Benjamin Marie - "Rennen reiten kann er"
45 Starts, 24 Siege. Das ist nicht die Bilanz von Ryan Moore in Gruppe I-Rennen in den vergangenen fünf Jahren für Trainer Aidan O’Brien. Es sind die Zahlen, die bei Benjamin Marie in einer Disziplin zu finden sind, die eigentlich nur in Frankreich auf höherem Niveau veranstaltet wird: Trabreiten. Dass der Jockey in dieser Sparte erfolgreich war und ist, liegt in seinen familiären Wurzeln begründet. Sein Vater Bruno ist Trainer von Trabrennpferden, steht in der Nähe von Deauville einem Stall von rund siebzig Pferden vor.
So war es nur logisch, dass sich Benjamin von klein auf mit Trabern beschäftigt hat, als Amateur bisher auch in Frankreich 271 Rennen im Sulky bestritt, dabei 86mal siegreich war. Auch nicht schlecht. Es hätte also durchaus zu einer professionellen Karriere reichen können, doch war der Beruf eines Jockeys einfach faszinierender. Und den übt er aktuell in Deutschland mehr als erfolgreich aus: 17 Rennen hat er dieses Jahr hierzulande gewonnen – hinzu kommt ein Dutzend im Ausland. Sechs Gruppe-Rennen hat er 2026 für sich entschieden, zu Jahresbeginn war es in seiner Vita noch kein einziges gewesen.
„Es passt schon“, sagt der 24jährige, der im Oktober vergangenen Jahres von Trainer Andreas Suborics während des Herbst-Meetings angesprochen und gefragt wurde, ob er sich vorstellen könnte, nach Köln zu kommen. „Damals habe ich abgesagt“, erinnert sich Marie.
Doch ein paar Wochen später musste er nach einem Sturz in Lyon länger pausieren, zum zweiten Mal in der Saison 2025. „Man verliert nicht nur durch die Pause eine Menge Ritte“, sagt er, „denn, wenn man zurückkommt, sind die Pferde, die man vorher geritten hat, von anderen Jockeys besetzt worden. Die haben dann möglicherweise gewonnen und man wird nicht mehr berücksichtigt. Der Konkurrenzkampf in Frankreich ist in der zweiten Reihe enorm groß.“
Dabei ist seine bisherige Bilanz in seinem Heimatland alles andere als schlecht gewesen. Erster Sieg Ende 2018 für seinen damaligen Lehrherren Cedric Boutin in Straßburg, dann als Azubi und Jockey jedes Jahr eine zweistellige Zahl von Siegen. 2024 waren es immerhin fünfzig, allerdings nie auf höherer Ebene, halt an der Basis. Er war bei Freddy Head tätig, zuletzt bei Gavin Hernon, in den großen Rennen ritten aber stets andere.
Also Deutschland. Am 1. März ging es bei Andreas Suborics los und es passte. „Hier gibt es ein gutes Grundgehalt, das ist in Frankreich eher nicht der Fall“, konstatiert er, „allerdings werden dort automatisch Spesen bezahlt, hier muss man für alles selbst aufkommen.“ Und mit der Sprache ist es natürlich auch schwierig, Französisch spricht kaum jemand, es geht halt mit Englisch. Auch für andere Trainer, Benjamin Marie ist inzwischen gut im Geschäft, da er leicht reiten kann, ist er in den Handicaps gefragt.
Der Unterschied zu Frankreich? „Die Atmosphäre auf den Bahnen. In Chantilly ist unter der Woche kein Mensch und auch an Sonntagen ist oft nicht viel los. Hier ist die Stimmung selbst auf den kleinen Bahnen immer sehr gut, das macht einfach mehr Spaß.“
Natürlich sind die Rennpreise im Nachbarland höher, doch in Deutschland ist er inzwischen in jedem Blacktype-Rennen erfolgreich dabei. Weil es im Stall gut läuft. „Der Trainer war früher ein herausragender Jockey“, sagt Benjamin Marie, „der hat schon ein gutes Urteilsvermögen.“ Und was sagt der. „Rennen reiten kann er“, ist das Urteil von Andreas Suborics. Fast schon ein Ritterschlag. Nicht unmöglich, dass die Zusammenarbeit noch etwas dauert. Gekommen, um länger zu bleiben.
Ach so: Der Trabrennsport bleibt natürlich ein Thema. „Möglicherweise gehen Pferde aus dem Stall Anfang nächsten Jahres nach Cagnes-sur-mer“, berichtet Benjamin Marie, „dann fahre ich da unten natürlich auch Trabrennen.“ Um die gute Bilanz aufzubessern.