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Ein Derby wie ein Speed-Dating

Autor: 

Frauke Delius

TurfTimes: 

Ausgabe 474 vom Donnerstag, 29.06.2017
Hut ab, wer da die Übersicht behält: Trainer Markus Klug mit seinen sieben Kandidaten für das IDEE 148. Deutsche Derby. Foto: Dequia.deHut ab, wer da die Übersicht behält: Trainer Markus Klug mit seinen sieben Kandidaten für das IDEE 148. Deutsche Derby. Foto: Dequia.de

Das diesjährige Derby-Meeting in Hamburg-Horn hat etwas von einem Speed-Dating. Kaum hat es angefangen, zack, steht auch schon das „Rennen des Jahres“ ins Haus. Das IDEE 148. Deutsche Derby wird am dritten Renntag gelaufen und auch danach geht es weiter im und mit Galopp ohne Pause bis Mittwoch. Grund: Der wenige Tage später beginnende G20-Gipfel in der Hansestadt und der Terminkalender des deutschen Turfs, der auch von der PMU mit getaktet wird, die an den letzten drei Tagen die Rennen nach Frankreich überträgt.  Obwohl die wichtigste Zuchtprüfung des deutschen Turfs ja eigentlich (fast) immer  am 1. Juli-Sonntag stattfindet … Aber: Die Ausnahme wird nicht zur Regel werden, heißt es, im nächsten Jahr soll das Derby wieder am Schlusstag des Meetings gelaufen werden. 

Die Derbyboxen gut gefüllt 

Das Derby-Feld, das an diesem 2. Juli auf die Reise geschickt wird, ist voller als im Vorfeld gemeinhin erwartet. 19 Boxen sind belegt. Die erhoffte Nachnennung aus dem Ausland, die dem Hamburger Renn-Club nicht nur Geld in die Kasse gebracht sondern dem Rennen auch eine höhere internationale Reputation verliehen hätte, blieb aus. Zwar lösen die letzten fünf Kandidaten mit einem GAG unter 80 Kg sportlich nicht zwingend das ein, was man sich von einem Derbystarter erhofft, aber sie haben die Voraussetzungen erfüllt, um teilnehmen zu dürfen: Sie sind drei Jahre alt, sind in einem anerkannten Gestütsbuch für Volllblut registriert, sind noch im Vollbesitz ihrer männlichen Körperteile, sprich: sind nicht kastriert, und ihre Besitzer haben 7.500 Euro an Nenngeldern für ihre Teilnahme an diesem Rennen bezahlt. So einfach kann es sein, einen Derbystarter zu haben! Die Sache muss es einem nur wert sein. Das Derby zieht bei den Vollblut-Enthusiasten also noch immer. 

Hier gibt es die Stimmen der Trainer Markus Klug, Andreas Wöhler und Peter Schiergen zu ihren Derbystartern: Klick!

Das Derby und die Öffentlichkeit 

Wie die Öffentlichkeit das Derby mit der kurzen Einlaufphase annimmt, wird spannend. Mit zusätzlichen Attraktionen wie einem Foodtruck-Festival, einem besser bestückten Marktplatz, Social-Media-Aktivitäten und einer neuen Webseite versuchen die Hamburger Derby-Macher mit neuen Kräften im Back-Office auch neue, jüngere Besuchergruppen zu begeistern. Sicher nicht der schlechteste Weg. Auf der anderen Seite hat jüngst eine Dokumentation mit dem richtungsweisenden Titel „Das kurze Leben der Rennpferde“ – ausgestrahlt ausgerechnet vom Heimatsender NDR - für Anti-Werbung der schlechtesten Art gesorgt. Die Tierschutzorganisationen haben zu zahlreichen Protestaktionen rund ums Derby aufgerufen. Wirkliche Gegenmaßnahmen, auch die der positiven Darstellung des Rennsports, sind bisher weder vom Renn-Club noch vom Dachverband erkennbar. Dass der Protest um den Derbysieger des letzten Jahres, Isfahan, noch immer nicht abgeschlossen ist, tut ein Übriges zur nicht gerade prickelnden Stimmung im deutschen Galopprennsport. Champagner wird es beim Derby-Dinner im Hotel Atlantic am Samstag vor dem Rennen um das Blaue Band trotzdem wieder geben: Zur Ehren des Besitzers des Vorjahressiegers, Dr. Stefan Oschmann von Darius Racing, der hoffentlich auch kommen wird, und sich nicht die Laune durch die Dauerklagen der Entourage des Derby-Dritten hat verderben lassen. Immerhin: Das Derby soll vom NDR im Rahmen der Berichterstattung rund um die Tour de France live übertragen werden, wurde deshalb eigens auf 15:40 Uhr vorverlegt. 

Neues Derby, neues Glück 

Der deutsche Rennsport braucht mal wieder einen Superstar. Die letzten Derbysieger tanzten zu kurz, um wirklich Geschichte zu schreiben. Immerhin, anders als die NDR-Doku es aussagen will, leben sie alle ein ziemlich fröhliches Leben als Deckhengst, nur das Leben auf der Rennbahn war in der Tat kurz, zu kurz, um wirklich neue Fans für den Sport zu erreichen, zum neuen Kultpferd aufzusteigen. Gibt es da vielleicht einen Kandidaten im Derbyjahrgang 2017?   

Sieben Pferde auf einen Streich 

Wer kann das besser beurteilen als der Trainer, der gleich sieben Pferde ins Rennen schickt? Markus Klug, Trainer in Köln-Heumar, in der noblen Traingsanlage des Gestüts Röttgen. Das gab es in der langen Geschichte des Derbys, das seit 1869 gelaufen wird, auch noch nicht. Doch Klug, der mit Colomano (96 Kg), Windstoß (95,5 Kg) und Northsea Star (94 Kg) die drei Erstplazierten der entscheidenden Derby-Vorprüfung, dem 182. Oppenheim Union-Rennen, Gr. II, stellte, stapelt tief: „Vorne stehen einige Pferde, die das Derby gewinnen können. Dafür muss man sich nur das Union-Rennen noch einmal anschauen, denn der Viertplatzierte Warring States, aber auch der Sechste Monreal, werden in Hamburg sicher ganz anders auftreten. So viele Starter zu haben, heißt nicht, dass man automatisch auch gewinnt. Bei der Diana im letzten Jahr hatte ich auch sieben Starterinnen und am Ende einen 4. Platz als beste Platzierung.“ 

Glück und Pech liegen eng beieinander 

Die Einschätzung der Handicapper bei den Top-Ten auf der Liste lässt in der Tat Raum für viele Spekulation, so groß sind die Unterschiede nicht. Und es gibt einige Kandidaten darunter, die alles andere als optimale Bedingungen in den Derby-Vorprüfungen hatten, so dass sie möglicherweise noch einiges mehr im Tank haben. Dazu gehört auch die Nr. 1 Colomano, dem im Dr. Busch-Memorial (4.) und im Preis des Winterfavoriten (5.) das Pech an den Hufen klebte. Nach dem Ausfall von Adrie de Vries, der Nr. 1 der Jockeys im Stall, der nach einem Fingerbruch ausfällt und weiter auf seinen ersten Derbysieg wird warten müssen, wird Andreas Helfenbein wie schon im Union-Rennen in Köln den Cacique-Sohn für den Stall Reckendorf reiten. „Das soll wohl so sein“, meint er mit unverhohlener Freude über die große Chance, und hat dabei, wie wohl die meisten Kenner der Derbygeschichten, das Gefühl von ausgleichender Gerechtigkeit im Sinn, war ihm doch die Chance auf den Ritt auf der Nr. 1 vor drei Jahren genommen worden. 

Hätte man kaufen können: Aber Windstoß verließ als Lot 56 bei der BBAG-Herbstauktion unverkauft den Ring und kam zurück zu seinem Züchter: Holt der Shirocco-Sohn nun den langersehnten Derbysieg auf den das Gestüt Röttgen sein Uomos Erfolg von 1959 warten muss. www.galoppfoto.de - Sarah BauerHätte man kaufen können: Aber Windstoß verließ als Lot 56 bei der BBAG-Herbstauktion unverkauft den Ring und kam zurück zu seinem Züchter: Holt der Shirocco-Sohn nun den langersehnten Derbysieg auf den das Gestüt Röttgen sein Uomos Erfolg von 1959 warten muss. www.galoppfoto.de - Sarah BauerAuch die Nr. 2, Windstoß, der in den Farben des Gestüt Röttgens läuft, musste schon einiges wegstecken. Der Shirocco-Sohn stürzte im Derby-Trial in Hannover schwer und kämpfte sich eine Woche später im Union-Rennen zu einem auch für Trainer Markus Klug unerwarteten starken 2. Platz: „Windstoß ist das Pferd, das mich am meisten berührt. Der muss gar nichts mehr beweisen. Nach seinem Sturz sollte er eigentlich nur wieder eine positive Erfahrung sammeln und dann so eine Leistung.“ Zuvor hatte der Shirocco-Sohn bereits im Düsseldorfer Derby-Trial überrascht. Auf die Nachfrage, ob es nicht mal wieder an der Zeit für einen Röttgener Derbysieg wäre, antwortet Klug wie aus der Pistole geschossen: „Der letzte Sieg war 1959 mit Uomo. Klar, das wäre schon eine tolle Sache. Aber ich würde mich für jedes andere Pferde genauso freuen.“ Von seinen sieben Startern ist explizit noch der Wittekindshofer Northsea Star (94 Kg/4.) herauszuheben, Dritter in der Union, Vierter in den Bavarian Classic, beide Mal wäre bei einen anderen Rennverlauf mehr drin gewesen: „In Hamburg wird das Rennen in jedem Fall schneller gelaufen werden, das wird ihm entgegenkommen.“ 

Wo sind die Gegner? 

Nach dem Sieg im Ittlingen Derby Trial, Gr. III, in Baden-Baden: Simon Stokes (links) für das Gestüt Fährhof und Mitbesitzer Klaus Allofs mit Langtang und Eduardo Pedroza, der beim Derby jedoch auf Warring States Platz nimmt und den Sattel auf der Nr. 3 im Feld seinem Kollegen Jozef Bojko überläßt. www.galoppfoto.de - Sarah BauerNach dem Sieg im Ittlingen Derby Trial, Gr. III, in Baden-Baden: Simon Stokes (links) für das Gestüt Fährhof und Mitbesitzer Klaus Allofs mit Langtang und Eduardo Pedroza, der beim Derby jedoch auf Warring States Platz nimmt und den Sattel auf der Nr. 3 im Feld seinem Kollegen Jozef Bojko überläßt. www.galoppfoto.de - Sarah BauerIn Spexart bei Gütersloh hatte Eduardo Pedroza als 1. Mann am Rennstall Wöhler die Qual der Wahl und hat sich für Qatar Racings Warring States entschieden. Jozef Bojko reitet mit Langtang das Pferd, das als Winterfavorit lange die Nr. 1 auf dem Derby-Wettmarkt war. Auch im Ittlingen Derby-Trial, Gr. III, hat der Campanologist-Sohn, der in den Farben von Klaus Allofs und der Stiftung Gestüt Fährhof läuft, alles richtig gemacht. Seitdem hat er sich aber auf keiner Rennbahn mehr blicken lassen. Was kein Nachteil sein muss. Auch Waldpark hat Wöhler vor dem 142. Deutschen Derby nach dem Badener Sieg so eine Pause verordnet, mit Erfolg. 

Das Fährhof-Derby 

So oder so, für Andreas Jacobs, der in Personalunion für die Stiftung Gestüt Fährhof und das Newsells Park Stud steht wird es ein spannendes Derby werden. Denn er ist damit nicht nur Mitbesitzer und Züchter der Nummer 3 Langtang (Campanologist)und der Nummer 8 Kastano (Nathaniel), sondern zugleich auch Züchter der Nummer 1 Colomano (Cacique) und der 6 Enjoy Vijay (Nathaniel), der die Wahl von Andrasch Starke ist, der wie kein Zweiter weiß, wie man in Hamburg im Derby den Zielstrich als erster überquert. Ihm ist das gleich sieben Mal gelungen, zuletzt 2015 mit Nutan, den ebenfalls kaum einer auf der Rechnung hatte. 

Dem Nachwuchs eine Chance

Darf sich freuen: Maxim Pecheur darf den Co-Favoriten Windstoß im Derby reiten. www.galoppfoto.de - Frank SorgeDarf sich freuen: Maxim Pecheur darf den Co-Favoriten Windstoß im Derby reiten. www.galoppfoto.de - Frank SorgeAufregend wird es auch für Sibylle Vogt: Sie ist nach Monika Blasczyk, Steffi Hofer und Eva-Maria Zwingelstein die vierte Frau, die beim Derby im Sattel sitzen darf. www.galoppfoto.de - Sarah BauerAufregend wird es auch für Sibylle Vogt: Sie ist nach Monika Blasczyk, Steffi Hofer und Eva-Maria Zwingelstein die vierte Frau, die beim Derby im Sattel sitzen darf. www.galoppfoto.de - Sarah BauerFür die Überraschung bei der Frage "Wer reitet wen" sorgte auch Markus Klug, der mit einer Ausnahme - Shanjo mit Ioritz Mendizabal - auf den Einsatz ausländischer Jockeys verzichtet und auf den Nachwuchs setzt. So bekommt Maxim Pecheur die große Chance auf der Nr. 2 Windstoß, den er auch in der Union auf den 2. Platz gesteuert hat. Und nachdem auch alle anderen Reiter aus seinem Stall eine Chance bekamen, ging auch Sibylle Vogt nicht leer aus, die sich in den Sattel von Sternkranz schwingt. Die Kollegen halten es ähnlich. Einzig Fabrice Veron und der Nachwuchsreiter Clément Lecoeuvre reisen aus Frankreich an. 

Und wie wird das Wetter? 

Jetzt gilt der bange Blick mal wieder dem Wetter, denn wenn es in Hamburg ordentlich regnet – und das tut es aus unerfindlichen Gründen wenigstens alle zwei Jahre passend zum Meeting, dann wird das Geläuf auch nach nur zwei Renntagen gelitten haben. Die Regenwahrscheinlichkeit ist hoch, vor allen an den ersten beiden Tagen des Meetings. Am Sonntag sieht man auf der Wetterkarten auch wieder die Sonne aufblitzen und darf hoffen, dass das Derby einigermaßen trocken über die Bühne geht.

 

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