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Von Tobefair und anderen Cracks

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 455 vom Donnerstag, 16.02.2017

Märchen beginnen mit den Worten „Es war einmal…“, und märchenhafte Geschichten hört man auch im Rennsport gerne. „Es war einmal ein Pferd namens Tobefair“:  der sagenhaften Aufstieg des siebenjährige Central Park-Sohnes, im Training bei Debra Hamer, ist eine DER Feelgood-Geschichten der Saison.  

Debra wer? fragen sich nicht nur Rennsportfans auf der Insel; ihr Name war wirklich nur absoluten Fachleuten ein Begriff. Kein Wunder: große Siege sind nicht verzeichnet, in den letzten fünf Jahren gewann die Trainerin 16 Hürdenrennen, sieben bisher in der laufenden Saison, und derer vier nun Tobefair, der am Samstag in Newbury sein insgesamt siebtes Rennen in Folge gewann und seine Handicapmarke insgesamt um unglaubliche 53 Pfund steigerte.

Nicht genug allerdings für Hamer, die nach dem jüngsten Sieg bemerkte: „Um sicher in Cheltenham zu laufen, musste Tobefair noch ein Rennen bestreiten, sonst hätten wir ihm diesen Start vermutlich erspart. Es ist so aufregend, nun endlich einen Starter in Cheltenham zu haben“. Hamer, die ihr kleines Lot im tiefsten Wales trainiert, betreut Tobefair für das „Down the Quay“ Syndikat , „unten am Kai“ liegt der Pub, in dem man sich gerne trifft. Es ist eine buntgemischte Truppe mit ganz unterschiedlichen Besitzanteilen, 50% liegen in der Hand eines Mannes, dann wieder teilen sich zehn Damen 1/17; inzwischen hat der Wallach natürlich auch eine nicht unerhebliche Fangemeinde, „unten in Wales“ entwickelt er sich auf jeden Fall zu einem der bestgewettesten Pferde des Festivals.

 „Wenn die Leute hier hereinkommen und fragen, wie man eigentlich eine Wette platziert, dann weiß ich schon, sie wollen Tobefair wetten“ stöhnt eine geplagte Angestellte eines lokalen Buchmachers. Seit dem 6. Juni 2015 ist der Wallach nun ungeschlagen, arbeitete sich von Worcester über Chepstow und Ffos Las gen Newbury vor, und wird nun im Pertemps Final vor seiner größten Aufgabe stehen. Er wird neben den Wetten auch die Träume all deren tragen, die noch an eine gewisse Romantik im Sport glauben, und wer sagt denn, dass Märchen nicht einmal wahr werden können?

Nach der so tragischen Niederlage von Thistlecrack ist der Cheltenham Gold Cup ein klein wenig offener. Auch wenn Colin Tizzards Schützling nach wie vor als klarer Favorit bei den Buchmachern notiert, so ist der Nimbus des Unbesiegbaren dahin, und ganz leise Zweifel am Stehvermögen aufgekommen. Vielleicht sucht man das sprichwörtliche Haar in der Suppe  - immerhin gewann Thistlecrack die World (Stayers) Hurdle beim letztjährigen Festival, wie sollte es da an Stamina mangeln? – nun aber haben die Teams um andere Gold Cup Kandidaten doch etwas Hoffnung geschöpft.

So auch Brocade Racing, deren Native River (Trainer: Colin Tizzard) sein drittes Rennen der Saison gewann; der bunte Fuchs hat sich zu einem wahren Star des Szene gemausert und unterstrich seine wunderbare Gesamtform mit einem niemals gefährdeten Sieg in der Gr. 2 Denman Chase (ehemals Aon Chase), auch wenn diese mit nur drei Starter leider etwas spärlich besetzt war. Das über rund 4800m führende Rennen wird erst seit dem Jahr 2000 ausgetragen, doch haben sich bereits nicht weniger als fünf (amtierende und spätere) Cheltenham Gold Cup Sieger in die Siegerliste eingetragen; hier laufen Klasse-Pferde.

Krankheitsbedingt musste der aktuelle Champion Jockey Richard Johnson am Samstag auf seine Ritte verzichten, doch ist dies „sein“ Pferd für den Gold Cup, und nicht nur Johnson gesteht dem Wallach eine außergewöhnlich gute Chance zu. Unkompliziert zu reiten, mit enormen Springvermögen und unendlichem Stehvermögen ausgestattet, bringt Native River viel Positives nach Cheltenham, auch wenn die Form strenggenommen noch etwas unterhalb vom Gr. 1 Level liegt;  als Novice konnte der Wallach in 2016 allerdings in dieser Klasse schon einmal punkten.

Somit hat Tizzard für den Gold Cup mindestens zwei Asse im Ärmel; drei, denn wer möchte schon den Evergreen Cue Card vergessen, der am kommenden Samstag in Ascot seinen Aufgalopp für Cheltenham absolvieren wird und dessen Besitzerin auf jeden Fall erneut im Gold Cup starten möchte. So bis März alles glatt läuft, wird es der bemerkenswert sechste Start des nun 11jähjrigen Wallachs beim Cheltenham Festival werden; mit dem Millionen-Bonus vor Augen kam Cue Card in 2016 drei Sprünge vor dem Ziel zu Fall, das erste  „F“ in seiner so ungemein konstanten Form, die im Moment bei 15 Siegen von 34 Starts und einer Gesamt- Gewinnsumme von über 1,2 Millionen Pfund steht.

Am Sonntag ließ Tizzard weitere Hoffnungsträger Rennbahnluft schnuppern. Hierbei beeindruckte vor allem der von ihm für Ann & Alan Potts trainierte Finian´s Oscar mit einem leichten Sieg in Exeter und steuert nun die Supreme Novice Hurdle an. 

Ein weiterer Pointer für den Gold Cup fand dann am Sonntag auf Irlands Paradebahn Leopardstown statt, der Irish Gold Cup Day ist einer der Top-Tage der grünen Insel, gespickt mit vier hochkarätigen Gr.1 Rennen. Im Gold Cup selber fanden sich sieben Starter ein, wobei Jonjo o´Neill zwei McManus-Schützlinge aus England entsandte. In einer knappen Ankunft besiegte Sizing John (Trainer: Jessica Harrington, Jockey: Robbie Power) das Giggingstown Duo Empire of Dirt und Don Poli (beide Gordon Elliot, Jockeys Jack Kennedy bzw. Danny Mullins).

Der Sieger, wie Finan´s Oscar in den bekannten „Sizing“ Farben von Ann & Alan Potts unterwegs, war erst zu Beginn der Saison in Harringtons Stall gewechselt, nun war sein erster Versuch über drei Meilen gleich ein voller Erfolg. fraglich bleibt, ob es viel weiter sein darf. Leopardstown ist mit seinem flachen Kurs und der kurzen Geraden eine eher „leichte“ Bahn,  doch werden die Bodenverhältnisse in Cheltenham eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Vor allem großen Stehern a la Native River oder Don Poli würde weicher Boden ganz besonders entgegen kommen, während Sizing John dem Vernehmen nach auf jeden Fall guten Boden bevorzugt.  

Von den weiteren Gruppe-Siegern (nur eines dieser Rennen ging an Willie Mullins) beeindruckte vor allem Mega Fortune (Gordon Elliot – Davy Russell), der in der Spring Juvenile Hurdle (Gr. 1, 2m) dem hochgehandelten Favoriten Bapaume  ein sauberes Paar Hufe zeigte und sich im Wettmarkt für die Triumph Hurdle an prominente Stelle schob.

Nicky Hendersons Altior ist ein weiteres ganz besonders Pferd. Nur in sog. Bumper-Rennen (Flachrennen für Hindernis-Pferde) geschlagen, ist der siebenjährige High Chaparral-Sohn nun in neun Starts über Hürden und Chase-Sprünge unbesiegt,  und erneut begeisterte der Wallach am Samstag in Newbury mit seinem sauberen und ökonomischen Springen, er gewann hier gegen erfahrene 2-Meilen-Chaser mit erdrückender Überlegenheit.  Im letzen Jahr in der Supreme Novice Hurdle beim Festival erfolgreich, sollte er in der Arkle Chase eine ungemein scharfe Klinge schlagen. Nicht nur Henderson sieht in dem Wallach den logischen Nachfolger von Sprinter Sacre (tatsächlich erhielt Altior nach dem Sieg am Samstag ein höheres Rating, als es Sprinter Sacre zum vergleichbaren Zeitpunkt seiner Karriere hatte); ihn aber bereits in diesem Jahr gegen Douvan antreten zu lassen, hält der Trainer für verfrüht. „Es gibt nur ein Pferd, mit dem man keinesfalls aufeinander treffen möchte, und das ist Douvan. Wir bleiben auf der Arkle –Route [für Nachwuchs-Chaser] und ich sehe keinen Bedarf, in der Champion Chase selber anzutreten.“  

Cheltenhams erfolgreichster Trainer zeigt auch mit 66 Jahren keinerlei Ermüdungserscheinungen und fährt mit einigen Chancen zum diesjährigen Festival.  „Sein“ Buveur d´Air ist nach diversen hochkarätigen Ausfällen nun Favorit für die Champion Hurdle; Top Notch in der JLT Chase und auch Might Bite (RSA Chase) stehen prominent  im Wettmarkt ihrer jeweiligen Rennen.

 

Catrin Nack

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