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National Hunt-Round Up

Der Lando-Sohn Fox Norton empfiehlt sich für die Champion's Chase. Foto: offiziell

Autor: 

Catrin Nack

TurfTimes: 

Ausgabe 496 vom Donnerstag, 30.11.2017

Gruppe oder Grade 1 Rennen sind die VIP–Klasse des Rennsports, das ist auch im Hindernissport nicht anders. Hier laufen – so will es zumindest die Theorie - die Besten der Besten; kein Chancenausgleich durch hohe Gewichtsvorgaben, und wenn auch gelegentlich ein besonders talentiertes Pferd selbst in dieser Klasse mit seinen Gegnern kurzen Prozeß macht, so müssen doch die 57 (!) Längen, mit denen der Schimmel Bristol de Mai seine Gegner am vergangenen Samstag in der Betfair Chase (Haydock, 3m 1 ½ f) zu Opfern degradierte,  eine Art Rekord sein. Doch war es nicht nur die bemerkenswerte Darbietung eines jungen Pferdes,  in dieser Saison bisher ungeschlagen; es war das Duell „new kid on the block“ gegen einen Star im Herbst seiner Laufbahn, der die Betfair Chase 2017 bereits jetzt zu einem Klassiker des Rennjahres werden ließ.

Sie ist noch recht jung, die National Hunt Saison des Jahres 2017/18. Auch wenn es keinen offiziellen Beginn für diese beste aller Jahreszeiten gibt (Trainer Andrew Balding antwortete als kleiner Junge in der Schule auf die Frage, wie viele Jahreszeiten (im Englischen „seasons“)  es denn gibt, wie aus der Pistole geschossen: „ Zwei !!! Die Flachsaison und die Hindernissaison!!“), so mehren sich die Hindernisrenntage ab Anfang Oktober langsam aber sicher, und mit dem Showcase Meeting zu Cheltenham, welches traditionell Mitte bis Ende Oktober abgehalten wird, ist die echte National Hunt Season endgültig da. 

Wetherbys Charlie Hall Chase (Gr. 2, 3m 45y) ist dann der nächste Höhepunkt, nicht selten starten hier veritable Gr. 1 Pferde in die Saison. In den letzten Jahren auch der inzwischen 11j. Cue Card, ein Pferd wie guter Wein, und in England im Begriff, ein absolutes Kult-Pferd zu werden. Es sind die Kämpfer, die sich auch nach Niederlagen wieder aufrappeln, die Stütze wegstecken und einfach nicht aufgeben, die das Publikum in sein Herz schließt; Cue Card bietet diese Charakterstärke im Überfluss. Zwei Jahre in Folge war er nun beim Cheltenham Festival zu Fall gekommen, am gleichen Sprung noch dazu; diese Saison wird – alleine schon seines Alters wegen – sein Schicksalsjahr.

Wetherby schien da ein optimaler Aufgalopp, 2015 hatte er das Rennen gewonnen, in 2016 als guter Dritter nach Hause gekommen, in 2017 stellten sich ihm vor allem der ehemalige Cheltenham Gold Cup Sieger Coneygree und eben Bristol de Mai in den Weg. Was schon auf dem Papier keineswegs nach einem Spaziergang aussah, wurde auf der Bahn zu einem Desaster,  Coneygree musste – vermeidlich der Sonne wegen – angehalten werden, und ganz Dicke kam es für Cue Card, der unter seinem Stammreiter Paddy Brennan zunächst zögerlich sprang, dann am 15. Sprung (erneut) zu Fall kam. Auch hier hieß der Sieger bereits Bristol de Mai;  obwohl erst sechs, scheint der Schimmel, der naturgemäß von Jahr zu Jahr weißer wird, schon seit Ewigkeiten „dabei“ zu sein, es stehen – im Vergleich zu Cue Cards 39 –  immerhin schon 23 Starts auf der Uhr.

Somit war die Betfair Chase auch eine Art Revanche – mit einiger Brisanz, da sich Trainer Colin Tizzard in der Zwischenzeit entschlossen hatte, Paddy Brennan durch einen neuen Jockey zu ersetzen. Im Siegfall hätte Cue Card das Rennen zum insgesamt vierten Mal gewonnen und damit den Rekord des legendären Kauto Star eingestellt; zudem ist Haydocks Paradeprüfung das erste Gr.1 Rennen der Saison und seit 2015 zusammen mit dem King George und dem Cheltenham Gold Cup erneut Teil einer „Triple Crown“: der Sieger aller drei Rennen erhält neben dem Bonus von einer Million GPB auch die eigens kreierte „Kauto Star Trophy“.

Der Ausfall des amtierenden Gold Cup Siegers Sizing John, der Mitte der Woche aufgrund der Bodenverhältnisse gestrichen wurde (allerdings hatte Trainerin Jessica Harrington im Vorfeld durchaus Zweifel am Allgemeinzustand ihres Schützlings aufkommen lassen) nahm dem Rennen viel von seinem Reiz; tragisch zudem, dass dessen Besitzer Alan Potts nur wenige Wochen zuvor – und nur einige Monate nach dem Tod seiner Frau – ebenfalls verstorben war;  mit Bryan Cooper hatte man zu Beginn der Saison eigens einen Stalljockey für die englischen Starter verpflichtet und schien voller Pläne. Alle Potts-Pferde, darunter auch der Lando-Sohn Fox Norton, welcher sich Mitte November durch einen überlegenen Sieg in Cheltenhams Shloer Chase (Gr.2, 2m) als britische Hoffnung für die Champion Chase etabliert hatte, starteten zunächst mit Trauerarmband und gehören nun der Ann&Alan Potts Limited.

Zurück zur Betfair Chase: mit sechs Startern kam leider nur ein kleines Feld – das zudem nur zwei echte VIP´s hatte-  an den Start, und was auf dem Papier zumindest nach einem Duell aussah, wurde schnell eine one-horse-show, als eben Bristol de Mai direkt nach dem Start die Spitze übernahm, sicher sprang und seine Gegner förmlich aus den Schuhen – pardon, Eisen – galoppierte. Cue Card war auch unter seinem neuen Piloten Harry Cobden (eine Leihgabe aus dem Stall von Paul Nicholls) erneut nicht überzeugend: „Er ist ein Superstar und es ist ein Privileg, ein Pferd wie ihn zu reiten. Ich hatte jedoch schon nach dem zweiten Hindernis kein gutes Gefühl mehr, und musste ihn immer wieder anschieben. Es war seine Klasse, die ihn im Rennen gehalten hat.“ Fand der 19jährige Cobden auch in der Niederlage lobende Worte. Ein zweiter Platz ist sicher keine Schande, doch sicherte sich Cue Card diesen nur durch die Fehler der anderen Starter, kurz, im Moment fehlt die alte Klasse.

Während Bristol de Mai´s Trainer, Evergreen Nigel Twiston-Davies, launig über den weiteren Weg seines Schützlings spekulierte („Alle betonen, dass er vor allem in Haydock ein gutes Pferd ist, weil er auf der Bahn ungeschlagen ist [Anmerkung:  seine drei Siege auf der Bahn, alle auf Gruppe-Ebene, gewann der Schimmel insgesamt mit sage und schreibe 111 Längen], aber ich sage, er ist einfach ein sehr sehr gutes Pferd. Lasst uns einfach weiter gewinnen“), verweigerte sich Colin Tizzard Spekulationen um die Zukunft seines Stars. „Wir sind auf ein besseres Pferd getroffen, aber er war Zweiter. Wir fahren nach Hause und schauen, wie es ihm geht. Dann sehen wir in Ruhe weiter“. 

Dem Vernehmen nach wird man den King George am Boxing Day auslassen, um im neuen Jahr nach einer leichteren Aufgabe für Cue Card zu suchen. In den sozialen Netzwerden wird seit Monaten der Ruhestand des Pferdes gefordert, doch wie twitterte die Enkelin des legendären Ginger McCains? „Wenn es damals schon das Internet gegeben hätte, hätte Red Rum nicht einmal zwei Grand Nationals gewonnen“ – geschweige denn drei!" Auch den großen Kauto Star wollten seine Fans vor lauter Sorge nicht mehr auf der Rennbahn sehen, bis er mit seinen legendären Erfolgen in Haydock und Kempton die Rennsportwelt in Entzücken versetzte.

Entzückt müssen auch die Besitzer Bristol de Mai´s,  Simon Munir und Isaac Souede, sein. Ihre grün-grünen Rennfarben eilen zur Zeit von Erfolg zu Erfolg, der kleine Kämpfer Top Notch (Trainer Nicky Henderson) machte am Wochenende mit seinem Sieg in Ascot´s zur Gruppe 2 zählenden Christy 1965 Chase ein famoses Doppel komplett, Footpad (Trainer: Willie Mullins) machte in Irland vor einigen Wochen beim seinem Debut über die großen Sprünge mächtig Eindruck, und auch in Frankreich waren die Farben zuletzt mehr als prominent unterwegs. Da konnte man verschmerzen, dass L´Ami Serge in der Coral Hurdle (Ascot, Gr.2, 2m3  1/2f) gegen Lil Rockerfeller, der einstmals tatsächlich im Epsom Derby lief und seinen loyalen Besitzern nun über Hürden unendlich viel Freude macht, den Kürzeren ziehen musste. 

Ein gutes Wochenende war es auch für Black Sam Bellamy, der seit einigen Jahren seinen Hafer als Hindernisbeschäler in England verdient. Geduld ist das Zauberwort, wenn man im National Hunt Sport erfolgreich sein möchte, und nach dem treuen The Giant Bolster konnte der Hengst mit Sam Spinner in Haydock´s Stayer Hurdle (Gr.3) einen vielversprechenden Sieger stellen, dann punktete am Sonntag der 5j. Galop Marin in einem Hürdenrennen auf Gruppe 2-Ebene in französischen Hindernis-Mekka Auteuil. Dazu kommen der vielsprechende Captain Cattistock, im Training bei keinem Geringeren als Paul Nicholls, und Nachwuchs-Sieger wie Naranja und Belle Amis - langsam aber sicher kommen die „Blackys“ in Schwung.

A propos Schwung: Auch die Top-Stars von Willie Mullins & Co kommen in Irland in eben diesen, das vorletzte Wochenende sah die langersehnte Rückkehr von Faugheen „the machine“, der fast zweijährige Verletzungspause  beinahe spielerisch beiseite wischte und sich mit einem fulminanten Sieg in Punchestowns Morgiana Hurdle (2m, Gr.1) zurückmeldete. Ein Sieg, der ihn sofort an die Spitze des Wettmarkts der Champion Hurdle katapultierte. Auch Min, in Cheltenham nur von Altior geschlagen und bereits heute einer der Favoriten für die Champion Chase (zumal besagter Altior einige Engagements wegen der gerade in die Schlagzeiten geratenen Wind-Op (Eingriffen an den oberen Atemwege der Pferde) auslassen musste), siegte in einer kleinen Aufgabe spielerisch leicht und steht für große Aufgaben ganz offenbar bereit. Gordon Elliots Apple´s Jade präsentierte sich in großartiger Form und hat für das Wochenende Nennungen in einigen Gruppe 1-Prüfungen. Ebenfalls für Schlagzeilen sorgte der aus dem gleichen Stall stammende Samcro, ein Sohn des hierzulande bestens bekannten Germany. Wie Apple´s Jade in den rot-weißen Farben von Ryanair-Boss Michael o´Leary unterwegs, ist der fünfjährige Fuchs in fünf Rennen ungeschlagen und wird von seinem Team mindestens als zukünftiges Gold Cup Pferd bezeichnet, mindestens.

Weniger gut lief es dagegen zuletzt für Ruby Walsh, zuerst hinderte ihn eine Handverletzung einige Tage am Reiten, dann stürzte er an seinem Comeback-Tag direkt drei Mal in Folge und brach sich beim letzen Sturz zu allem Überfluss ein Bein. Damit wird der Star-Jockey nun mehrere Wochen außer Gefecht sein, soll aber zum Cheltenham Festival auf jeden Fall wieder fit sein. Das ist ja auch erst im März ….

Zunächst einmal steht der Dezember mit all seinen Highlights an: schon Freitag (1.12.) beginnt Newburys Winter-Festival mit einem Paukenschlag, wenn Thistlecrack nach rund 11 Monaten Verletzungspause erstmals wieder eine Rennbahn betritt. Der fünffache Gruppe 1-Sieger hatte zuletzt im Januar dieses Jahres ein Rennen bestritten - eben jene tragische Cotswold Chase am Trials Day in Cheltenham, in der Thistlecrack sich zunächst Many Clouds geschlagen geben musste, und dieser nur Minuten nach diesem so hart errungenen Sieg noch auf der Rennbahn verstarb. Samstag dann die Ladbrokes Trophy, die mehr als fünfzig Jahre lang Hennessy Cognac Gold Cup hieß, und  für viele Fans immer so heißen wird. In Newcastle findet mit der Fighting Fifth Hurdle das nächste Gr. 1 Rennen der Saison statt, hier strebt der deutsch gezogene Irving, immer Doppelsieger dieser Prüfung, einen erneuten Sieg an. Am darauf folgenden Wochenende stehen sowohl die Tingle Creek Chase (Sandown, Gr.1, 2m) als auch mit Aintree´s Becher Chase ein Trial für das Grand National an.  Turf Times wird am Ball bleiben. 

Catrin Nack

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