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Aintree 2019 - Irland beherrscht die Szene

Gut gemacht, Min! www.galoppfoto.de - JJ Clark

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 563 vom Freitag, 12.04.2019

Drei Meeting-Tage Sport vom Feinsten; die Ergebnisse des Donnerstags hatten größtenteils in der Ausgabe der letzten Woche Platz gefunden. Freitag ist traditionell Lady´s Day; doch wer glaubt, hier zählen nur Kleider, der irrt. Sicher, ein strahlendes Outfit ist eine feine Sache, und der Siegerin des „Best Dressed“ Wettbewerbs winkt als Hauptpreis ein Range Rover und ein Jahres-Vorrat an Klamotten. Doch für Hartgesottene und Verwegene spielt die Musik auf dem grünen Rasen, erfreulicherweise in 2019 wieder mit stärkerer irischer Beteiligung.

Vier Gruppe 1- Rennen kamen am vergangenen Freitag zur Austragung, die mit Abstand beeindruckendste Leistung lieferte Willie Mullins´ Min (Melling Chase, Gr.1, ca. 2m4f - Jockey Ruby Walsh) ab. Wie schon Kemboy am Tag zuvor ließ der Wallach, ein französich gezogenen Walk in the Park- Sohn, seine schlechte Leistung aus Cheltenham meilenweit hinter sich; hier hatte er als Fünfter zu Altior reichlich blass ausgesehen. Gegner dieses Kalibers waren in Aintree ohnehin nicht in Sicht, doch wie bei Kemboy machte der Ton die Musik. Ruby Walsh´ übergroßes Lächeln nach dem Rennen sprach Bände, Balsam auch für die etwas lädierte Seele von Besitzer Rich Ricci, dessen Star Faugheen ja am Tag zuvor mit Herzrhythmusstörungen angehalten werden musste. Mit Politologue (Paul Nicholls), der allerdings mit Nasenbluten aus dem Rennen kam, und Waiting Patiently schlug Min solide Gegner mit beeindruckender Leichtigkeit und setzte im Rennen niemals auch nur einen Huf falsch.

Es war die Einleitung eines Doppelschlages für Team Mullins:  in der nachfolgenden Topham Chase (Gr.3, 2m5f), in der die National-Hindernisse einmal übersprungen werden müssen, war sein Cadmium (Jockey: Paul Townend) ebenfalls andere Ware. Tatsächlich gewann der Wallach, in den Kemboy-Farben von Besitzer Supreme Racing unterwegs, Start-Ziel mit verblüffender Überlegenheit.  Mit Kemboy, Pentland Hills und eben Cadmium war es ein gutes Meeting für die großen Syndikate, auch Bumper-Sieger McFabulous (Paul Nicholls) und der am Samstag auf Gr.1 Ebene erfolgreichen Reserve Tank (Colin Tizzard) gehören (wenn auch kleineren) Besitzergemeinschaften. Auch „kleines Geld“ kann somit praktisch unbezahlbare Momente bezahlbar machen; wenn man denn mit dem nötigen Quäntchen Glück zu den ausgewählten Vertretern im Führring gehört.

Am anderen Ende der Finanzskala steht klar Michael O`Learys Gigginstown House Stud; der Ryanair-Eigner hat rund 180 Pferde im Training, genaue Zahlen verschweigt er zumeist. Tiger Rolls Erfolg überstrahlte natürlich alles und jeden; mit dem optisch besonders beeindruckenden Felix Desjy klappte es am zweiten Meetingstag auch auf Gruppe1-Ebene. Start-Ziel ließ der mächtige  Dunkelfuchs, in Cheltenham in der Supreme Novices´ Hurdle am Ende gar nicht weit geschlagen,  in der Betway Top Novices´ Hurdle (Gr.1, 2m 1/2f)  nichts anbrennen und stand sein anspruchsvolles Tempo sicher nach Hause. „Er ist nun Gruppe1- Sieger und wird eine Pause erhalten.“ So Gordon Elliott, der seit einigen Jahren den Löwenanteil der Gigginstown-Pferde betreut und von O`Leary wiederholt als „der zweitbeste“ Trainer im Lande bezeichnet wird; es geht doch nichts über Motivation der „Angestellten“.

Mit Apple´s Jade hatte man auch am Samstag in der eigen-gesponsorten Ryanair Hurdle (Gr.1, 3m 1/2f) ein ganz heißes Eisen im Feuer, allein, die Stute blieb erneut unter Wert geschlagen. Wenn auch besser als in Cheltenham unterwegs, blieb die Stute mit ihrem dritten Platz hinter If the Cap Fits (Harry Fry-Sean Bowen, für den es der erste Gruppe1-Sieger seiner jungen Karriere war) und Roksana meilenweit unter den Leistungen, die sie, wenn alles passt, abrufen kann und die sie zu einer 10fachen Gruppe 1-Siegerin gemacht haben. Vermutlich brauchten Trainer und Besitzer aber alles Glück für ihren doppelten Grand National -Sieger Tiger Roll.

Zwei Erfolge auf höchster Ebene gelangen Colin Tizzard, für den es nach den atemberaubenden Erfolgen der letzten Jahre zuletzt ein wenig ruhiger zugegangen war.  Lostintranslation (Mildmay Novices´Chase, Gr.1, 3m1f), der immerhin den amtierenden RSA-Sieger Topofthegame (scheinbar braucht man für diese Art Rennen einen besonders langen Namen) bezwang und schon im Führring bestechend aussah, und eben Reserve Tank (Betway Mersey Novices´Hurdle, 2m4f) punkteten für sein Team. So wird er verschmerzen, dass er die Werbung seines Hauptsponsors CORAL auf allen Satteldecken sauber abkleben musste, da ein anderer Buchmacher Hausrechte in Aintree besitzt. Zwei Sieger stellte auch Henry de Bromhead, wohlmöglich der viertbeste Trainer in Irland; mit Ornua zudem auf höchster Ebene in der Maghull Novices´ Chase über zwei Meilen. Ornua, dessen Besitzer John Phelan den Kaufpreis im Übrigen durch einen großen Wettgewinn erspielt hatte („Ich dachte mir, wie gewonnen so zerronnen, und habe ein Pferd gekauft. Henry hat ihn ausgesucht, es ist wunderbar, dass wir mit einem so billigen Pferd auf diesem Level mitspielen können“) stellte somit auch seine Cheltenham-Form (er fiel in der Arkle Chase) nachdrücklich richtig.

Nachdem sich irische Trainer – auch mit Augenmerk auf Punchestown – in Aintree in den letzten Jahren eher zurückgehalten hatten, war in diesem Jahr die Konkurrenz der grünen Insel wieder deutlich größer. Nicht unbedingt zur Freude der englischen Trainer, aber von uns Zuschauern. Im Grand National selber gab es mit Platz Eins-Drei einen rein irischen Einlauf (im letzten Jahr belegten irische Pferde sogar die ersten vier Plätze); insgesamt fuhren irische Trainer 10 Siege ein; alleine vier vom zweitbesten Trainer und derer drei von Willie Mullins, in Irland nach wie vor das Maß aller Dinge. Doppelte englische Erfolge konnte neben Colin Tizzard nur Nicky Henderson feiern, mit Champ in der Doom Bar Sefton Novices´ Hurdle (Gr.1, 3m 1/2f) aber einen für irische Interessen. Der patente Wallach, ein weiteres Pferd, das sich zu Cheltenham steigern konnte, steht im Besitz von JP McManus, und ist nach keinem Geringeren als Sir Anthony AP McCoy benannt; sehr zur Freude von dessen Sohn Archie. Bei neun Starts ist der Wallach nun sechsfacher Sieger, als heißer Favorit hatte es ausgerechnet in Cheltenham nur für Platz zwei gereicht, „Archie konnte es einfach nicht verstehen, nicht begreifen. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen.“

Auch anders herum gab es die irische-englische Völkerverständigung: Den letzten Sieger des Meetings stellte Gordon Elliott für Cheveley Park Stud, dessen verstärktes Engagement im Hindernissport wir an dieser Stelle bereits mehrfach angesprochen hatten.  Direkt nach dem Grand National gelaufen, stand der Trainer zu diesem Zeitpunkt noch den Journalisten Rede und Antwort. „The world is watching“ lautet der neue Aintree-Slogan, Elliott war verziehen, dass er es gerade nicht tat. Ob er im Jahr 2020 (das Grand National Festival wird dann vom 02.-04.April ausgetragen) endgültig in den Trainer-Olymp aufsteigt? We will watch it!

Catrin Nack

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