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Der Abschied eines Kult-Pferdes

Stradivarius bei seinem Sieg im Ascot Gold Cup 2019. www.galoppfoto.de

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 738 vom Freitag, 30.09.2022

Mit den Worten „the music has stopped“ verkündete Besitzer Björn Nielsen, der auch als Züchter des Sea The Stars -Sohnes Stradivarius zeichnet, das Ende der Rennkarriere eines der bemerkenswertesten Pferde, das in den letzten Jahren die Rennbahnen der Insel und des Kontinents zierte. Natürlich eine Anspielung auf seinen Namen, im Deutschen Stradivari, den legendären italienischen Geigenbauer, dessen Instrumente noch immer für Millionenbeträge gehandelt werden.

Im Hindernissport wäre er, zumindest aufgrund seines Alters, keine Besonderheit. Achtjährige Pferde (wenn auch nicht als Hengst, in diesem Kontext im englischen als „entire“ („ganz“ im Sinne von „vollständig“) bezeichnet) sind in dem Metier die Regel, und keine Ausnahme. Auf der Flachen war er genau das: ein strahlend heller Stern, eine absolute Ausnahmeerscheinung. Und es war nicht nur die an Jahren so reiche Rennlaufbahn, die Stradivarius in England zu einem der beliebtesten und umjubelsten Rennpferde der letzten Jahrzehnte machte. Es war das Gesamtpaket, sein Talent, sein Einsatzwille, sein Charisma. Die Nachricht, dass der Achtjährige in den (Un-)Ruhestand wechselt – er wird als Deckhengst im englischen Nationalgestüt aufgestellt - verbreitete sich Mitte dieser Woche wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien, war Titelthema der Racing Post. Grund genug, ihm auch hierzulande ein paar Zeilen zu widmen.

Sentimentalitäten sind seine Sache nicht. Der ursprünglich aus Südafrika stammende Geschäftsmann Björn Nielsen hat immer klar gemacht, dass seine Pferdezucht nicht nur ein Hobby ist, sondern sich durchaus rentieren muss. Der kleine bunte Fuchs, den Nielsen Ende Februar 2014 aus der Bering-Tochter Private Life zog, bildete allerdings von Anfang an eine Ausnahme. Der schlagende Beweis ist ein Foto, welches Nielsen knieend neben dem Fohlen zeigt, „..und ich mache sonst nie Fotos mit meinen Fohlen“. Folgerichtig griff Nielsen dann in die sprichwörtliche Tasche, als der Verkauf des inzwischen zum Jährling gereiften Hengstes anstand. Immerhin Teil der prestigereichsten Jährlingsauktion der Insel, dem „Book 1“ bei Tattersalls, deckten 330.000 Guineas den Reservepreis für Stradivarius nicht; nüchtern verzeichnet die Datenbank „Anbieter“ als Käufernamen. Und so wollten es Leben und Schicksal, dass der bunte Fuchs, optisch ganz im Zeichen seines Muttervaters Bering stehend, die pechschwarzen Rennfarben, gelbe Kappe seines „owner-breeders“ Björn Nielsen in sieben Rennjahren von Erfolg zu Erfolg tragen sollte. 20 Siege bei 35 Starts, rund 3.5 Millionen Pfund an Preisgeld sind die nackten Zahlen dieser Jahre, die es noch näher zu beleuchten gilt.

Im Training bei John Gosden (der seit Anfang 2021 selbstredend in Partnerschaft mit seinem Sohn Thady trainiert) begann jedoch alles spät und unaufregend. Anfang Oktober 2016 – und somit immerhin als Zweijähriger kam Stradivarius zum ersten Mal an den Ablauf, im von Newmarket doch recht fernen Nottingham. Die Bahn, hierzulande sicherlich nicht als Premiumanlage bekannt (auch wenn Dominik Moser eben hier einen seiner englischen Black-Type- Erfolge erringen konnte) ist fair und wird aufgrund ihrer langen Linien gerne auch von „großen“ Trainern anvisiert. Einem soliden Start ins Rennpferdeleben (Platz 5, nicht weit geschlagen) folgte der erste kleine Hinweis, dass Trainer John Gosden durchaus Talent in dem Youngster sah: beim zweiten Start, immerhin in Newmarket, saß bereits Frankie“ Dettori im Sattel. Die zuletzt explosive Beziehung zwischen Trainer und Jockey kann nicht Teil dieses Artikels sein, sicher ist aber, dass, damals wie heute, Dettori außerhalb der großen Tage nur noch in sehr ausgewählten Rennen in den Sattel steigt. Ein Feuerwerk wurde es nicht, „er könnte ein Steher für bessere Handicaps sein“ notierte die Racing Post in ihrer Analyse knapp; mit Cracksman als Sieger war dieses Rennen im Rückblick aber doch überdurchschnittlich stark besetzt. Liebe auf den ersten Blick war es für Dettori nicht: Es sollten noch sechs Rennen vergehen, bis sich Pferd und Reiter zu dem Dreamteam formten, das die Fans später kannten und liebten.

Beim dritten Lebensstart standen in Newcastle, kurz vor der schottischen Grenze gelegen, die Zeichen auf Sieg; im Sattel nun wieder Robert Havlin, der getreue zweite Mann am Stall. Genau 21 Tage, bevor eine gewisse, ebenfalls zwei Jahre alte Enable für eben dieses Trainer-Jockey-Team an eben dieser Stätte gleich beim ersten Lebensstart die Maidenschaft ablegen konnte.

Eine Zweijährigen-Bilanz von „drei Stars – ein Sieg“ würde hierzulande vielleicht als „Frühreife“ aufgelegt werden; in England war dies ein Warnzeichen, dass sich hier – wenn überhaupt – ein echter Steher entwickeln könnte. Nicht das Derby, das St. Leger würde der eine Klassiker sein, den Stradivarius vielleicht bestreiten würde, und so kam es auch. Dennoch – sein Sieg im 2017er Goodwood Cup (Gr.1, 3200m), einem der ikonischen Cup-Rennen der Insel – war der Grundstein zu seinen vier Siege in diesem Rennen, ein Rekord. Er ist das gewinnreichste Pferd dieses Rennens überhaupt, und war seit 1990 der erste Dreijährige, der hier gewinnen konnte. Im St. Leger dann guter Dritter, hinter Capri und Crystal Ocean, die wohlmöglich immer etwas mehr „Klasse“ hatten und auch auf „moderneren“ Distanzen zurecht kamen (Capri war immerhin der amtierende Irische Derby-Sieger und hatte hier keinen Geringeren als eben Cracksman geschlagen, Crystal Ocean konnte u.a. die Prince of Wales´s Stakes (Gr.1) über 2000m gewinnen), war Ende 2017 klar, wo die Zukunft, und die Bestimmung, des Stradivarius liegen sollte: ein sog. „Cup-Pferd“ zu werden. Ein Extremsteher. Und somit ein Pferd, welches die Fans lieben, die „Industrie“ aber fürchtet; die moderne Vollblutzucht zielt auf frühe und schnelle Pferde ab, und sucht sich eben diese auch als Deckhengste aus.

Und wenn ein Capri und ein Crystal Ocean „nur“ in der Hinderniszucht unterkamen, welche Chance wird nun ein Stradivarius haben? Mit seinen vier Goodwood Cups, drei Ascot Gold Cups (Gr.1, und mit 2m4f = ca. 4000m das längste aller Cup-Rennen), drei Lonsdale Cups (Gr. 2, 3300m) und zwei Doncaster Cups (Gr.2, 3600m)? Auch wenn er ein Rekordhalter ist: Kein in Europa trainiertes Pferd gewann mehr Gruppe – Rennen (18) als er, darunter sieben Gr.1 Erfolge. Obwohl Stradivarius eigenhändig dafür sorgte, dass der Millionenbonus einer englischen Versicherung für Siege in drei spezifischen Cup-Rennen nach nur zwei Jahren wieder abgeschafft wurde; er hatte den Bonus in diesen beiden Jahren „abgegriffen“. Auch wenn Besitzer Björn Nielsen seinen Traum von einem Arc-Start auslebte; in diesem Rennen hatten schon Ardross oder Westerner versucht, über die klassische Derby-Distanz ihren Deckhengst-Appeal aufzupolieren; hinter Sottsass reichte es nur zu Platz sieben.

An der Abstammung kann es nicht liegen: sein Vater Sea The Stars muss an dieser Stelle nicht näher beleuchtet werden; seine Mutter, besagte Bering-Tochter Private Life, ist eine Enkelin der großen Pawneese und u.a. zudem Mutter des von Jens Hirschberger trainierten Gr.3. Siegers Persian Strom. Immer wieder hat Nielsen in diesem Jahr eine Anzeige in der Racing Post geschaltet, die unter dem Titel „Du möchtest Speed?“ „Wer ist der Schnellste?“ Stradivarius´ „sectional timings“ auf den letzten sechs-bis achthundert Metern ausgewählter Cup-Rennen in Relation zu den Endzeiten von Top-Pferden auf „klassischen“ Distanzen setzte. Ob es reicht, bleibt abzuwarten. Und festzuhalten: mit Stradivarius verlässt eines der bemerkenswertesten, hochklassigsten und härtesten Pferde der letzten Jahrzehnte die Rennsport-Bühne. Ein Pferd, dass die Massen nicht nur mit seiner Leistung, sondern auch mit seiner Ausstrahlung, seinen kleinen Eigenarten, in seinen Bann zog: laut war er im Führring, seit Jahren schon mit Blick auf die Damenwelt, die er gebührend meinte begrüßen zu müssen. Ein Umstand, der für die ein oder andere Niederlage als Erklärung gelten musste. Der sich aber bis zum letzten Rennen seiner Karriere, im diesjährigen Goodwood Cup, seinen Kampfesgeist und Einsatzwillen bewahrte. Auch wenn es hinter dem amtierenden Ascot Gold Cup Sieger und „new kid on the block“ der Steherszene, Kyprios, zur ersten Niederlage im Rennen (und auf der Rennbahn Goodwood!) kam.

Eine Hufverletzung, dem Vernehmen nach die erste Verletzung seines Lebens überhaupt, setzte der einzigartigen Karriere des Stradivarius nun ein Ende. „Wir waren der Meinung, dass es unfair gewesen wäre, ihn nach dieser Zwangspause als Neunjähriger wieder an den Start zu bringen.“ Erklärte Nielsen gegenüber der Racing Post. Und fügte hinzu:“ Es war eine Freude von Anfang bis zum Ende.“ Die Erinnerung wird bleiben, und die Freude war ganz auf unserer Seite.

Catrin Nack

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