der Jährlings-Auktionen begann, reiste Ehefrau Deirdre von Newbury nach Newmarket, über  Pontefract nach Leicester und nach Thirsk, doch es war wie abgeschnitten. „ Ich muss zugeben, dass es etwas nervenaufreibend wird“ bekennt sie, „die Sieger flossen nur so dahin (inkl. eines Samstags im Juli, an dem der Stall sieben Sieger über ganz England verteilt stellte), doch nun will dieser verd*** eine Sieger nicht kommen.“

Ohne Starter im Hauptrennen des ersten Tages, den Juddmonte International, konnte vielleicht auch Mark Johnston die exzellente Leistung eines Roaring Lion kurz bewundern, doch sein Persian Moon war in den Acomb Stakes über einen dritten Platz nicht hinaus gekommen, sechs weitere Starter standen in den Startlöchern. Minuten fühlen sich wie Stunden an, wenn man sich ein Ereignis herbei sehnt.

Kaum vorstellbar, dass alles vor 31 Jahren mit dreieinhalb „zahlenden Pferden“ begann. Ohne eine rennspezifische Ausbildung, oder gar Lehrjahre als Assistenz-Trainer;  ein Fakt, der die erste Lizenz-Erteilung nicht  eben einfach machte. Doch mit einem abgeschlossenen Studium der Tiermedizin, einer brennenden Ambition und seiner ebenso entschlossenen Partnerin an der Seite. Man sagt nicht zu Unrecht, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht; und wer in all den Jahren „Mark“ sagte, hat Mark und Deirdre bekommen. „Wir kennen uns, seit ich 10 Jahre alt war, und Mark 13. Ich hatte gleich ein Auge auf ihn geworfen, der Funke sprang endgültig über, als Mark 17 war. Er wollte Trainer werden, ich war pferde-verrückt; da wusste ich, dies ist mein Mann“, erinnert sich Deirdre mit einem kleinen Lächeln.

Die Genetik, die bei den Pferden eine so wichtige Rolle spielt, hat hier Kapriolen geschlagen: weder Mark noch Deirdre ist die Leidenschaft für Pferde oder gar den Rennsport in die Wiege gelegt, „und Mark würde sagen, ich bin nicht pferdeverrückt, sondern besessen“. Deirdre war daher immer mehr als nur die Frau an seiner Seite, sie war - und ist - Arbeitsreiterin, Buchhalterin, nebenbei Ehefrau und Mutter der beiden Söhne, Charles and Angus. Als ausgebildete Lehrerin musste sie diesen Beruf in den ersten zweieinhalb Jahren auch ausüben, „wir brauchten ganz einfach das Geld.“ 

Mit Leichtigkeit wechselt sie heutzutage die Jodhpurs gegen Kostüm oder Abendkleid, wenn auch ihr sonnengebräuntes Gesicht von langen Stunden an der frischen Luft zeugt. Nach wie vor reitet sie  in der Arbeit aus, oder bildet in der knapp bemessenen Freizeit ihre „Hobby“- Pferde aus, um sie auf den lokalen Pferdeschauen vorzustellen. Eine weitere Leidenschaft ist der Vielseitigkeitssport, ein von ihr gezogenes Pferde ist bei einer Top-Eventerin im Beritt, „ich bin sicher, dass er (JL Dublin, bei Reiterin Nicola Wilson) mich zu den Olympischen Spielen bringt“, so Deirdre, die sich zudem als großer Fan des deutschen Vielseitigkeitsreiters Michael Jung outet. „Oh mein Gott, ich habe ihn in Rio am Flughafen getroffen und nach seinem Autogramm gefragt. Er ist ein Star!“

Es ist diese Leidenschaft, über die Jahre ungetrübt, die das Rückgrat des Teams Johnston bilden. Einer Leidenschaft, die auch nach 31 Jahren noch lichterloh brennt, Triebfeder und Grundlage eines komplexen Charakters:  Johnston spricht Klartext und mischt sich ein. Eines Trainingsbetriebes, der nun natürlich nicht mehr aus dreieinhalb Pferden besteht, rund 210 stehen zurzeit in insgesamt 270 Boxen. „Wir haben das Jahr mit rund 250 im Training begonnen, aber natürlich dezimiert sich die Zahl. Einige sind einfach nicht gut genug, es gibt Verletzungen. Wir haben etwa 110 Zweijährige, und nun kommen langsam auch die ersten Jährlinge.“

Rund zwanzig Jahre nutzte  man die öffentlichen Bahnen, die Middleham, neben Malton das „Newmarket des Nordens“, stellt. Seit einigen Jahren hat man private Trainingsbahnen, hier wird selbstredend exklusiv trainiert. Der Trainingsbetrieb besteht inzwischen aus drei separaten Stallkomplexen: Kingsley House Stables, Warwick House Stables und Kingsley Park/Park Farm. 

Hier befinden sich neben Stallungen auch die Büroräume mit vier festangestellten „racing secretaries“, ein Angestellter kümmert sich eigens um personelle Angelegenheiten. Auch das Stallmagazin „Kingsley Klairon“ wir hier produziert, das monatlich erscheint und eine Auflage von rund 2500 Stück hat. „Es begann als Newsletter und Beilage zu den monatlichen Rechnungen, um den Schmerz etwas zu lindern“, erklärt Deirdre die Entwicklung dieses sicher einzigartigen Magazins. Gerne nutzt Johnston die Seiten, um manch kontroverses Thema anzupacken,  und scheut sich nicht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Neben Mark und Sohn Charlie, der ebenfalls ausgebildeter Tierarzt ist, stehen zwei weitere festangestellte Tierärzte auf der Gehaltsliste. 50 Arbeitsreiter werden beschäftigt, insgesamt rund 130 Angestellte, „ich darf es gar nicht laut sagen, aber wir haben keine Probleme, gutes Personal zu bekommen, und sind im Moment sogar leicht überbelegt. Was für ein Luxusproblem!“ Die drei Stallungen unterteilen sich wiederum in acht Barns, mit entsprechenden Barn Managern und Assistant Barn Managern. Während sich Kingsley House und Warwick House Stables mehr oder weniger im Zentrum von Middleham befinden, liegt Park Farm etwas außerhalb, am Ende einer kleinen Straße (tatsächlich muss man durch den Betrieb von Trainer Mickey Hammond fahren, um zur Park Farm zu gelangen), inmitten den eigenen Galopps, die sich aktuell über ca. 300 acres (rund 120 Hektar) erstrecken. Neben drei Grasbahnen und einer Allwetter-Bahn gibt es Koppeln und Roundpens, die allgegenwärtigen Führmaschinen, einen Pool, einen Aqua-Walker und ein Wasserlaufband.

Das Trainingsregime der einzelnen Pferde ist individuell geplant, die morgendlichen Arbeiten passen sich - natürlich - dem Alter der Pferde und den bevorzugten Renn-Distanzen an. Der beinahe schon obligatorische Anstieg der Trainingsbahnen bereitete zunächst Probleme: „ Wir mussten uns anpassen und lernen, im ersten Jahr hatten wir kaum einen Zweijährigen-Sieger, es wurde klar, dass der Anstieg ganz offensichtlich zu viel Kraft kostete.“

Jedes Pferd hat einen individuell ausgearbeiteten Trainingsplan, den ein speziell entwickeltes Computerprogramm verwaltet. Sobald die Saison allerdings Schwung aufgenommen hat, gehen die Pferde nur noch leichte Arbeiten; sie cantern, wie man im Englischen sagt. „They never work once they race“ erklärt Deirdre,  dann sind die Rennen das sprichwörtliche Training. Der Name Johnston ist Synonym für fleißige Pferde: 1005 Starts haben seine Pferde in der aktuellen Saison absolviert, mehr als 6300 in den letzten fünf Jahren, mit einer durchschnittlichen Sieg- Quote von 16%.

Die Tabellen, die die Tagesarbeit jedes Pferdes detailliert und farblich unterlegt darstellen, werden jeden Morgen frisch erstellt und erlauben einen genauen Rückblick auf die letzten sechs Wochen des Trainings. Die einzelnen Lots sind minutiös geplant;  Pferde, die aus dem Dorf auf die Bahnen kommen, reihen sich in festgelegter Reihenfolge in die Lots von Park Farm ein. Hier muss sich sogar die stalleigne Landebahn für kleine Flugzeuge anpassen, “ Es ist nicht erlaubt, dass eine Maschine landet, wenn die Lots draußen sind.“ Mark Johnston ist begeisterter Pilot und bezeichnete die Anschaffung seiner kleinen Privatmaschine als eine der besten Investitionen seines Lebens.

Die Führmaschinen werden im täglichen Training eher selten genutzt, leisten aber bei der Rekonvaleszenz  gute Dienste. Hier hat sich auch der Wasser-Walker, der durch seine integrierte Filteranlage verschmutztes Wasser umgehend aufbereitet, bestens bewährt: „ Er hat sich bei Sehnenverletzungen besonders bewährt. Im Winter darf das Wasser allerdings nicht zu hoch stehen, da die Pferde dann kalte Bäuche bekommen, das war kontraproduktiv. Die Pferde laufen bis zu 40 Minuten im Wasser“, erklärt Deirdre.

Auch wenn es scheint, als läge ein besonderes Augenmerk auf Quantität, so ist es natürlich die Qualität, nach der der Trainer strebt. Der erste klassische Sieger war Mister Baileys (1994, 2000 Guineas), zehn Jahre später folgte die unvergleichliche Attraction (2004 Englische und Irische Guineas);  das Pferd, auf dessen Karriere Johnston besonders stolz ist. „Es war das einzige Mal, dass Scheich Mohammed und Prinzessin Haya zu Besuch kamen, um sie (Attraction) zu sehen. Sie konnten wohl nicht glauben, wie man mit den Beinen schnell laufen konnte.“ Scheich Hamdan und Scheich Mohammeds Godolphin -Operation sind langjährige Kunden, die die Johnstons mehr als nur wertschätzen.

„Scheich Hamdan hat uns noch nie besucht, aber wir können gar nicht ausdrücken, wie dankbar wir ihm sind.“ Sharmardal, den Johnston nur als Zweijährigen trainierte,  toppt nach wie vor seine persönliche „Best of“- Liste. Doch im Büro hängt ein großes Porträt von Yavana´s Pace (neben Oriental Fox nach wie vor das älteste Pferd, welches Johnston je trainierte) und die unvergleichliche, auch hierzulande bestens bekannte Branston Abby liegt auf Kingsley House beerdigt, ganz sicher Zeichen einer besonderen Wertschätzung.

Double Trigger und sein Vollbruder Double Eclipse müssen Erwähnung finden, vor allem der erstgenannte war eines jener Pferde, der den Namen seines Trainers — und vor allem sein Motto - über Jahre auf die Rennbahnen trug; der so auffällig gezeichnete Fuchs war  ein absoluter Publikumsliebling und - magnet, der die Cup-Rennen (Rennen für ältere Steher) zu seiner Bühne machte, unvergessen sein legendärer dritter Erfolg im Goodwood Cup, der das Dach der Tribüne anhob und die Bahn zum Beben brachte. Und doch - all den Siegen stehen „nur“ 13 Gruppe1-Siege gegenüber, diverse Klassiker, vor allem Englische, fehlen im CV. Dee Ex Bee´s zweiter Platz im diesjährigen Epsom Derby war eine famose Leistung, aber war ein klarer Fall von „so nah und doch so fern“,  und machte Johnston klar , wie gerne er gerade den Sieger dieses Rennens stellen würde.

Deutschland ist ein Land, das in der Planung der Johnstons durchaus eine wichtige Rolle spielt, „natürlich, vor allem für Black Type, wir hatten Lady Jane Digby für Kirsten Rausing, gerade für Owner-Breeder sind Gruppe1-Rennen natürlich von besonderer Bedeutung.“

Nyaletis klassischer Erfolg ist eines der Highlights diesen Jahres, und dann ist da noch ein kapitaler Hengst namens Dark Vision, von Johnston aus übergroßer Jährling günstig und auf eigene Rechnung erworben, „Mark glaubt, er war günstig weil er so groß war, doch ihn störte es wenig. Er sagte nur, warum soll ich ein kleines Pferd kaufen, wenn ich für das gleiche Geld auch ein großes bekomme?“ In den Farben des stalleigenen Syndikats Kingsley Park 10 ist der Hengst einer der jungen Stars der englischen Rennsaison, sein Sieg in den Vintage Stakes (Gr2, 1400m) machte mehr als nur Eindruck. Und rief die  Einkäufer großer Besitzer auf den Plan, der Hengst gehört nun dem Godolphin-Imperium, verbleibt aber in Middleham. „ So haben wir das Beste von beiden Welten. Die Besitzer haben viel viel Geld in der Kasse, und wir dürfen ihn weiter trainieren“, erklärt Deirdre den unvermeidlichen Schritt. Die Syndikate, bei denen sich zwanzig Teilhaber bei voller Kostenkontrolle einen Anteil an bis zu drei Jährlingen sichern, sind ein voller Erfolg und haben inzwischen eine Warteliste.

Und so schließt sich der Kreis. Die ersten Jährlingsauktionen haben begonnen, die Suche nach dem nächsten Sieger. Die Rennsaison nähert sich ihrem Zenit, einige große Rennen wollen noch gewonnen werden, aber die Youngsters beginnen, die Stallungen zu füllen. Mit Sohn Charlie steht auch der menschliche „Youngster“ in den Startlöchern, noch aber ist der 58jährige Mark Johnston nicht bereit, die Zügel völlig aus der Hand zu geben. Nach wie vor streben die Johnstons danach, den Trainingsbetrieb weiter zu optimieren; Rennen wie das Epsom Derby wollen gewonnen werden. Und wer weiß, vielleicht findet er auch hier in Iffezheim einen Star für die Zukunft?

PS: Sie fragen nach dem Rekord? Der heißersehnte „nächste“ Sieger kam am 23.08.2018. Einem Tag, an dem Johnston nur zwei Starter, noch dazu im selben Rennen, hatte. Doch der kleine Fuchs Poet´s Society hatte das Skript gelesen. Unter Frankie Dettori setzte der Wallach in einem hochdotierten Handicap ein flottes Tempo und kämpfte sich an der Spitze eines großen Pulks tapfer nach Hause. Sieg 4.194. Hart erkämpft. Always trying.

Catrin Nack

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