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Der Chef-Manager Jan Antony Vogel nach 45-Anti-Galopp-Minuten im NDR: "Wir sind für alle Anregungen offen"

Der Chefmanager des deutschen Galopprennsports  Jan-Antony Vogel. www.galoppfoto.de

Autor: 

Frauke Delius

TurfTimes: 

Ausgabe 468 vom Donnerstag, 18.05.2017
Der Titel der 45-minütigen Dokumentation „Das kurze Leben der Rennpferde“, die am späten Montagabend im 3. Programm des NDR gesendet worden ist, war richtungsweisend. So durfte niemand wirklich überrascht sein über das durchweg negative Bild, das dort vom deutschen Galopprennsport gezeichnet worden ist. Der Sturm der Entrüstung war und ist immer noch groß. Bei denen, die sich ungerecht und falsch dargestellt fühlen, aber noch mehr bei denen, die die Dokumentation gesehen und den Rennsport nun wahlweise als „Tierquälerei“, „geldgeile Abzocke“ oder „eitle Selbstdarstellung einer elitären Minderheit auf Kosten der Pferde" sehen – und das sind noch die harmloseren Kommentare, die zu lesen waren.  Und: Anders als früher „versendet“ sich so etwas nicht mehr einfach so, denn in sozialen Netzwerken wie YouTube, Facebook und Co. werden Geschichten wie diese immer wieder geteilt, tausendfach kommentiert und somit am Leben erhalten. Das macht Meinung. Was nun? Das fragen wir Jan Antony Vogel, den Chefmanager des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen: Wie geht der Verband mit so einem 45-minütigen Watsche gegen den Rennsport um?
 
Turf-Times: Mit welchen Gefühlen haben Sie die Dokumentation am Montag erlebt?

Jan Antony Vogel: "Wir wussten, was auf uns zukommt. Der Film war ja für kurze Zeit schon vorher im Netz zu sehen. Leider konnten wir die Ausstrahlung nicht verhindern. Eine Abmahnung haben wir auf den Weg gebracht, die wird noch verhandelt werden."
 
Info-Box
NDR-Webseite mit dem Video, einem Interview von Dr. Maximilian Pick und einem Statement zur Kritik an der Dokumentation: Klick!
German Racing mit Reaktionen zur Dokumentation: Klick!
Offener Brief der der ehemaligen Rennreiterin und Tierschützerin Andrea Glomba an den NDR: Klick!
Die Tierheilkundlerin Sabrina Binzenbach 2012 bei Chevalie mit im Vgl. zur NDR-Dokumentation widersprüchlichen Aussagen zu Aspantau: Klick!
Video von Aspantau beim Sieg in Bad Harzburg zwei Monate vor dem Verkauf: Klick!


Turf-Times: Worum geht es in der Abmahnung?

Jan Antony Vogel: „Zunächst nur um die Rennbilder, die ohne unsere Zustimmung gesendet worden sind. Also auch die Bilder von verunglückten Pferden, die alle zum Teil schon mehrere Jahre alt sind. Aber auch die Bilder von der Startstelle. Die unterliegen dem Copyright. Wir sind von der Produktionsfirma oder dem NDR nie gefragt worden. Manche Bilder waren öffentlich gar nicht zugänglich.“

Turf-Times: Die Wogen gehen ja hoch. Manche Aktive, die im Film gezeigt werden, fühlen sich hinters Licht geführt. Angeblich wären die Dreharbeiten unter ganz anderen Vorzeichen angekündigt worden. Sie werden ja auch in der Dokumentation interviewt, können Sie das bestätigen?

Jan Antony Vogel: "Ich weiß nicht, wie das in den Rennställen oder auf den Bahnen abgelaufen ist. Bei uns haben die sich angemeldet und wir wussten, wer da kommt. Die Autorin Antonia Coenen hat eine Dokumentation mit ähnlicher Ausprägung ja auch in anderen Pferdesportbereichen gemacht, auch da kam Dr. Maximilian Pick (agiert als ehemaliger Rennbahntierarzt nun als schärfster Kritiker des Rennsports, Anmerkung der Redaktion) vor. Sie hat drei Stunden bei uns gedreht und aus ihrer Einstellung keinen Hehl gemacht. Wir standen vor der Entscheidung, uns entweder gar nicht zu äußern oder offen unsere Sicht der Dinge darzustellen. Wir haben uns für letzteres entschieden."

Turf-Times: Das Ergebnis ist aber alles andere als gut für den Rennsport.

Jan Antony Vogel: "Da haben Sie absolut recht. Aber wir sind in einer angreifbaren Position. Man kann solche Berichte nicht wirklich verhindern, obwohl unsere Anwälte natürlich prüfen, inwieweit Sie gegen einzelne Details, die aus unserer Sicht falsch dargestellt werden, vorgehen können. Aber der Pferdesport generell steht in der Kritik, wir dürfen da jetzt nicht den Fehler machen, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Der Rennsport hat das zusätzliche Problem, dass sich alles in der Öffentlichkeit abspielt. Wenn wir dann Leistungsprüfungen, und das sind unsere Rennen, schon für zweijährige Pferde machen und Hilfsmittel zulassen wie die Peitsche oder das Zungenband, dann sind wir angreifbar. Wir müssen damit umgehen und uns der Kritik stellen."

Turf-Times: Also hat Dr. Pick mit seiner Kritik sogar recht?

Jan Antony Vogel: "Nein, so einfach ist das nicht. Wir könnten Ihnen jetzt zig Tierärzte benennen, die das genaue Gegenteil behaupten. Aber das nutzt uns alles nichts, wenn diese ein Teil des Systems sind. Natürlich halten wir uns an die Tierschutzbestimmungen und haben in der Rennordnung schon viele Regeln neu und strenger gefasst, aber wenn wir ganz ehrlich sind, dann sind viele Dinge zwar rechtlich erlaubt, aber wissenschaftlich noch gar nicht belegt. Weder in die eine, noch in die andere Richtung. Inwieweit empfindet ein Pferd beim Einsatz der Peitsche Schmerzen? Was bringt die Peitsche eigentlich, laufen die Pferde damit überhaupt schneller? Ich persönlich möchte solche Bilder wie vom letztjährigen Derby auch nicht sehen. Die tun mir weh. Wir brauchen unabhängige Gutachter. Deshalb habe ich schon nach dem letztjährigen Derby einen „Round Table“ mit Experten aus allen Lagern und unabhängigen Wissenschaftlern der Medizinischen Hochschule angeregt, der Anfang Juni erstmals zusammenkommt. Mit der Ausstrahlung der Dokumentation hat das gar nichts direkt zu tun, aber nun sieht man umso deutlicher, wie wichtig so etwas ist."

Turf-Times: Ein Hauptkritikpunkt in der Dokumentation ist ja auch die Frage, was passiert mit den Pferden, wenn sie keine Rennen mehr laufen können und auch nicht für die Zucht in Frage kommen?

Jan Antony Vogel: "In der Regel ist es so, dass sich die Trainer und Besitzer um eine gute Unterbringung der Pferde kümmern, aber richtig ist auch, dass wir das nicht wirklich nachhalten können. Das gilt aber im Übrigen auch nicht nur für den Rennsport. Ich züchte beispielsweise seit vielen Jahren auch Warmblutpferde und verkaufe diese auch, aber ich weiß nicht, was der neue Besitzer mit meinem Pferd anstellt. Ich kann dem nicht hinter die Stirn schauen und das nicht kontrollieren. Noch schwieriger wird es, wenn ein Pferd in die nächste Hand geht. In der Freizeitreiterei verschwinden Pferde manchmal völlig von der Bildfläche. Im Rennsport wird, wenn der neue Besitzer das von sich aus anzeigt, zumindest der Besitzwechsel festgehalten."
 
Fünf Jahre nach Karriereende auf einmal wieder im Fokus: Der damals vierjährige Wallach Aspantau - nach einer tierärztlichen Untersuchung, am Tag  als er den Rennstall verlassen hat. Foto: privatFünf Jahre nach Karriereende auf einmal wieder im Fokus: Der damals vierjährige Wallach Aspantau - nach einer tierärztlichen Untersuchung, am Tag als er den Rennstall verlassen hat. Foto: privat

Turf-Times: Und dann kommen die mit einem Aspantau an … kurz gesagt behauptet die jetzige Besitzerin, die sich „Tiernaturheilkundlerin“ nennt, was ja ein nicht geschützter Beruf ist, dass das Pferd ein körperliches und seelisches Wrack gewesen sei, als es mit vier Jahren zu ihr gekommen sei, sozial so verstört, dass er sie mit den Hufen habe töten wollen. Dabei gibt es Videos und Fotos, die das Pferd noch wenige Tage vorher noch sehr friedlich und in bester Kondition und Haltung bei einer Siegerehrung zeigen.

Jan Antony Vogel: "Auch das lassen wir prüfen. Bei uns arbeiten Profis, die ihren Beruf gelernt haben. Einen Meisterbrief haben. Das Pferd war im Rennbetrieb, hatte kurz vorher noch gewonnen."
 
Turf-Times: Da wurde ja vor allem die emotionale Ebene angesprochen, was hat der Verband dagegen zu setzen? German Racing hat zwar schnell reagiert und über Facebook einen Aufruf gestartet, in dem nach Beispielen von glücklichen Ex-Rennpferden gefragt wurde, die auch reichlich gepostet wurden, dazu gab es dann noch ein paar Beispiele von „Pferdestationen“, Webseiten wie „Rennpferde in Rente“ und nett gemachten Videos – aber das alles waren keine Eigenleistungen. Was machen Sie denn jetzt mit den ganzen Fotos und Positiv-Beispielen? Oder wollen Sie die Peta weiter vor den Rennbahnen unwidersprochen demonstrieren lassen? 

Jan Antony Vogel: "Darüber müssen wir in der Tat nachdenken. Das Engagement der Galoppsport-Gemeinschaft haben wir wahrgenommen. Das Thema Tierschutz ist von herausragender Bedeutung. Und was die ehemaligen Rennpferde angeht, da machen uns die Engländer vor, wie das geht."

Turf-Times: Wie wäre es, die Idee einer Webseite wie „Rennpferde in Rente“ aufzugreifen oder die ehemaligen vierbeinigen Stars einfach mal auf der Rennbahn zu präsentieren …?

Jan Antony Vogel: „Ich bin für alle Anregungen offen. Wir müssen da ran, auch wenn einige vielleicht die Dringlichkeit noch nicht so sehen.“

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