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Fair oder unfair - Die Debatte zur Erlaubnisregelung für Frauen in Frankreich

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Turf aktuell

TurfTimes: 

Ausgabe 469 vom Donnerstag, 25.05.2017

Anfang Februar, in der nachrichtenarmen Zeit des europäischen Turf-Winters, sorgte die Ankündigung der französischen Dachorganisation France Galop, Frauen in nahezu allen Galopprennen unterhalb der Blacktype-Kategorie eine Gewichtserlaubnis von 2kg einzuräumen, für einigen Wirbel. Das Echo auf diese mit Wirkung zum 1. März umgesetzte Maßnahme, die mehr als 90 Prozent der in Frankreich ausgetragenen Galopprennen betrifft, war geteilt.

Nicht nur im Lager männlicher Jockeys, aus dem sich der Brite Adam Kirby zu Wort meldete und der BBC gegenüber die Maßnahme als „lächerlich“ und die Höhe der Gewichtserlaubnis als „eindeutig zu hoch“ kritisierte, gab es harsche Kritik. Auch unter weiblichen Jockeys rief die französische Initiative nicht nur Beifall hervor. Hayley Turner, die wohl prominenteste Frau der britischen Turf-Szene, die nach einer erfolgreichen Jockey-Karriere ihren Platz im Sattel mit dem Platz hinter dem Mikrofon bei den ITV-Turf-Sendungen getauscht hat, äußerte, dass sie sehr daran zweifele, dass die französische Regelung auf der Insel eingeführt würde und wenn doch, dann wäre sie „ehrlich enttäuscht“. Die nicht mehr selbst von einer Erlaubnisregelung profitierende Hayley, die ihren ersten Gruppe-Sieg übrigens 2008 auf einer deutschen Rennbahn feiern konnte, als sie mit Lady Deauville in Hannover Prince Flori bezwang und damit gleichzeitig auch für den ersten Gruppe-Treffer einer Frau in Deutschland sorgte, war mit ihren Vorbehalten nicht die einzige Frau, die sich kritisch zu Wort meldete.

Josephine Gordon, im vergangenen Jahr Champion der Nachwuchsjockeys in Flachrennen auf der Insel als eine von nur drei Frauen in den 94 Jahren, in denen dieses Championat ausgetragen wird, zeigte sich zuversichtlich, dass auch ohne Erlaubnisregelung eine Frau in den nächsten Jahren zum britischen Jockeychampion avancieren würde. Eine Gewichtserlaubnis würde zwar zu mehr Rittangeboten für Frauen führen, doch sie persönlich fände diesen Vorteil „ein bisschen beleidigend“. Die mit bislang 11 Siegen in diesem Jahr höchst erfolgreich agierende Jane Elliot, Nachwuchsjockey am Quartier von George Margarson in Newmarket, bezeichnete die französische Idee als „etwas herablassend“.

Auf ungeteilte Ablehnung stieß der französische Vorstoß in der Turf-Szene jedoch nicht. Die Schottin Lucy Alexander, die nach ihrem Nachwuchschampionat der Hindernisreiter in der Saison 2012/13 zum ersten weiblichen Profi-Jockey Schottlands wurde, begrüßte die Erlaubnisregelung in Frankreich und forderte den britischen Dachverband auf, eine solche Maßnahme auch für britische Rennen zu prüfen. Tony McCoy, vor zwei Jahren nach 20 Championaten in Serie zurückgetretene Legende der britischen Hindernisjockeys, unterstützte die französische Maßnahme ausdrücklich in mehreren Stellungnahmen. Auch außerhalb Europas fand das Thema in Turf-Kreises Widerhall. So meldete sich aus Australien auch Michelle Payne zu Wort. Die 32jährige Payne, die 2015 als erste Frau im Sattel des 1000:10 Außenseiters Prince of Penzance den Melbourne Cup gewann, sieht in der neuen französischen Erlaubnisregelung einen „netten Anreiz“, Frauen mehr Chancen im Rennsattel zu geben, und begrüßte den Schritt daher. Die Australierin hatte sich in Interviews nach ihrem Triumph im Melbourne Cup sehr kritisch mit der Frage der Chancengleichheit der Geschlechter im Galoppsport auseinandergesetzt und den Turf insgesamt als „chauvinistische Sportart“ bezeichnet.

Paynes Erwartung, dass Frauen in französischen Rennen durch die Erlaubnisregelung mehr Chancen bekommen würden, hat sich nach ersten Zahlen, die von Francois Boulard, einem der Direktoren von France Galop, in der letzten Woche bekanntgegeben wurden, durchaus bestätigt. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hatten Frauen 25% mehr Ritte in französischen Rennen. Ihre Siegzahl steigerte sich um mehr als 80%, die Platzierungszahl legte um 125% zu. Boulard zeigte sich zufrieden mit diesen vorläufigen Zahlen und kündigte eine detaillierte Analyse der Auswirkungen für Anfang Juni an, wenn ein kompletter Drei-Monats-Zeitraum mit Daten zur Verfügung stünde.

Auch Eduard Baron de Rothschild, Präsident von France Galop und treibende Kraft hinter der Einführung der Erlaubnisregelung für Frauen, äußerte sich nochmals sehr bestimmt: „Fair oder unfair, ob es männliche und weibliche Jockey mögen oder nicht, das ist alles nicht relevant“, ließ er sich von der britischen Zeitung The Guardian zitieren. Der entscheidende Punkt sei, dass der Galoppsport die Herausforderung meistern müsse, mehr Menschen zu begeistern und neue Interessenten in jungen Generationen zu finden. Galopprennen hätten die Besonderheit, dass Männer und Frauen im selben Wettbewerb miteinander konkurrieren würden und diesen Aspekt müsse man fördern. Ob 2kg Erlaubnis nun richtig, falsch, perfekt oder gerecht sei, wisse er auch nicht, doch man sähe, dass es dadurch mehr Chance für Frauen in französischen Galopprennen gäbe. Auf diesem Weg wolle Frankreich weiter vorangehen.

Es bleibt abzuwarten, wie sich das Thema in Frankreich und den anderen Turf-Nationen weiterentwickelt. Die britische Dachorganisation British Horseracing Authority hat bereits ihr Interesse an den französischen Ergebnissen bekundet und will auf deren Basis eigene Schritte diskutieren. Die britische Jockeyvereinigung PJA, die nach eigenem Bekunden vom französischen Vorpreschen in der Frage der Erlaubnisregelung völlig überrascht wurde, hat eine Mitgliederbefragung zum Thema angekündigt und will sich in den Diskussionsprozess einbringen.

Neue Nahrung könnte die öffentliche Diskussion zur Rolle von Frauen in der britischen Turf-Szene auch durch das bevorstehende englische Derby in Epsom bekommen. Derzeit weist die Nennungsliste für den am ersten Juni-Samstag anstehenden Klassiker nach dem letzten Streichungstermin am vergangenen Dienstag noch 26 Nennungen auf. Darunter befindet sich auch die Yeats-Tochter Diore Lia aus dem Quartier von Jane Chapple-Hyam, der Ex-Ehefrau von Peter Chapple-Hyam. Die Stute ist nach zwei Starts noch sieglos, zuletzt war sie in einem kleinen Rennen in Lingfield Fünfte, dennoch hat man ihre Derby-Nennung aufrechterhalten. Sollte sie nicht dem Starterlimit (max. 20 Teilnehmer können im Derby starten) zum Opfer fallen, so wird sie in Epsom an den Ablauf kommen und dabei mit der aus Australien einfliegenden Michelle Payne einen prominenten weiblichen Jockey im Sattel haben. Eine Außenseiterquote in der Region von 1000:10 dürfte Diore Lia dabei sicher sein. Sollte sich dann das Melbourne Cup Märchen wiederholen, so wird nach dem ersten Derby-Erfolg eines rein weiblichen Teams die Diskussion über die Rolle von Frauen in einer „chauvinistischen Sportart“ nicht nur in Australien geführt werden.

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